Mode und Wahrheit

Im Laufe der Jahrhunderte hat sich die Mode oft geändert. Doch stets gab es eine Übereinkunft darüber, was wann und wo zu welchem Anlass angemessen ist. Davon kann heutzutage keine Rede mehr sein. Was sagt das über unsere Zeit aus? Von Ingo Langner

Berliner Philharmoniker Open Air 2016
Die Kleiderordnung bei klassischen Veranstaltungen ist lockerer geworden. Hier dirigiert der musikalische Leiter des Gesangsprojektes „Sing along, Berlin!“, Michael Betzner-Brandt in Berlin auf dem Platz vor dem Kulturforum das Publikum der Veranstaltung „Berliner Philharmoniker ... Foto: dpa
Berliner Philharmoniker Open Air 2016
Die Kleiderordnung bei klassischen Veranstaltungen ist lockerer geworden. Hier dirigiert der musikalische Leiter des Ges... Foto: dpa

Das wäre ja so, als säße er in Unterwäsche in der Pariser Oper. So spröde ablehnend reagierte vor rund zehn Jahren ein renommierter Geisteswissenschaftler alter Schule auf das Ansinnen, zu einem bedeutenden historischen Thema ein publikumsfreundliches Buch ganz ohne Fußnoten zu publizieren. Erst die Fußnote ist es bekanntlich, die dem Text eine akademische Aura verleiht.

Ob mittlerweile auch an der Opéra Bastille die Kleiderordnung auf ein Niveau gedrückt worden ist, das inzwischen nicht nur die Angelsachsen „casual“ nennen, was auf Deutsch so viel wie „locker“, „informell“, „zwanglos“ heißt, entzieht sich unserer Kenntnis, leider. Doch möglich wäre es schon. Denn immerhin strahlt die hypermoderne architektonische Hülle der im Juli 1989 eingeweihten neuen Pariser Oper nicht mehr das Pathos der Vorgängerbauten aus. Doch wie dem auch sei: zur Berliner Musikfest-Eröffnung kam mancher in Shorts. Was immerhin deswegen konsequent war, weil etwa ein Viertel der männlichen Besucher ohnehin casual antrat. Wobei all diejenigen nicht mitgezählt sind, die Bruckners Achten zwar in mehr oder weniger dunklen Anzügen, doch mit offenem Hemdkragen á la Alexis Tsipras lauschten. Die Sinfonie wurde von Daniel Barenboim dirigiert, und selbstverständlich trugen der Maestro und alle männlichen Musiker der Staatskapelle den auf einem Konzertpodium mit klassischem Programm immer noch obligatorischen Frack.

Warum hier bislang nur von den Herren der Schöpfung die Rede ist, sei schnell gesagt. Obwohl auch für die weibliche Hälfte des Publikums in der Philharmonie der Dresscode „beliebig“ zu gelten scheint, sind Frauen unübersehbar immer noch darauf bedacht, bella figura zu machen. Was sie darunter von Fall zu Fall auch immer verstehen mögen.

Wir möchten betonen, dass es hier nicht um die Frage geht, was Mode in nuce ist und warum sie im Laufe der Menschheitsgeschichte die erstaunlichsten Artefakte hervorgebracht hat. Im Frankreich der Empire-Zeit beispielsweise wurde Auf-Teufel-komm-raus antikisiert. Die Farben Weiß und Gold waren Trumpf. Die Damen bevorzugten helmartige Hüte zur tunique. Deren hemdartiger Schnitt imaginierte griechische Nacktheit. Das Haar wurde, zum Knoten gebunden, a la greque getragen. Wie weggewischt waren die tiefen Dekolletés, die Perücken und bleich gepuderten Gesichter, auf denen schwarze Schönheitspflästerchen klebten. Auch die dünnen, durch Fischbeinmieder erzwungenen mädchenhaften Taillen sah man nirgendwo mehr. Die Männer wiederum trugen im Rokoko zarte Seidenröcke, Kniehosen, reiche Jabots, Spitzenmanschetten und gebänderte Schuhe und bevorzugten die Farben Pistazie, Reseda und Flieder. Wer von ihnen den jakobinischen terreur überlebt hatte, ging jetzt im pantalon, wie man den schlichten dunklen Rock des dritten Standes nannte. Die lange Matrosenhose der Sansculotten war im Empire schon passé. Über die erstaunlichen Wechselfälle der Mode im Laufe vieler Jahrhunderte ließe sich noch mancherlei sagen. Doch eines haben alle Zeiten gemeinsam: stets gab es eine stillschweigende Übereinkunft darüber, was an welchem Ort, zu welchem Anlass, zu welcher Tages- und Nachtzeit angemessen zu sein hat. Davon kann heutzutage keine Rede mehr sein.

