Neue Ritter braucht das Land

Die geschlechtsspezifischen Unterschiede besitzen in der Gesellschaft einen immer geringeren Stellenwert. Das gilt auch für die Tugenden. Typisch männlich – was heißt das heute noch im positiven Sinn? An welchen Rollenbildern können Männer sich orientieren? Ein Plädoyer für ein altes, aber aktuelles Ideal. Von Martin Lohmann

Päpstlicher Orden: Investitur beim Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem. Foto: dpa
Päpstlicher Orden: Investitur beim Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem. Foto: dpa

Ritterspiele faszinieren. Immer wieder und immer noch. Nicht nur die kleinen Jungs sind ganz groß, wenn sie Menschen auf Pferden und in einer Ritterrüstung erleben. Manche Erwachsenen werden dann wieder ganz klein und lassen ihren Träumen freien Lauf. Ein Ritter – hat er nicht den Hauch des Besonderen, des Edlen, des Kraftvollen, des Ehrlichen? Sind das nicht jene sagenumwobenen Gestalten gewesen, die mit besonderem Mut und mit einer „unkaputtbaren“ Unerschrockenheit gegen das Böse kämpften und den Damen das Gefühl von Sicherheit und Wertschät-zung schenkten? Nicht nur der heilige Georg, dessen posthume Sagenausstattung geradezu unübertroffen ist und den ungezählte Darstellungen als den Drachentöter zeigen, weckt Sehnsüchte – auch und gerade im modernen Menschen, der offenbar ohne jede Ritterlichkeit auszukommen glaubt und sich daher gerne mentale wie träumerische Anleihen in früheren Zeiten holt. Ritterromane und Ritterfilme, Ritterturniere, Ritterburgen und Ritterspielzeug sind beliebt – und für viele einfach nur schön.

Aber was bedeutet Ritterlichkeit für uns heute? Nur eine Sehnsucht nach hinten? In ferne Zeiten, in denen Achtung und Respekt noch etwas galten? Wo sind sie eigent-lich geblieben, die ritterlichen Figuren im Alltag, in deren Nähe man sich anständiger Umgangsformen sicher sein konnte? Und was, bitteschön, hat das alles mit der Kir-che und dem Glauben zu tun? Heute? In einer Welt, die sich digital zu definieren versteht und meint, gegenüber einem vermeintlich finsteren Mittelalter sich weit weg von früheren Welten im Licht der Moderne tummeln zu können? Und was gibt es zu sagen, wenn bei großen kirchlichen Ereignissen wie etwa bei der Kölner Fronleichnamsprozession Mitglieder der Ritterorden in langen Ordensgewändern mitgehen und ein würdevolles schönes Bild abgeben, wenn der Wind mit dem edlen Tuch spielt? Nichts als Schein und Einladung zur Romantik?

Wer zurückschaut und nachliest, entdeckt Gutes und weniger Gutes, Verständliches und Unverstandenes. Aber auch Überraschendes. Der Theologe Peter Christoph Düren hat sich bereits 2001 auf die Spurensuche gemacht und ist an vielen Stellen fündig geworden (Die Bedeutung der christlichen Ritterschaft, 2001). Da wird zum Beispiel im 1x1 des guten Tons von Sybil Gräfin Schönfeldt berichtet, dass im 12. und 13. Jahrhundert die höfische Erziehung eine „feine und hohe Blüte gesellschaftlicher“ und menschlicher Bildung zustande brachte, „wie sie Deutschland früher nicht besessen hatte“. Denn: „Die rohen Leidenschaften wurden durch Zucht und Maß gebändigt; der Ritter fühlte sich berufen, den Egoismus zu zähmen, für Gott und Tugend, für Recht und Unschuld zu streiten, idealen Zielen nachzustreben.“ Und – mancher Emanzipationsfan mag da neidvoll durchatmen – die „Frau gewann beruhigende und veredelnde Macht über die Gemüter der Männer“. Was für eine Zeit!

