Multimediale lyrische Intensität

Ein neues Rilke-Projekt: „Das Buch vom mönchischen Leben“ zum Sehen, Hören und Lesen. Von Stefan Meetschen

Beim liturgischen Stundengebet der Laudes im Apostolischen Palast. Foto: KNA
Beim liturgischen Stundengebet der Laudes im Apostolischen Palast. Foto: KNA

Einige Zeit ist vergangen, seit das Komponisten- und Produzententeam Schönherz & Fleer Werke des Dichters Rainer Maria Rilke vertont hat und unter dem Titel „Rilke Projekt“ auf verschiedenen CD-Veröffentlichungen von bekannten Schauspielern und Künstlern interpretieren ließ. Eine gute Idee, denn besonders das lyrische Oeuvre Rilkes bietet durch seine geheimnisvolle, dunkle Bildkraft verschiedene künstlerische Interpretations- und Entfaltungsräume an.

Was auch ein aktuell im Gütersloher Verlagshaus erschienener „spiritueller Wegbegleiter“ mit Gedichten Rainer Maria Rilkes belegt. Im gesprochenen Wort, in eigens für dieses Projekt komponierter Musik und durch sensible Schwarz-Weiß-Fotografien gewinnt hier der erste Teil („Vom mönchischen Leben“) von Rilkes frühem Gedicht-Zyklus „Das Stundengebet“ eine geradezu multi-mediale lyrische Intensität. Wobei die kreativen Gestalter (Musiker, Fotograf, Text-Arrangierer) Wert darauf legen, „keinesfalls den offenen Horizont Rilkes wieder verengen“ zu wollen, „sondern lediglich eine strukturierte Hörerfahrung“ zu ermöglichen, „deren Idee sich der von Rilke angezeigten Spur der Stundengebete verdankt“. Diese Haltung spiegelt sich in der Einteilung des sehr ansprechend gestalteten Buches als Pappband und der beiden beigefügten CDs wieder.

Im ersten Teil des Buches (und auf der ersten CD) sind thematisch verwandte Gedichte in den Ablauf der mönchischen Stundengebete eingezeichnet – von der frühmorgendlichen „Vigil“ bis zur abendlichen „Komplet“. In ihrer Gesamtheit findet man die Gedichte „Vom mönchischen Leben“ dann im zweiten Teil des Buches (und auf der zweiten CD). „Was ist Rom? Es zerfällt. Was ist die Welt? Sie wird zerschlagen/eh deine Türme Kuppeln tragen,/ eh aus Meilen von Mosaik/ deine strahlende Stirne stieg.“ Rilke schrieb diese Gedichte, frisch heimgekehrt von einer Russlandreise, aus der Perspektive eines fiktiven Autors, eines alten russisch-orthodoxen Mönches und Ikonenmalers. Mehr als die Malerei beschäftigt diesen die Beziehung zu Gott im Alltag und die damit verbundene Selbsterfahrung. „Ich finde dich in allen diesen Dingen/ denen ich gut und wie ein Bruder bin;/ als Samen sonnst du dich in den geringen/ und in den großen giebst du groß dich hin.“ Dabei ist das Gottesbild, das in den Versen aufscheint, stärker geprägt vom Pantheismus und Rilkes eigener Deutung des Allmächtigen, eines Gottes also, der wird, der entsteht und der kommt, was aus christlicher Sicht bei aller Feinfühligkeit und Sinn für spirituelle Suchbewegungen und Poesie denn doch nicht ganz vereinbar mit der pastoralen Praxis und Lehre ist. Es sei denn, man widmet sich der Lyrik von einem klaren katholischen Standpunkt aus.

Im Brief an den Verleger äußerte Rilke denn auch sehr genau seine Vorstellungen des Buch-Konzepts, das man heute in Anlehnung an Dorothee Sölle wohl als „Theopoesie“ bezeichnen würde – ohne damit der mystischen Tiefe, auf die Rilke in aller Freiheit und Geduld abzielte, gerecht zu werden. „Ich denke mir das Stunden-Buch schlicht und stark in der Wirkung; von jener Art eines vornehmen Gebrauchsbuches, wie die Gebetbücher etwa des sechzehnten Jahrhunderts sie aufweisen …“. (Brief vom 1905)

Als ein solches lyrisches Gebrauchsbuch oder Wegbegleiter ist die vom Bonner Wissenschaftler Gotthard Fermor herausgegebene multi-kreative Fassung vom „Buch vom mönchischen Leben“ denn auch voll und ganz zu empfehlen. Doch – dies sei in Zeiten fortgeschrittener theologischer Verwirrung noch einmal deutlich betont: Verwechseln mit den authentischen Stundengebeten der Kirche darf man die subjektiven, melancholisch-schönen Verse des Dichters im Gewand des orthodoxen Mönches jedoch nicht. Wie es, bei aller religiösen Inspiration, auch nicht Rainer Maria Rilkes Absicht war.

Rainer Maria Rilke: Das Stunden-Buch. Erstes Buch: Das Buch vom mönchischen Leben. Hrsg. von Gotthard Fermor. Mit 2 Audio-CDs, Gütersloher Verlagshaus, 200 Seiten mit 90 s/w-Fotografien, ISBN 978-3-579-08188-5,

EUR 29,99