Mythos Überbevölkerung

Am 31. Oktober, so haben UN-Statistiker ausgerechnet, werden sieben Milliarden Menschen auf der Erde leben. Tatsächlich verschärft das Bevölkerungswachstum in Entwicklungsländern bestehende Probleme. Ihre Ursache ist es nicht. Im Gegenteil. Von Hans Thomas

Die wirtschaftliche Leistung und der Fortschritt von Gesellschaften hängt vom Verhalten der Menschen ab, nicht von ihrer Zahl. Foto: dpa
Die wirtschaftliche Leistung und der Fortschritt von Gesellschaften hängt vom Verhalten der Menschen ab, nicht von ihrer... Foto: dpa

Um die „Überbevölkerung“ ist es stiller geworden. Unser „demographisches Problem“ ist längst Alterung und Schrumpfung. Das konnte man um 1975 schon ausrechnen. Nur wollten Politik und Medien es weder wissen noch davon hören. Gleichwohl wachsen weltweit die Bevölkerungen noch, vor allem in Entwicklungsländern. Sieben Milliarden werden wir bald sein. Von Entwarnung, heißt es, dürfe nicht die Rede sein. Der UN-Bevölkerungsfonds suchte 1994 in Kairo Geberländer für – zusätzlich zur Entwicklungshilfe – 17 Milliarden Dollar für weltweit flächendeckende Verhütungsprogramme zu mobilisieren. Von Einsparungen in deren Haushalten hört man bis heute nicht.

Nun sind Weltbevölkerungskonferenzen nicht wissenschaftliche, sondern politische Versammlungen. Und bei uns wie international steht seit mehr als vier Jahrzehnten die Aufmerksamkeit für die Bevölkerungsentwicklung im Schatten der Propaganda für eine internationale Politik der Geburtenbeschränkung in Entwicklungsländern. Aus der UNO waren dann 2002 neue Töne zu hören. „Nun dämmert es vielen“, schrieb „Der Spiegel“ (16/2002), „dass die Verteilungskämpfe der Zukunft eher um Rente und Altenheimplatz ausgetragen werden – nicht nur in den Industriestaaten, sondern zur Überraschung vieler auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern.“ Der „Spiegel“ zitierte Nitin Desai, Untersekretär des UNO-Generalsekretärs Kofi Annan: „Demografen haben unterschätzt, wie stark die Geburtenzahlen auch in den bevölkerungsreichen Entwicklungsländern sinken.“

Bevölkerungszunahme erhöht den Innovationsdruck

Auf der ersten Weltbevölkerungskonferenz 1974 in Bukarest hatten die „blockfreien Entwicklungsländer“ in Sachen Geburtenkontrolle die Industrieländer imperialistischer Absichten verdächtigt. Um diesem Verdacht zu entgehen, wollten die USA seitdem, statt selbst aktiv zu werden, lieber Aktionen internationaler Institutionen (Weltbank, IWF, UN) und nichtstaatlicher Organisationen (beispielsweise IPPF) unterstützen, möglichst unter diplomatischer Einbindung von Repräsentanten der Entwicklungsländer selbst. Hässliche Wörter wurden ersetzt, Verhütung durch Familienplanung, Geburtenkontrolle durch verantwortete Elternschaft. Seitens der UNO wechselte mehrfach der Hauptgrund der bevölkerungspolitischen Sorge: In den 1970er Jahren stand die Knappheit der Ressourcen im Vordergrund, der drohende Nahrungs- und Rohstoffmangel in der Welt. Paul und Anne Ehrlichs Bestseller von 1968 „The Population Bomb“ hatte Indien schon dem sicheren Hungertod geweiht. Im Club-of-Rome-Bericht von 1972 „Die Grenzen des Wachstums“ wurde die Verknappung von allerhand Rohstoffen per Computer bis zum Termin der Katastrophe hochgerechnet. Die apokalyptischen Voraussagen traten nicht ein. Von angeblicher Erschöpfung bedrohte Rohstoffe wurden sogar billiger. Als in den 1980er Jahren sogar Indien Nahrungsmittel exportierte, trat das Problem der Umweltbelastungen in den Vordergrund. Bis der Umwelt-Gipfel in Rio 1992 dann weltweit klarmachte, dass 80 Prozent der Umweltbelastungen von den Industrieländern produziert werden, die auch 80 Prozent der Rohstoffe verbrauchen. Das Argument erwies sich als ungeeignet, um die Entwicklungsländer in die bevölkerungspolitische Pflicht zu nehmen. Seitdem sorgt man sich um die Not und die Rechte der Frauen. Schlagwort in Kairo 1994: „empowerment of women“.

