Würzburg

Mut zum Mysterium

Alle Jahre wieder: Im Advent müssen Christen den Zauber der Erwartung unter dem merkantilen Geröll des Zeitgeistes freilegen.

Joseph Beuys
Joseph Beuys/dpa Foto: dpa

Die Mysterien“, befand Joseph Beuys 1984 in einem „Spiegel“-Gespräch, „finden im Hauptbahnhof statt, nicht im Goetheanum.“ Der provokant-geniale Künstler vom Niederrhein, erklärter Anhänger Rudolf Steiners, stellte mit diesem Diktum die in Dornach (Schweiz) befindliche, historisch wie architektonisch von metaphysischer Symbolik aufgeladene Zentrale der Anthroposophen in Gegensatz zu einem – auf den ersten Blick – nachgerade perfekten Prototyp des Profanen. Es ist, so kann man die Intention von Beuys auslegen, das Wimmeln und Weben des Banalen, Gewöhnlichen, Alltäglichen, in dem die Verdichtungen, Verwicklungen und Verzweigungen der Rätsel und Geheimnisse unserer Zeit evident werden. Doch was Beuys als Metapher galt, war vor rund 150 Jahren in der Tat ein von säkularer Transzendenz durchsättigtes modernes Mysterium.

Im Januar 1877 mietete Claude Monet ein Studio in der Nähe des Pariser Gare Saint-Lazare und malte insgesamt elf Ansichten dieses Bahnhofs im 8. Arrondissement der französischen Hauptstadt. Das impressionistische Kunstgenie war besessen von der gigantischen Geometrik, die in dynamisch-materiepraller Symbolik von Ankommen und Abreisen zugleich auf Übergreifendes, auf Europäisches und Globales verwies. Die Eisenbahn als eine der „Prämissen des Maschinenzeitalters“ (Nietzsche) war paradigmatisch für die Faszination eines säkularen Advents: die Ankunft der Moderne. Ein Vorgang, den der Soziologe Max Weber die „Entzauberung der Welt“ nannte: die nun mögliche Beherrschung „aller Dinge“ durch „technische Mittel und Berechnung“. Monets grandiose Gemälde machten den klassischen Kopfbahnhof zu einer der neuen Kathedralen, in denen für den alten Gott kein Platz mehr war. Den geistigen Boden dafür hatten Rationalismus und Aufklärung bereitet. „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!“ – der deutsche Denker Friedrich Nietzsche stellte dem gemeuchelten Demiurgen den philosophischen Totenschein aus.

Kathedralen und Katastrophen

Als die Kopfbahnhöfe zu Kathedralen des Fortschritts wurden, ging das einher mit einem neuen Glauben an eine lichte Zukunft, garantiert von den Mächten Wissenschaft und Technik. Es war der säkulare Gegenentwurf zu jener sakralen Verheißung, die mit der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus in die Welt getreten war: Die Erlösung wird kommen, alles wird gut. Was kam, waren die Katastrophen des „Zeitalters der Extreme“ (Eric Hobsbawm). Seither ist die westliche Welt in einer steten Entchristlichung und Säkularisierung begriffen. In Europa sei heute, so der ehemalige vatikanische Glaubenspräfekt Gerhard Ludwig Kardinal Müller, eine „Entchristlichung der gesamten anthropologischen Grundlage“ im Gange. „Alle Elemente des gelebten Glaubens, der Volksfrömmigkeit, sind zusammengebrochen.“ Dennoch trägt der Advent nach wie vor den Ruf als Zeit der Besinnung und Besinnlichkeit. Ungeachtet des Niedergangs, den 2005, im ersten Jahr seines Pontifikats, auch Papst Benedikt XVI. beim Angelusgebet kundtat: „In der heutigen Konsumgesellschaft erfährt diese Zeit leider eine Art kommerzieller ‚Verunreinigung‘. Sie droht, deren authentischen Geist zu beeinträchtigen, der durch Sammlung, Schlichtheit, Besinnlichkeit und nicht äußerlicher Freude gekennzeichnet ist.“ Schon hundert Jahre zuvor hatte der Soziologe Werner Sombart das profitwütige Metastasieren des Kapitalismus von einer „Schlammflut des Kommerzialismus“ begleitet gesehen.

