Mut zum Schweigen finden

45 Jahre Botschaften zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel. Von Stefan Meetschen

Der Papst findet immer größtes Medieninteresse wie hier im Pressezentrum in Berlin während seiner Rede im Deutschen Bundestag am 22. September 2011. Foto: dpa
Der Papst findet immer größtes Medieninteresse wie hier im Pressezentrum in Berlin während seiner Rede im Deutschen Bund... Foto: dpa

Vor 45 Jahren wurde von Papst Paul VI. der Welttag der sozialen Kommunikationsmittel (damals: Welttag der Massenmedien) eingeführt. Seitdem veröffentlicht jeder Papst am 24. Januar, dem Fest des heiligen Franz von Sales, dem Patron der Journalisten, eine Botschaft, die zu aktuellen ethischen Aspekten in den Medien Bezug nimmt. Wobei die Botschaften von Anbeginn nicht nur für Journalisten und Medienschaffende als Zielgruppe konzipiert wurden, sondern Botschaften für das breite Publikum sind: für alle Menschen, die in irgendeiner Weise mit Radio, Fernsehen, Zeitung oder in jüngster Zeit mit dem Internet in Berührung kommen.

So stellte Paul VI. im Jahre 1978 in seiner letzten Botschaft ganz explizit den Rezipienten in den Blick seiner Ansprache: „Der Empfänger sozialer Kommunikation: Seine Erwartungen, seine Rechte und seine Pflichten“, während Papst Johannes Paul II. im Jahre 1994 extra Richtlinien für den guten Gebrauch des Fernsehens in der Familie entwickelte.

Auch Papst Benedikt XVI. hat diesen kommunikativen Blickwinkel seiner Vorgänger fortgesetzt, ihre Botschaften und andere vatikanische Mediendokumente wie den Konzilstext „Inter mirifica“ oder die Pastoralinstruktion „Aetatis novae“ mit dem typischen intertextuellen Referenzsystem vatikanischer Verlautbarungen weitergeschrieben – nicht immer, ohne dabei von Medienvertretern missverstanden zu werden. Im Zeitalter der medialen Boulevardisierung genügt es diesen nicht, wenn jemand ruhig, ausgewogen und auf medienwissenschaftlichem Höchstniveau reflektiert: Im weltlichen Aeropag muss man die Dinge zuspitzen, dramatisieren. Macht man es selbst nicht, übernehmen das die Agenturen für einen.

Papst-Botschaften sind von diesem Trend nicht ausgenommen. Als beispielsweise im Jahre 2007 der Papst eine tiefe, durchgeistigte Reflexion über „Kinder und Soziale Kommunikationsmittel: Eine Her-ausforderung für die Erziehung“ hielt, und eine Rückkehr zu den Werten des Guten, Wahren und Schönen beschwor, machte schon bald die Schlagzeile „Papst: Sex und Gewalt in Videospielen sind pervers“ die mediale Runde.

Eine Schlagzeile, ein Fetzen von dem, was der Papst ursprünglich gesagt hatte. „Jeder Trend, Programme – einschließlich Filme und Video-Spiele – zu produzieren, die im Namen der Unterhaltung Gewalt verherrlichen und antisoziales Verhalten oder die Banalisierung menschlicher Sexualität darstellen, ist eine Perversion – umso abstoßender, wenn diese Programme für Kinder oder Jugendliche gemacht werden.“ Ein Vorgang der drastischen Kürzung, von dem auch andere Botschaften zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel betroffen waren. Wie natürlich auch andere Botschaften des Heiligen Vaters zu anderen Themen, anderen Anlässen.