Einer der Gründerväter der Entwicklungsökonomie, Lord Peter Bauer, angesehener liberaler Professor der London School of Economics, drückte es 1994 in Köln etwas drastisch aus: „Die wirtschaftliche Leistung und der Fortschritt von Gesellschaften hängt vom Verhalten der Menschen ab, nicht von ihrer Zahl. Es ist ein Irrtum anzunehmen, das Bevölkerungswachstum in der Dritten Welt bedeute eine größere Bedrohung ihrer Wohlstandsentwicklung. In der Politik geht es nur darum, ob die Frage, wieviele Kinder die Leute bekommen, von den Eltern, von Staatsbeamten oder internationalen Agenturen entschieden werden soll.“ Schon in den 1960er Jahren hatte der Harvard-Ökonom Simon Kuznets (Nobelpreis 1971) alle Länder studiert, für die über einen Zeitraum von hundert Jahren Daten vorlagen. Das Ergebnis wurde vielfach bestätigt. Alle Varianten kommen vor: Länder mit stagnierender Bevölkerung und wirtschaftlichem Erfolg, ebensolche mit wirtschaftlicher Stagnation; Länder mit rasantem Bevölkerungswachstum und wirtschaftlichem Stillstand, wie ebensolche mit ebenso rasantem, ja noch größerem Wirtschaftswachstum. Ernste Hungersnöte sind übrigens häufiger aus dünn besiedelten Landstrichen als aus dichtbevölkerten Regionen berichtet worden, es sei denn als Folge von Krieg, Katastrophen oder offenkundiger Misswirtschaft.

Bevölkerungswachstum in Entwicklungsländern verschärft bestehende Probleme. Ursache der Probleme, so Lord Bauer, ist es nicht. Im übrigen sei erstens unser Maßstab, den Wohlstand am Pro-Kopf-Einkommen zu messen, in Entwicklungsländern nicht anwendbar. Abgesehen davon, dass danach die Geburt eines Kalbs Wohlstandsmehrung, die Geburt eines Kindes Wohlstandsminderung bedeute, liege die erste fundamentale Wohlstandsmehrung in der Steigerung der Lebenserwartung der Menschen. Das heißt nicht nur mehr Jahre im produktiven Alter. Es hat auch Folgen für die Familien. Die Frauen bekommen jetzt nicht mehr Kinder als zuvor. Wurden in der Familie traditionell sechs bis acht Kinder geboren, dann nicht zuletzt in der Voraussicht, dass einige überleben, die bei der Arbeit helfen und im Alter die Eltern versorgen. Zu erleben, dass ein Kind, das geboren wird, prinzipiell auch lange lebt, ändere nach und nach die Sicht auf die Person des Kindes. Es fördere die Einsicht, das Kind in die Schule zu schicken und für eine Ausbildung zu sorgen. wie überhaupt Zukunft zu planen und auch zu arbeiten, um dafür sparen zu können.

Die Entwicklung in Europa lehrt, dass zu den Kräften, die die Entwicklung antreiben, nicht zuletzt der Bevölkerungsdruck gehört. Beispiel Großbritannien: Um 1800 lebten hier rund 10 Millionen Menschen, um 1900 rund 37 Millionen (heute 62 Millionen) – bei mehr als verdoppelter Lebenserwartung und mit einem um 1800 geradezu unvorstellbaren Lebensstandard. Im 20. Jahrhundert passten sich die Geburten auf dem höheren Niveau den Sterbefällen wieder an.

Von der Mitte des 18. Jahrhunderts an hatte infolge verbesserter Lebensbedingungen die Bevölkerung zugenommen. Unter gleichbleibenden landwirtschaftlichen Verhältnissen entstand Bevölkerungsdruck, das heißt Not. 1798 veröffentlichte Thomas Robert Malthus seinen „Essay on the Principle of Population“ (Über das Bevölkerungsgesetz). Tenor: Der Geschlechtstrieb der Menschen ist so, dass ihre Vermehrung die Gesellschaft immer an die Armutsgrenze fesselt. Um der „misery“ (Verelendung) vorzubeugen, unterschied der Moralphilosoph übrigens zwischen „self-restraint“ (Selbstbeherrschung) und „vice“ (Laster, wozu er Abtreibung und Verhütung rechnete).

Wäre Malthus' Theorie richtig, hätte der Malthusianer Josef Stalin gewiss recht behalten und die zwölf Millionen Vertriebenen hätten das zerstörte Nachkriegsdeutschland endgültig verelendet und zur reifen Frucht für den Kommunismus gemacht. Stattdessen staunte die Welt über das deutsche Wirtschaftswunder der 50er Jahre. Keine moderne Theorie ist je so gründlich ad absurdum geführt worden und hat sich gleichwohl so hartnäckig gehalten wie diejenige von Thomas Robert Malthus. Ihr genaues Gegenteil sei wahr, erklärten die dänische Wirtschaftsgeographin Ester Boserup und der australisch-britische Ökonom Colin Clark schon vor über 30 Jahren auch mit Blick auf die Dritte Welt.