Zunehmende Waren- und abnehmende Glaubensmasse machen es schwer, den Zauber der Erwartung unter merkantilem Geröll freizulegen. Andererseits war der Geist der Weihnacht – entgegen rührseligen Rückblicken – nie der Heilige Geist, sondern immer der Zeitgeist. Und um diesen wallen statt der betörenden Nebel des Numinosen die kontaminierten Dämpfe des Diesseitigen. „Aus dem Menschen, dem das Fest ein Wohlgefallen sein sollte, wurde der ,Endverbraucher‘, der in den Mechanismus der Absatzorganisationen geriet und von ihm erst wieder freigegeben wurde, als alles vorbei war.“ So klagte der Schriftsteller Friedrich Sieburg Anfang Januar 1953 im Wochenblatt „Die Zeit“ – „vorsorglich erst nach dem Fest“, wie Sieburg schrieb, denn es gehöre „schon ein wenig Mut dazu, gegen den Absatzterror zu protestieren“. Nun, auch das gehört längst zum zeitgeistigen Ritual.

Von der größten Hoffnung der Christenheit

Wahrlich: Was einmal mit der größten Hoffnung der Christenheit verbunden war, ist alle Jahre wieder die letzte Hoffnung des Einzelhandels. Glänzende Kugeln, glänzende Augen, glänzende Umsätze. Wer jetzt nicht handelt, den bestraft die Jahresendbilanz. Einst warf Jesus die Händler aus dem Tempel, heute füllt sein bevorstehendes Wiegenfest die Tempel der Händler. Des Apostels Paulus Wort „Jetzt ist die Zeit der Gnade“ kann jedenfalls kaum in Kongruenz gebracht werden mit dem gnadenlosen Geschäft in den Tagen bis Adventus Domini, der Ankunft des Herrn.

Es war auch just in jener „Zeit der Gnade“, als vor drei Jahren am 19. Dezember mitten in Berlin ein islamistischer Attentäter zwölf Menschen tötete und 55 verletzte. Ob für den wenige Tage später in Italien von einem Polizisten erschossenen Dschihadisten die Inklusion seines Verbrechens in den Advent eine Rolle spielte oder ob es ihm bei seiner Lkw-Terrorfahrt vor allem um den von möglichst vielen potenziellen Opfern besuchten Weihnachtsmarkt als Mordort ging, muss offen bleiben. Für die mediale Berichterstattung und politische Bewertung war der Umstand, dass der religiös fundierte Terror ausgerechnet in dieser für Christen einst sakralen Zeit blutige Ernte hielt, eine Marginalie. Er war – im Zusammenhang mit dem Massaker an der Gedächtnis(!)kirche – nicht der Rede wert.

"Mut zu sagen, dass wir Christen sind"

Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise im September 2015 wurde Angela Merkel auf einer Publikumsveranstaltung gefragt, wie sie „Europa und unsere Kultur vor der Islamisierung schützen“ wolle. Die Antwort der deutschen Kanzlerin: Durch „den Mut, zu sagen, dass wir Christen sind“ und „mal wieder in einen Gottesdienst zu gehen oder ein bisschen bibelfest zu sein“. Warum nicht? Wer Exportweltmeister kann, den sollte der Titelkampf um den Gebetsweltmeister nicht schrecken. Das Problem: Immer mehr von „uns“ sehen und fühlen sich nicht mehr als Christen und haben auch weder Lust noch Interesse, „mal wieder in einen Gottesdienst zu gehen oder ein bisschen bibelfest zu sein“. Ein Zustand, zu dem die Kirchen mit Missbrauchs-, Finanz- und anderen Skandalen ebenso beigetragen haben wie mit Staatsopportunismus. Ein Zustand mithin, in dem auch der vielbeschworene interreligiöse Dialog kaum eine Option ist – angesichts der rührend-naiven Appelle, letztlich würden „wir alle“ doch an den selben Gott glauben, obwohl im ehemals christlichen Abendland die Indolenz gegenüber jedem Gottesglauben zunimmt.

