Moralische Instanz

Einer der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts: Vor fünfzig Jahren starb Karl Jaspers. Von Felix Dirsch

Karl Jaspers
Bessere Möglichkeiten des Menschseins zeigen: Karl Jaspers. Foto: IN

Der Titel „Praeceptor Germaniae“ wird in der Historiographie nur sehr spärlich verliehen. Der gemäßigte Reformator Philipp Melanchthon ist wohl der wichtigste Träger. Gelegentlich ehrt man auch Romano Guardini mit dieser Zuschreibung.

Wollte man in den ersten zwanzig Jahren der Geschichte der Bundesrepublik eine Persönlichkeit finden, auf die diese Bezeichnung zutrifft, muss man nicht lange suchen: Der Philosoph Karl Jaspers (1883–1969) gilt als das Gewissen der noch jungen zweiten deutschen Demokratie.

Etliche seiner zeitkritischen Schriften („Die Schuldfrage“ von 1946; „Die Atombombe und die Zukunft des Menschen“ von 1958; „Freiheit und Wiedervereinigung“, 1960 erschienen; „Wohin treibt die Bundesrepublik“ von 1966) schlugen hohe Wellen. Bereits 1930 hatte sich Jaspers mit seiner Stellungnahme zur geistigen Situation der Zeit einen Namen als Impuls- und Stichwortgeber gemacht, ohne das kommende Unheil deutlich vorhersagen zu können. Viele Menschen ahnten damals bereits, dass sich hier jemand äußerte, der etwas zu sagen hat. Noch wirkmächtiger positionierte sich Jaspers als liberaler Kritiker der Ära Adenauer, der man gern das Adjektiv „restaurativ“ anheftet. Er unterstrich, dass er nicht nur die politischen Strukturen im Blick hatte, sondern zur Verhaltensänderung der Menschheit insgesamt beitragen wollte. Der Atombombeneinsatz am Ende des Zweiten Weltkrieges erwies sich als dauerhaftes Menetekel – gerade in Zeiten des West-Ost-Gegensatzes. Wahrheit hat sich nun in der Praxis zu bewähren – so der neue Akzent nach dem Zweiten Weltkrieg.

Diese Rolle als moralische Instanz war Jaspers nicht in die Wiege gelegt. Seinen Bildungshorizont legte er erstaunlich breit an. Nach juristischen und medizinischen Studien sowie der anschließenden Promotion arbeitete er als Klinikpsychiater. Früh knüpfte er Kontakte zu Max Weber, dessen Werk er sich lebenslang verpflichtet fühlte. Später habilitierte er sich an der Philosophischen Fakultät. Sein aufsehenerregendes Buch „Psychologie der Weltanschauung“ (1919) wollte Möglichkeiten des Menschseins und Orientierungsmittel zur Selbstbesinnung aufzeigen.

Grundlegende Stichworte seines rasch wachsenden OEuvres sind Weltorientierung, Existenzerhellung und Metaphysik. In den 1920er Jahren breitete sich vor dem Hintergrund der Verarbeitung des Ersten Weltkrieges eine neue Hauptströmung der Philosophie aus: die Existenzphilosophie. Zwei Denker im mittleren Alter gelten als Protagonisten dieser Richtung: Martin Heidegger, der nur mit Einschränkung unter diese Bezeichnung zu rubrizieren ist, und sein Kollege Jaspers, mittlerweile Ordinarius in Heidelberg. Beide standen in regem Austausch miteinander, der Briefwechsel ist heute noch mit Gewinn zu lesen. Die unterschiedliche Stellung beider Gelehrten im Nationalsozialismus unterbricht den Dialog. Bald nach 1945 verfasste Jaspers ein Gutachten zum „Fall Heidegger“, das den prominenten Kollegen in Freiburg schwer belastete.