Kurzfristig hatte Malthus recht. Seine Theorie stimmt unter der Voraussetzung, dass bei wachsender Bevölkerung die verfügbaren Ressourcen gleichbleiben. Etwa Grund und Boden, Hauptressource seiner Zeit. Offenbar aber setzte der Bevölkerungsdruck, der Malthus zu seinem Essay veranlasste, in England ungeahnte Innovationskräfte und neue Wirtschaftsweisen frei. Malthus hatte die Industrialisierung Englands nicht vorausgesehen. Sie erlaubte das Bevölkerungswachstum und verlangte es. Phasen wechselseitig angeregten Wachstums von Bevölkerung, Produktivität und Wohlstand gibt es geschichtlich seit der Ära der Jäger und Sammler. Es ist eine Art demographisches Gesetz. Man spricht vom „demographischen Übergang“, nach dem sich die Bevölkerungszahlen auf höherem Niveau wieder stabilisieren.

In Deutschland gebaren um 1900 Frauen durchschnittlich fünf Kinder. Aber schon ab 1920 waren die Kinderzahlen nicht mehr hinreichend, um die Elterngeneration zu ersetzen. Nicht gedeckt vom Gesetz demographischen Übergangs ist der „Pillenknick“ der 1970er Jahre und die neuere Abtreibungspraxis.

Ein idyllischer Vorgang ist der Prozess eines demographischen Übergangs allerdings nicht. In der Epoche der Frühindustrialisierung war die Not für viele erdrückend. Die Slums von Liverpool und Manchester um 1840 dürften den Elendsvierteln um die Megastädte mancher Entwicklungsländer heute gar nicht so unähnlich gewesen sein. In den Entwicklungsländern ist mancherorts gewiss die Massenarmut und Not noch größer. Der Übergang läuft schneller ab – mit entsprechend verschärften Begleiterscheinungen. Wofür England 200 Jahre brauchte, das lief in Japan in 100, in Korea in 50 Jahren ab. Dort musste man die Industrialisierung nicht mehr erst erfinden. Andererseits dürften sich ohne Bevölkerungsdruck Entwicklungsländer schwerlich zu modernen Gesellschaften entwickeln. Diesen Prozess können die Industrieländer mit einer vernünftigen Entwicklungspolitik, die die einzelnen Menschen ernstnimmt, wesentlich beschleunigen. Beseitigt aber eine Politik der Geburtenbeschränkung den Bevölkerungsdruck, bevor er die Schubkraft zur Innovation entfaltet, läuft sie Gefahr, den Entwicklungsprozess zu behindern. Das hat sogar die einstmals eifrige Verfechterin der Familienplanungsprogramme Gro Harlem Brundtland, ehemals Premierministerin Norwegens, dann Generaldirektorin des Weltgesundheitsorganisation WHO, eingesehen: „Während die Industrienationen zuerst reich wurden und dann alterten, werden die Entwicklungsländer altern, bevor sie es zu Reichtum gebracht haben.“ (Der Spiegel 16/2002).

In England berief am 3. März 1944 König Georg VI. eine Kommission für Bevölkerungsfragen (Royal Commission on Population). Grund war die Sorge um den spektakulären Rückgang des Bevölkerungswachstums in England. Im 18. und 19. Jahrhundert hatte, so die Kommission, vor allem das schnelle Bevölkerungswachstum in Europa die Ausdehnung europäischer Herrschaft – so das British Empire – beschert. Die politische Sorge: In Europa stagnierten die Bevölkerungen, während sie in den Kolonien ihr Wachstum beschleunigen.

Nach dem Krieg sank die Kindersterblichkeit

Grund für das schnelle Bevölkerungswachstum in den nach dem 2. Weltkrieg selbstständigen Entwicklungsländern war der Sieg über den vorzeitigen Tod. Die Menschen leben länger. Es sank insbesondere die hohe Kindersterblichkeit. Nicht nur die Bevölkerungen, auch die Wachstumsraten nahmen von Jahr zu Jahr zu. Bis 1968. Seit 1968 nehmen die Wachstumsraten ab, inzwischen längst auch – und zwar überall – die Geburten je Frau.

Entsprechend nahmen seit 1968 die bevölkerungspolitischen Alarmsignale der Industrieländer zu. In der UNO wurde 1967 der UNFPA (UN Fund for Population Activities, heute: UN-Bevölkerungsfonds) gegründet. Im Februar 1968 wechselte der wohl bislang namhafteste Verteidigungsminister der USA, Robert McNamara, vom Pentagon an die Spitze der Weltbank und widmete sich den US-Sicherheitsinteressen an der bevölkerungspolitischen Front. Das mag eine symbolische Deutung sein. Immerhin legte im Dezember 1974 der Nationale Sicherheitsrat der Vereinigten Staaten dem Präsidenten ein 198 Seiten umfassendes – bis 1990 geheimes – Memorandum vor unter dem Titel: „Auswirkungen des weltweiten Bevölkerungswachstums auf die nationalen Sicherheits- und Überseeinteressen der USA“ vor. Allerdings gab es in den USA stets auch entschiedenen Widerspruch gegen bevölkerungspolitische Einmischung in andere Länder.

Wer sich die 1968 herrschende Weltbewusstseinslage in Erinnerung ruft, ist vollends erstaunt, dass in ebendiesem Jahr 1968 Papst Paul VI. die Enzyklika Humanae vitae veröffentlichte.