Natur und Naturrecht

Wer heute auf die Gesellschaft und ihre Subjekte schaut, wählt als philosophischen Zugang meist einen materialistischen oder utilitaristischen Ansatz. Umso erstaunter war man, als Papst Benedikt XVI. bei seiner Rede im Deutschen Bundestag an die Dimension des guten alten Naturrechts erinnerte. Seitdem befassen sich auch die zeitgenössischen Philosophen wieder stärker damit. Zu Recht: Das Naturrecht ist relevant und korrespondiert mit der Tugend-Ethik. Es ist anschlussfähig an die Ethik der Institutionen und Strukturen. Ein Debattenbeitrag. Von Hans Otto Seitschek

Schon Aristoteles wusste es: Die Natur ist die ordnende Kraft des Kosmos, der Gesamtheit des belebten und nichtbelebten Seins. Foto: IN
Schon Aristoteles wusste es: Die Natur ist die ordnende Kraft des Kosmos, der Gesamtheit des belebten und nichtbelebten ... Foto: IN

In die Debatte über das Naturrecht ist seit Kurzem wieder neues Leben gekommen. Anfang November diskutierte im Bonner Albertinum der philosophische Arbeitskreis „Vernunft und Glaube“ um Hanns-Gregor Nissing und Berthold Wald über die Universalität des Naturrechts (DT vom 6. November) und gut eine Woche später kamen der Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde und der Philosoph Robert Spaemann in ihrem Gespräch in der Katholischen Akademie in Bayern auch auf die Thematik des Naturrechts und des vorpositiven Rechts zu sprechen (DT vom 17. November). Eines war an diesem Abend im herbstlichen München für beide Gesprächspartner klar: Es gibt die Wahrheit, es gibt eine Unterscheidung zwischen wahr und falsch, gut und böse.

Die Natur stiftet Einheit in der Materie und macht individuiertes Sein definierbar

Dieser Gedanke kann noch weiterentwickelt werden und führt zu dem Grundsatz: Es gibt etwas außerhalb des eigenen Selbst. Es gibt die Realität, mit der der Mensch kommuniziert und die es dem Menschen ermöglicht, zu differenzieren und letztlich zwischen wahr und falsch, gut und böse zu unterscheiden. Damit ist jedoch noch keine Vorentscheidung getroffen, was im Einzelnen wahr oder falsch, gut oder böse ist. Das jeweilige Urteil setzt eine genaue Prüfung der Fakten, Argumente und Begründungszusammenhänge voraus.

Doch wie stehen diese Gedanken im Zusammenhang mit dem Naturrecht? Was ist überhaupt Naturrecht und wie kann es charakterisiert werden? Diese Fragen gilt es, im Zusammenhang von Natur, Recht und Gesetz zu beantworten. Der Anfang sei beim Naturbegriff gemacht: Der heutige Begriff „Natur“ leitet sich vom griechischen „phýsis“ („phýein“, wachsen lassen) und vom lateinischen „natura“ („nasci“, geboren werden) ab. Grundsätzlich umfasst der aristotelische Begriff der „phýsis“, dessen Einfluss auf die europäische Denktradition von großer Bedeutung ist, zwei Aspekte:

1. Ein Sein auf ein Ziel (télos) hin. Natur bezieht sich als belebtes, beseeltes Sein zunächst auf das Selbstbewegte: „ein jedes [Natürliche hat] in sich selbst einen Anfang von Veränderung und Bestand“ (Physik II 1, 192 b 4, Übers. H. G. Zekl). Die Selbstbewegung richtet sich auf ein Ziel, das natürlich in das Sein beziehungsweise Seiende hineingelegt wurde und darin verankert ist. Was von Natur aus ist, ist nicht durch Kunst (téchne) oder Zufall (týche) entstanden.

2. Natur ist Wesen und individuelle Formation eines Lebewesens oder Gegenstandes. Natur bezieht sich also sowohl auf individuiertes Sein als auch auf den Gesamtkontext der belebten und nichtbelebten Umwelt, den Kosmos.

