Neuer Lebensmut dank Freundschaft

Interessante Mischung aus romantischer Komödie und Familiendrama: Sandra Nettelbecks „Mr. Morgan's Last Love“ Von José García

Als der zurückgezogene, lebensmüde Amerikaner Matthew Morgan (Michael Caine) in Paris der jungen, lebensfrohen Pauline (Clémence Poésy) begegnet, erwacht in ihm neuer Lebensmut. Foto: Senator
Als der zurückgezogene, lebensmüde Amerikaner Matthew Morgan (Michael Caine) in Paris der jungen, lebensfrohen Pauline (... Foto: Senator

Obwohl der ehemalige College-Professor Matthew Morgan (Michael Caine) seit Jahren in Paris lebt, spricht er kaum Französisch. In die Vereinigten Staaten, wo seine erwachsenen Kinder Karen (Gillian Anderson) und Miles (Justin Kirk) wohnen, will er jedoch nicht zurück, weil er in Paris mit seiner vor drei Jahren gestorbenen Frau Joan (Jane Alexander) die letzte gemeinsame Zeit verbracht hat. Wie sehr er sie liebte, erfährt der Zuschauer in einer Art Prolog: Nur mit Gewalt kann Mr. Morgan von seiner toten Frau getrennt werden. Seine gesellschaftlichen Kontakte beschränken sich inzwischen auf das wöchentliche Mittagessen mit Colette Léry (Anne Alvaro), einer Frau mittleren Alters, die mit ihm englische Konversation übt, die aber bald Paris verlassen muss. So fühlt sich der inzwischen in den Achtzigern stehende Mr. Morgan einsam und langsam auch des Lebens müde.

Dies ändert sich jedoch schlagartig, als er eines Tages rein zufällig der jungen Pauline (Clémence Poésy) in einem Bus begegnet. Sie bietet ihm zunächst ihre Hilfe an, und besteht darauf, den sturen alten Mann nach Hause zu begleiten. Als Mr. Morgan einige Zeit später wieder im Bus auf Pauline trifft, entwickelt sich auf ausgedehnten Spaziergängen durch Paris, bei Mittagessen im Park und einer Reise aufs Land zwischen Pauline und Mr. Morgan über alle Altersunterschiede hinweg eine tiefe Freundschaft. Auf den ehemaligen Professor wirken Paulines Natürlichkeit und Lebensfreude einfach entwaffnend. Sie, die ihre Eltern früh durch einen Unfall verlor, findet wiederum bei Matthew Morgan die familiäre Geborgenheit, nach der sie sich sehnt. Auf einmal interessiert sich Mr. Morgan für Tanzstunden, denn Pauline arbeitet als Tanzlehrerin. Dennoch versucht sich der ehemalige Professor das Leben zu nehmen. Seine besorgten Kinder fliegen nach Paris und sind ganz verstört, als sie im Krankenhaus Pauline kennenlernen, weil sie die Beziehung der jungen Frau zu ihrem Vater falsch deuten. Nachdem sich die Situation geklärt hat, reist Karen nach Hause zurück. Der von seiner Frau verlassene Miles bleibt vorerst in Paris, weil er sein gespanntes Verhältnis zu seinem Vater aufarbeiten will, wohl aber auch, weil er an Pauline Gefallen gefunden hat.

„Mr. Morgan's Last Love“ basiert zwar auf dem Roman „Die letzte Liebe des Monsieur Armand“ von Françoise Dorner. Aber Drehbuchautorin und Regisseurin Sandra Nettelbeck hat den ehemaligen französischen in einen amerikanischen Philosophieprofessor verwandelt. Dazu führt die deutsche Filmregisseurin, die ihren letzten Spielfilm „Helen“ (DT vom 26.11.2009) ebenfalls auf Englisch gedreht hatte, aus: „Das war meine Annäherung an die Geschichte, denn damit ich etwas zu schreiben in der Lage bin, muss es persönlich sein. Ich wäre die Falsche gewesen für einen französischen Film mit einer französischen Hauptfigur. Mir gefiel die Idee, die klassische Geschichte eines Amerikaners in Paris neu aufzugreifen, mit den Klischees zu spielen und von dem Aufeinanderprallen der beiden Kulturen zu erzählen.“ Sandra Nettelbeck, die im Jahre 2001 mit „Bella Martha“ international bekannt wurde, spielt gekonnt mit den Klischees. Aus der Konfrontation zwischen amerikanischer und französischer Kultur sowie aus dem Gemeinplatz des Amerikaners in Paris bezieht „Mr. Morgan’s Last Love“ denn auch seine Komik insbesondere in der ersten Filmhälfte. Nettelbecks Film liefert aber auch eine andere subtile Anspielung in dem Buch, das der ehemalige Professor Pauline ausleiht, eine Ausgabe von E.E. Cummings. Denn ein Gedicht von diesem amerikanischen Autor spielt eine zentrale Rolle in dem Film, der Michael Caine seinen ersten Oscar einbrachte, Woody Allens „Hannah und ihre Schwestern“ (1986). Sandra Nettelbeck entgeht der Gefahr, dass „Mr. Morgan’s Last Love“ in ein Rührstück abgleitet, indem sie aus der allzu gefälligen, ja fast märchenhaften Geschichte langsam ein Familien- und vor allem ein Charakterdrama entstehen lässt. Matthew Morgan ist ein zerrissener Charakter mit einem Geheimnis, das er seiner Frau versprochen hatte, nicht zu verraten, und das zur Verschlechterung der Beziehung besonders zu seinem Sohn geführt hat.

Über die unauffällige, aber wirkungsvolle Kameraarbeit von Michael Bertl und die Klänge der Filmmusik des bekannten deutschen Komponisten mit Wohnsitz Los Angeles Hans Zimmer hinaus, überzeugen in Nettelbecks Film vor allem die Schauspieler. Michael Caine spielt den zunächst verwirrten, vernachlässigten, um seine Frau trauernden alten Mann, der durch die Freundschaft mit Pauline neuen Lebensmut, aber auch die Kraft erhält, das Verhältnis zu seinem Sohn zu bereinigen, auf überaus überzeugende Weise. Dass die nicht besonders bekannte Clémence Poésy auf der Leinwand neben dem inzwischen 80-jährigen Schauspieler bestehen kann und außerdem mit ihm bestens harmoniert, stellt sich als Glücksfall für den Film heraus. Da nimmt der Zuschauer die etwas zu konventionelle Liebesgeschichte zwischen Pauline und Miles gerne in Kauf. Obwohl „Mr. Morgan’s Last Love“ nicht frei von existenzialistischen Gedanken ist – „Nach Hause gehen“ heißt hier wohl sich umbringen –, handelt Sandra Nettelbecks Film über diese ungewöhnliche Freundschaft von den Dingen, die das Leben lebenswert machen, ohne deshalb in Rührseligkeit abzugleiten.