In diesem Jahr jedoch dürfte es schwer sein, die Botschaft des Heiligen Vaters zu verkürzen, zu dramatisieren oder gar zu entstellen, lädt das deutsche Kirchenoberhaupt doch in schlichter, gänzlich unaufgeregter Sprache zu einer größeren Wertschätzung der Stille und des Schweigens im digitalen Zeitalter ein. Der Mensch von heute, so Benedikt XVI. in der am Dienstag unter dem Titel „Stille und Wort: Weg der Evangelisierung“ veröffentlichten Botschaft zum 46. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel, werde insbesondere im Internet von „Antworten auf Fragen bombardiert, die er sich nie gestellt hat, und auf Bedürfnisse, die er nicht empfindet“.

Eine Kritik an der akuten technologischen Aufrüstung durch iPads und iPods und die damit einhergehende Berieselung und Kommerzialisierung der Lebenswelten, die durch aktuelle medizinische und kommunikationswissenschaftliche Untersuchungen gestützt wird. Beispielsweise durch die Studie „Prävalenz der Internetabhängigkeit“ (Pinta), welche die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, im September 2011 in Berlin vorstellte oder die jüngsten Äußerungen und Publikationen von Danah Boyd, Miriam Meckel („Next“) oder Sherry Turkle („Alone Together“). Sie alle betonen die Bedeutung der Stille, des zeitweiligen technologischen Abschaltens.

Wenn der Papst jetzt in guter mystischer Tradition daran erinnert, dass angesichts der Reizüberflutung Momente der Stille unverzichtbar seien, um das Wichtige vom Unnützen und Nebensächlichen zu unterscheiden, so schwingt er sich damit aber auch zum Trendsetter in der Wahrnehmungsforschung auf, wo man engagiert, doch von der breiten Öffentlichkeit weitestgehend ungehört daran erinnert, dass Aufmerksamkeit eine begrenzte Ressource ist, die gepflegt werden muss. Mediale Aufmerksamkeit ist davon nicht ausgenommen.

Heißt dies nun aber, dass Papst und Kirche ihre Internet-Präsenz zurückschrauben werden und in Sachen Evangelisation sozusagen ein Schweigejahr des Herrn ausgerufen worden ist? Ganz sicher nicht. Mag Benedikt XVI. die Stille als ein „wesentliches Element der Kommunikation“ und „eine besonders intensive Ausdrucksform“ loben – auch dem Wort wird, wie der komplette Titel der Botschaft unmissverständlich zeigt, weiterhin eine große Bedeutung als kirchliche Ausdrucksform zugeschrieben. Das hat Folgen.

Die Möglichkeit, sich auf Webseiten, Blogs und in virtuellen Netzwerken mit religiösen Inhalten einzubringen, wird auch nach dieser Welttags-Botschaft im Fokus der Weltkirche bleiben. Schließlich fand im vergangenen Jahr nicht ohne Grund der erste Blogger-Kongress im Vatikan statt. Der digitale Kontinent, wie Benedikt XVI. die digitale Welt einmal bezeichnet hat, bleibt ein spannendes High-Priority-Missionsgebiet für die Kirche und ihre e-Priester. Zumal Benedikt XVI., spätestens seitdem er 2011 zum ersten Mal höchstpersönlich über sein iPad getwittert hat, mit Fug und Recht als erster e-Papst bezeichnet werden kann. Präsent im realen und virtuellen Leben. Sein Netzauftritt „Pope2You“ wird sich weiterhin in fünf Sprachen, darunter Deutsch, speziell an junge Katholiken und Jugendliche guten Willens richten. Verlinkt mit dem Youtube-Kanal des Papstes sowie einer päpstlichen Facebook- und Smartphone-Anwendung.

Der Inhalt der aktuellen Botschaft darf also nicht als Abschaffung der kirchlichen Verkündigung missverstanden werden, vielmehr sollte man ihn als Erinnerung an eine gesunde Kommunikations-Balance interpretieren: Ein authentischer Mensch, ein nachdenklicher Verkünder des Evangeliums kann aus Sicht des Papstes nur sein, wer sich souverän zwischen Online- und Offline-Status zu bewegen weiß. Auch Stille hat für einen spirituellen Menschen einen Wert. Einen großen sogar. Das ist jetzt neu unterstrichen worden.