Die Natur stiftet also Einheit in der Materie und macht individuiertes Sein definierbar (auch im nicht allein naturgegebenen Kontext). Sie ist ordnende Kraft des Kosmos, also der Gesamtheit des belebten und nichtbelebten Seins, wie in der aristotelischen „Metaphysik“ zu finden ist.

Der Rechtsbegriff, von griechisch „díke“ (Recht; von „deíknymi“, zeigen) und lateinisch „rectum“ (gerade, richtig, recht), bezieht sich grundsätzlich auf etwas Festgelegtes. Es ist Ausdruck des Gerechten, das einer Person oder Gruppe nach Gewohnheit und Konvention zusteht. Recht ist prinzipiell einforderbar. Positives Recht ist vom Menschen gesetztes Recht (nómos, lex, Gesetz). Es ist änderbar und aktualisierbar. Über- beziehungsweise vorpositives Recht geht der Gesetzgebung, der Positivierung des Rechts voraus. Es ist vorstaatliches Recht, das schon seit jeher, vor jeder Staatenbildung unverändert existiert.

Von Aristoteles bis Cicero, von Paulus und Thomas von Aquin bis zum heutigen Papst

Das Naturrecht ist mit der „lex naturalis“ (natürliches Gesetz) gleichzusetzen, wobei hier durchaus an die Zehn Gebote (Ex 20, 2–17; Dtn 5, 6–21) zu denken ist, aber auch an den Grundsatz der Stoa „secundum naturam vivere (gemäß der Natur leben)“. Bezieht sich die menschliche Vernunft auf die Natur, um aus ihr handlungsleitende Prinzipien abzuleiten, ist damit die praktische Vernunft des Menschen, die aristotelische „phrônesis“ angesprochen. Augustinus schreibt im späten 4. Jahrhundert in „De libero arbitrio“ (I, 6) bereits von der „lex aeterna“, dem ewigen Gesetz, als ordnender Instanz: „das ewige Gesetz ist die höchste Vernunft, der immer zu gehorchen ist“ und „das ewige Gesetz besteht darin, dass es gerecht ist, dass alle Dinge in höchstem Maße geordnet sind“.

Thomas von Aquin weitet auf der strukturellen Basis des aristotelischen Naturbegriffs das Naturrechtsverständnis im 13. Jahrhundert philosophisch und theologisch aus. Durch die „lex naturalis“, das natürliche Gesetz, hat der Mensch Anteil an der „lex divina“, dem ewigen, göttlichen Gesetz (Summa Theologiae, Ia–IIae, q. 90–108, bes. q. 91). Thomas stellt in Bezug auf das Naturrecht folgendes fest: „Es ist über das natürliche Gesetz und das menschliche Gesetz zu sagen, dass es zur Ausrichtung der menschlichen Lebensführung notwendig ist, das göttliche Gesetz zu haben.“ Ferner geschieht die Teilhabe „am ewigen Gesetz durch das natürliche Gesetz [...] gemäß dem Anteil der natürlichen [geistigen] menschlichen Fähigkeit“. Bereits für Paulus ist das Gesetz Gottes wesentlich auf den Geist des Menschen bezogen: „für mich diene ich in Bezug auf den Geist dem Gesetz Gottes“ (Röm 7, 25).

Papst Benedikt zitierte in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag am 22. September 2011 in Bezug auf die Grundlagen des Rechts die Bitte des jungen Salomon an Gott: „Schenke doch deinem Diener ein hörendes Herz (lev schomea), um dein Volk regieren und das Gute vom Bösen unterscheiden zu können. Denn wer kann sonst regieren dein Volk, dieses schwere (schwierige)?“ (1 Kön 3, 9) Es spricht vieles dafür, dass es, anders als es der frühe Hans Kelsen meinte, kein absolutes, reines Recht gibt. Der Rechtspositivismus ist damit unmöglich. Das Recht muss sich immer an etwas Vor- oder Überpositivem orientieren.