Auch die Tischsitten änderten sich damals: Nasebohren wurde verpönt, das Bohren mit einem Messer in den Zähnen galt als unschicklich, und das Schneuzen ins Tischtuch kam auf die „Out“-Liste. Die Spur zieht sich dann bis hin zu einem gewissen Adolph Freyherr Knigge, dessen Buch von 1788 den „Umgang mit Menschen“ lehrte und in manchen Kreisen bis heute Konjunktur hat. Ein guter Bürger benahm sich halt ritterlich. Und aus einem solchen Menschen konnte im Idealfall ein Kavalier werden, was auf die italienische Übersetzung des „Ritters“ als „Cavaliere“ zurückgeht. Der Kavalier benimmt sich den Damen gegenüber höflich und zuvorkommend, also ritterlich, fair, anständig und hat einen „caractere chevaleresque“, wie es die Franzosen nennen. Ritterlichkeit ist also ein menschliches Tugendsystem, aufgrund dessen „der ritterliche Mann gegen das Böse kämpft, für das Gute streitet und eine ehrfürchtig-verehrende Haltung gegenüber den Frauen, besonders aber gegenüber ,seiner' Dame einnimmt“ (Düren).

Hört sich gut an, war – und ist es auch. Trotz oder gerade wegen aller möglichen Eskapaden in Folge falsch verstandener Emanzipation. Und es ist anzunehmen, dass auch die zu aller Zerstörung bereite Gender-Ideologie, die keinen Unterschied zwischen Mann und Frau mehr duldet und die beiden Geschlechter frech leugnet, nicht wirklich die ganz normalen Sehnsüchte des Menschen in seiner ergänzenden Verschiedenheit ausrotten können wird. Und solange Träume nach Schönheit und Erfüllung noch nicht unter Strafe gestellt sind, werden Menschen ihrem Wesen gemäß „träumen“ und Sehnsüchte haben. Der Versuch der Gender-Ideologie, den Menschen zu entmenschlichen, wird viel Leid mit sich bringen und viele Verletzte schaffen und liegenlassen, aber er macht auch deutlich, dass wir eine neue Ritterlichkeit dringend brauchen. Neue Ritter braucht das Land!

Zumal der Knigge und seine Abkommen bis heute zu Recht Bestseller sind. Ein Blick aus dieser Richtung auf katholische Ritterorden mag verwegen erscheinen, ist aber letztlich nichts als logisch. Und dabei ist es unerheblich, ob man auf den „alten“ Päpstlichen Ritterorden, nämlich den vom Heiligen Grab zu Jerusalem, schaut, die Familiare des Deutschen Ordens oder ob man den erst unter Johannes Paul II. in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wiederbelebten „jungen“ Ritterorden der Schwarzen Madonna von Jasna Góra (Tschenstochau) beleuchtet, dessen traditionsreiche Geschichte übrigens letztlich bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht. Es geht stets um ganz selbstverständliche katholische Haltungen. Und dazu gehört zum Beispiel, ganz natürlich und eigentlich auch furchtlos, also mutig, den katholischen Glauben zu verkünden, für ihn einzutreten, ihn – und damit Gott – zu verteidigen.

Kein Zweifel: Das ist in einer vom süßen Gift der Diktatur des Relativismus und in einer Zeit mehr oder weniger unterschwelliger Christenverfolgung und des Lächer-lichmachens von christlichen Überzeugungen alles andere als immer leicht. Über-zeugte Christen wissen das nur zu gut. Peter Christoph Düren formuliert das so: „Den rechten Glauben und das christliche Leben muss man sich im Kampf gegen den Teufel, gegen die Welt und gegen die eigene erbsündlich geschädigte Natur erstreiten. Es ist aber auch kämpferisches Eintreten für die Wahrheit des Glaubens und die Menschenrechte in der Gesellschaft und bisweilen sogar in der Kirche vonnöten.“ Nichtstun ist also alles andere als ritterlich. Und eine falsche Toleranz, die alles und jedes, was sich als Verunglimpfung rücksichtslos breit macht, akzeptiert, ist ebenfalls letztlich nicht christlich. Nicht alles, selbst Unterschiede in der Glaubenslehre, darf in irenischer Weise übertüncht werden, oder wie es das Zweite Vatikanische Konzil zum Ausdruck brachte: „Nichts ist dem Ökumenismus so fremd wie jener falsche Irenismus, durch den die Reinheit der katholischen Lehre Schaden leidet und ihr ursprünglicher und sicherer Sinn verdunkelt wird“ (Unitatis redintegratio). Der richtig verstandene Kampf ist also nicht nur ritterlich, sondern genuin christlich. Tolerant, friedlich, aber eben auch klar und mutig.