Es ist eine historisch beispiellose Konstellation, dass im Gefolge der Großen Wanderung ein vitales, streng strukturiertes und von Heilsgewissheit gesättigtes Glaubenssystem wie der Islam eine religiös hochgradig ausgezehrte Gesellschaft durchdringt. Eine Gesellschaft, in der Säkularität und Laizität als zivilisatorischer Fortschritt und Errungenschaften der Aufklärung galten. Zugleich trifft eine mit archaisch-atavistischer Virilität aufgeladene Auffassung von „Ehre“ auf den hedonistisch verwässerten und weitgehend definitionsresistenten Würdebegriff des Westens.

Joseph Beuys und die Energie Christi

Der seit Jahrzehnten von den Kirchen gepflegte Unmut über die zum Ende des Spätsommers in den Kaufhallen verfügbaren kulinarischen Weihnachtsingredienzen oder die pseudotheologische Debatte um Schokoladenfiguren (St. Nikolaus vs. Santa Claus) sind die eher banalen Symptome eines ernst zu nehmenden Prozesses: Der Verlust von Glauben geht immer auch einher mit der Erosion von Kultur. Die weitgehende Geringschätzung des religiös Überkommenen ist zweifellos Ausdruck eines durch Aufklärung und Wissenschaft geprägten und geförderten säkularen Selbstbewusstseins. Sie schwächt aber zugleich das geistig-kulturelle Wertefundament, auf dem ein der Stabilität bedürfendes Gemeinwesen ruht. Der Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde fasste das 1964 in sein berühmtes Diktum: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“

Das gilt nicht zuletzt für die Resistenz gegenüber der „totalitären Versuchung“, wie sie der französische Philosoph Jean-François Revel in seinem gleichnamigen Buch (1976) nannte. In der aktuellen Debatte um eine mögliche faschistische Renaissance vertritt der britische Historiker Roger D. Griffin die Ansicht, „dass Faschismus nur in einem säkularen Land denkbar ist“. In einem von der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin mit dem Professor für Zeitgeschichte an der Oxford Brookes University geführten Interview erklärte der Faschismusforscher: „Wenn eine Kultur noch von Christentum oder Buddhismus oder Ähnlichem geprägt ist, dann gibt es keinen Platz für eine säkulare, nationalistische Bewegung der Wiedergeburt. Denn die gesamte Energie, d. h. die kulturelle Energie fließt in die Aufrechterhaltung der Religion. Der Faschismus ist deswegen in Europa entstanden, weil die Kirche über die Jahrhunderte entmachtet worden ist. Der Niedergang des Christentums, die Säkularisierung und der Erste Weltkrieg haben zu einer beispiellosen Eruption des Nationalismus geführt.“ Eine These, die mit Blick auf Mussolinis Lateran-Verträge in Italien oder auf das strategische Bündnis der Franco-Diktatur mit dem spanischen Klerus zwar zu hinterfragen ist, in ihrem Kern aber auf das Fragile des Böckenförde-Diktums verweist.

Letztlich ist es wohl die subtile Sehnsucht nach dem Mysterium inmitten des Materiell-Merkantilen, was im Advent selbst bei „religiös unmusikalischen“ Menschen zu erhöhter spiritueller Sensibilität führt, um der „transzendentalen Obdachlosigkeit“ (Georg Lukács) des modernen Individuums für kurze Zeit zu entfliehen. Joseph Beuys, intellektueller Mystiker und durchaus kirchenkritisch, begriff die christliche Religion in seinem Leben und in seiner Kunst als heilende Kraft. „Er suchte“, wie der Theologe und Kulturwissenschaftler Andreas Mertin schrieb, „die religiöse Energie Christi zeitgenössisch fruchtbar zu machen.“ Die Batterien mit dieser Energie, mit diesem Mysterium aufzuladen, ist – trotz kommerzieller „Verunreinigungen“ und „Schlammfluten“ – keine Zeit besser geeignet als der Advent.

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