Die bewusste Orientierung an keinen Vorgaben, die als unparteiische Lösung von der liberalen Gesellschaft bevorzugt wird, ist dabei jedoch die stärkstmögliche Annahme, da sie alle vorpositiven Annahmen über das Recht ausschließen muss, um zu einer Gesetzgebung zu gelangen. In diesem Fall müssen also möglichst viele Vorgaben gesetzt, respektive verneint werden. Das Naturrecht ist dagegen eine Möglichkeit von vorpositivem Recht, die nicht auf Verneinung, sondern auf der Findung gut begründeter Grundsätze beruht. Naturrecht ist jedoch nichts sofort Offenbares: „Wir müssen auf die Sprache der Natur hören“, so Papst Benedikt XVI. in seiner oben erwähnten Bundestagsrede. Der Papst greift hier wieder das Motiv des „hörenden Herzens“ aus 1 Kön 3, 9 auf. Er bezieht es auf innere Zusammenhänge der Natur, die dem Menschen als Teil der Natur nicht verschlossen bleiben müssen und ihm zur Richtschnur des Handelns werden können. Der Papst ist sich dabei durchaus bewusst, dass es eine schwierige Aufgabe darstellt, zum wahren Recht zu gelangen. Es gilt der Grundsatz der römischen Rechtskultur, die die Wurzel unserer heutigen europäischen Rechtskultur darstellt: „summum ius, summa iniuria (höchstes Recht führt zu höchster Ungerechtigkeit)“ (unter anderen Cicero, De officiis, I, 10 [33]). Dennoch ist es die Orientierung an der Natur wert, in den Gesetzgebungsprozess einbezogen zu werden. Gerade der Aspekt der natürlichen Vernunft ist dabei ausschlaggebend.

Das Naturrecht zeigt an, was wahr und falsch ist, gibt aber keine Strafen oder Sanktionen vor

Die Natur des Menschen umfasst auch die Vernunft, die in der Selbstreflexion die eigene menschliche Natur ergründen kann. Auch das Gewissen spielt hierbei eine wichtige Rolle. Dieser Prozess der Selbstreflexion gehört untrennbar zur Natur des Menschen, zur „Ökologie des Menschen“ laut Benedikt XVI.

Problematisch ist dabei die Selbstbezüglichkeit der menschlichen Natur: Der Mensch bezieht sich hier immer auf sich selbst als seinen eigenen Reflexionsrahmen, nicht auf ein außermenschliches Objekt. Er kann sich bei der Selbstreflexion nicht selbst kontrollieren, sondern nur disziplinieren. Dabei erfährt sich der Mensch als gegeben. Er hat sich nicht selbst gemacht. Er muss sich annehmen von etwas, dem er sich verdankt und das vor ihm war, dem Schöpfer (R. Guardini, Die Annahme seiner selbst, 1960). Durch diese Erkenntnis des sich-Verdankens, des Stehens in der Schuld des Seins (Heidegger), wird der Mensch wahrhaft frei.

Das Naturrecht setzt sich nicht von selbst durch. Es ist kein Automatismus und bedarf der Freiheit, der freien Entscheidung der Person, um Geltung zu erlangen. Es muss positiviert werden, wie jedes Recht, das Gesetz werden soll. Das Naturrecht zeigt zwar an, was nach Maßgabe der Natur aus Vernunftgründen wahr, richtig und falsch, was gut und böse ist, es gibt aber keine Sanktionen oder Strafen vor.

Dennoch zeigt es die Konsequenzen an, die zu tragen sind, wenn man gegen das Naturrecht verstößt oder es missachtet oder übergeht. So sind beispielsweise die Folgen einer immer älter werdenden Gesellschaft zu tragen, wenn man immer weniger Kinder zur Welt kommen lässt.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass das Naturrecht immer noch philosophisch relevant ist und eine gute Basis für vernünftige Handlungsmaximen darstellt, wie die jüngsten Debatten zeigen. Es korrespondiert mit der Tugendethik und ist anschlussfähig an die Strukturen- und Institutionenethik. Das Naturrecht, das oft auf seine neuscholastische Interpretation eingeengt wird, hat also durchaus eine Zukunft. Eine Zukunft, die einen anderen Blick auf gesellschaftliche Probleme zulässt, als einen rein materialistischen oder utilitaristischen, der allein die gegenwärtige Situation und die sich äußernden Subjekte berücksichtigt.