Zu den wichtigsten Themen von Jaspers' Frühwerk gehört die Verhältnisbestimmung von Philosophie und Wissenschaft. Er wollte Philosophie als Disziplin verankern, die Sachwissen übersteigt. Das „alle Sachkunde nutzende, aber überschreitende Denken“ stellte er in den Mittelpunkt des Philosophierens, „durch das der Mensch er selbst werden möchte. Dieses Denken erkennt nicht Gegenstände, sondern erhellt und erwirkt in einem das Sein dessen, der so denkt.“ Existenzerhellung gilt als Schlüssel zu seinem Werk. Anders als bei Heidegger ragt die Bedeutung der menschlichen Freiheit heraus.

Die entscheidende Lebenshilfe erhielt Jaspers von seiner Frau Gertrud, mit der er die schweren Jahre der NS-Diktatur heil überstand. Da er sich von ihr (die jüdischer Abstammung war) nicht trennen wollte, stand der Abtransport in ein Konzentrationslager bereits bevor und wurde nur durch die deutsche Kapitulation verhindert. Was die Weitung des geistigen Horizonts anbetrifft, so spielte Jaspers' ehemalige Doktorandin Hannah Arendt eine wichtige Rolle in seinem Leben. Der Briefwechsel über Jahrzehnte hinweg gibt darüber Aufschluss.

Am Wiederaufbau der Heidelberger Universität beteiligte er sich noch, eher er einen Ruf nach Basel annahm. 1949 erschien erstmals sein geschichtsphilosophisches Hauptwerk „Vom Ursprung und Ziel der Geschichte“. Unter Rückgriff auf Alfred Weber und andere stellte er seine Konzeption der „Achsenzeit“ vor. In der Zeit vom 8. bis zum 2. vorchristlichen Jahrhundert (schwerpunktmäßig im 6. Jahrhundert) sieht er die „Eine Menschheit“ grundgelegt, die heute unter dem Schlagwort „Globalisierung“ längst omnipräsent ist. Bedeutende Lehrer des Menschengeschlechts traten damals raum- und kulturübergreifend auf: Konfuzius und Laotse in China, Buddha in Indien, Zarathustra in Persien, die Propheten im Alten Israel und die (vorsokratischen) Philosophen in Griechenland. Wie aktuell dieser von Jaspers verbreitete Entwurf auch in gegenwärtigen Debatten ist, zeigt nicht zuletzt der Erfolg der kürzlich erschienenen Abhandlung des Ägyptologen und Kulturwissenschaftlers Jan Assmann („Achsenzeit. Eine Archäologie der Moderne“).

Jaspers wusste, dass man das Achsenzeit-Theorem auch im Sinne einer Relativierung des Christentums lesen kann. Denn die menschheitshistorischen Durchbrüche fanden demnach lange vor der Geburt des Gottessohnes statt. Jesus war für ihn einer der großen Philosophen. Zu dessen genuiner Größe wollte und konnte der (wie sein Vorbild Max Weber) im Kulturprotestantismus anzusiedelnde Gelehrte nicht durchstoßen; vielmehr stand der philosophische Glauben im Vordergrund seiner Reflexion. Dieser kennt keine Dogmen, keine Kirche und keine Offenbarung. Transzendenz lässt sich höchstens in Form von Chiffren darstellen, also im Versuch der sprachlichen Fixierung eines nicht gegenständlich Erkennbaren. Der philosophische Glauben sucht seiner Ansicht nach „den Boden, auf dem Menschen aus allen Glaubensherkünften sich über die Welt sinnvoll begegnen könnten“. Trotz seines relativierenden Grundzuges ist Jaspers' besonders auf Kommunikation hin angelegter Ansatz in der gegenwärtigen Welt vielleicht relevanter denn je.

Karl Jaspers:
Aus der Gesamtausgabe im Schwabe Verlag:
„Gesammelte Schriften zur Psychopathologie“ 2019, 254 Seiten, EUR 130,–;
„Schriften zur Existenzphilosophie“ 2018, 700 Seiten, EUR 69,–