Es sind die vermeintlich alten Tugenden, die so unglaublich „modern“ bleiben und – vor allem wegen aller Vernebelungsversuche heute und aller so sanft daherschleichenden Verführungen – aktuell bleiben: Treue, Respekt, Vertrauen, Mut, Verlässlichkeit, Großmut, Maß, Verantwortung. Und für Christen kommt dann noch hinzu, Gott nicht aus dem Blick zu verlieren und immer wieder freundlich ein Bekenntnis abzulegen, Christus und seine Wahrheit zu bezeugen. Der deutsche Mystiker Heinrich Seuse (1295–1366) – und nicht nur er – war beziehungsweise ist der Ansicht, dass „des Menschen Leben auf diesem Erdenreich (...) nichts anderes denn eine Ritterschaft“ sei und sein könne.

Und was dann eine christliche Ritterschaft ausmacht, wie sie aussehen könnte und sollte, kann man sogar in der Heiligen Schrift nachlesen, nämlich im Epheserbrief (Kapitel 6, 10–20). Dort schreibt der wortgewaltige Paulus: „Werdet stark im Herrn und in der Kraft seiner Stärke! Legt die Waffenrüstung Gottes an, damit ihr standhalten könnt gegen die listigen Anschläge des Teufels. Denn unser Kampf richtet sich nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen Mächte und Gewalten, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die bösen Geister in den Himmelshöhen. Darum greift zur Waffenrüstung Gottes, damit ihr am Tag des Unheils Widerstand leisten und, wenn ihr alles überwunden habt, bestehen könnt. Tretet also an: eure Hüften umgürtet mit Wahrheit, angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit, die Füße beschuht mit der Bereitschaft für das Evangelium des Friedens. Vor allen Dingen ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr alle feurigen Pfeile des Bösen löschen könnt. Nehmt auch den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes. Betet und fleht allezeit im Geist; seid dazu wachsam, harrt aus und legt Fürbitte für alle Heiligen ein, auch für mich, dass mir das rechte Wort gegeben werde, sooft ich meinen Mund auftue, um mit Freimut das Geheimnis des Evangeliums zu verkünden, als dessen Gesandter ich Ketten trage, dass ich in seiner Kraft offen zu reden vermag, wie es meine Pflicht ist.“

Hier ist eine Ritterlichkeit formuliert, die – ob wir das nun wollen oder nicht und ob es passt oder nicht – nichts anderes beschreibt als eine ganz selbstverständliche christliche Pflicht. Oder vielleicht besser: als eine ganz normale christliche Begabung und Befähigung. Freilich: Wer sich dieser Aufgabe stellt, wird rasch spüren, dass dies alles keine Petitesse ist, kein Spaziergang bei sonnigem Lüftchen und garantiertem Applaus. Nicht einmal die Solidarität derer, die dazu verpflichtet wären, ist jenen si-cher, die das Wort Gottes ernst nehmen und zu leben versuchen.

Es gibt auch heute keine Alternative zu dieser Ritterlichkeit. Wenn etwa die Tötung noch nicht geborener Menschen als „Menschenrecht“ propagiert wird, wenn die Beihilfe zum Selbstmord als Humanität verkauft wird, wenn alte und kranken Menschen in einer auf Glanz polierten Gesellschaft lästig werden, wenn die verbrauchende Embryonenforschung als normal deklariert wird, wenn das Lebensrecht eines jeden Menschen ausgehöhlt und ad absurdum geführt wird, wenn faktisch zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben unterschieden wird, wenn das Gebot „Du sollst nicht töten“ zur modellierbaren Floskel und zur Privatmeinung degradiert wird, wenn aus dem Blick gerät, dass jeder Mensch ohne Wenn und Aber lebens- und liebenswert ist, wenn die menschliche Identität durch eine gefährliche Ideologie des Gender zerstört werden soll, wenn die Lüge zur Bagatelle wird und das Mobbing zu einer wirtschaftlich und menschlich nützlichen Vorgehensweise – dann, ja dann ist es höchste Zeit für eine neue und wiederbelebte Ritterlichkeit.

Vielleicht brauchen wir so etwas wie ein konfessionsübergreifendes Bündnis für Werte. Wir brauchen in den Niederungen der Beliebigkeit die Burgen des Anstands, des Mutes, des Dienstes am Mitmenschen, des belastbaren Ja zum Leben. Wir brauchen viele Ritter und Ritterdamen, die noch wissen, dass es unerlässlich ist, die Würde eines jeden Menschen zu achten und für diese Würde zu kämpfen. Mit den Mitteln des Geistes, der Demut und des Friedens. Neue Ritter braucht das Land.