Für einen Thomas Mann war es noch völlig selbstverständlich, zu einem Abendessen mit geladenen Gästen im Smoking zu Tisch zu sitzen. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Wer sich Photographien von Straßenszenen aus den ersten fünf Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts anschaut, wird feststellen, dass so gut wie jeder der dort abgebildeten Männer einen Hut trägt. Barhäuptig war man nur in den eigenen vier Wänden. Noch Mitte der sechziger Jahre gingen deutsche Studenten in „Schlips und Kragen“ in ihre Vorlesungen – auch im Westen Berlins. Welcher Profession Frauen nachgingen, die, mit einer Zigarette im Mundwinkel, lasziv, leicht und offenherzig gekleidet an Hauswänden lehnten, war noch bis weit in die siebziger Jahre hinein keine Frage. Heute dagegen präsentieren in nämlicher Pose schon Teenager die jüngsten Modetrends. Nur die Zigarette fehlt. Denn Rauchen kann tödlich sein. Den Tabak hat das Tattoo abgelöst. Wer es sich, wohin auch immer, „stechen“ ließ, möchte es jetzt auch öffentlich präsentieren. Während einst im Abendland fast nur Sträflinge und Seeleute tätowiert waren, haben jene Motive, die mit Tinte, Pigment oder anderen Farbmitteln in die Haut appliziert werden, längst alle noch existierenden Klassenschranken überwunden. Heute tun es fast alle. Wer im Internet die Seite de.wikipedia.org/wiki/Tätowierung anklickt, wird dort das Photo einer milde lächelnden jungen Frau sehen, die ihre auf Dekolleté und beide Arme gebrachten Bildchen präsentiert.

Wie konnte es soweit kommen? Diese Frage muss gestellt werden. Doch aufgemerkt: Uns geht es hier nicht darum, moralische Hühnchen zu rupfen. Wir fühlen uns nicht dazu aufgerufen, die Kategorien sittlich und unsittlich auszuloten. Uns geht es, zumindest versuchsweise, um eine Analyse des Faktischen. Möglicherweise hilft es da weiter, in Kürze zu referieren, mit welchem Argument die von uns angezettelte Diskussion über die Shorts und die schlipslosen Casuals“ bei der Musikfest-Eröffnung beendet worden ist: „Jeder trägt, was er für seine eigene Wahrheit hält!“ Punkt, Aus und wir verstummten.

Spiel, Satz und Sieg gingen an eine Frau jenseits der Dreißig, die ihre zwei- und fünfjährigen Kinder allein erzieht, weil der Gatte meint, mit einer Zwanzigjährigen zu neuen Horizonten aufbrechen zu müssen. Nun leben die Kleinen wochenweise mal beim Vater und mal bei der Mutter. Ob sich daraus eine Patch-Work-Familie mendelt, ist noch nicht ausgemacht. Die ist ja auch eine eigene Wahrheit und wird mit dem obligatorischen „Das ist heute so“, von allen darin Verwickelten schöngeredet; zumindest nach außen hin.

Ob, wie und auf welche Weise das Äußere das Innere widerspiegelt, war für die Generation, die sich im Kairosjahr 1968 anschickte, zu neuen Ufern aufzubrechen, eine rasch erledigte Frage. Fortan ging man casual ins Seminar und davor oder danach zur Vietnam-Demonstration. Für einen Polizeieinsatz mit Knüppeln und Wasserwerfern war der gute Anzug zu schade. Man würde ihn als Tarnkappe beim Marsch durch die Institutionen vermutlich noch brauchen. Zur eigenen Wahrheit gehört es heutzutage wohl auch, tagsüber politisch-korrekte Texte mit einer Flut von Gender-Sternchen zu produzieren und bei Nacht für die sexuellen Bedürfnisse eine Singlebörse in Anspruch zu nehmen. Wie sagte es doch schon Friedrich II. so preußisch knapp: „Jeder soll nach seiner Facon selig werden“.

Was die grenzenlose Modefreiheit in der Philharmonie und die temporäre Polygamie gemeinsam haben, liegt auf der Hand. Es ist die von keinen gesellschaftlichen Zwängen mehr gedrosselte Freiheit, zu tun oder zu lassen was man will. Anders gesagt: Was zur allgegenwärtigen Anschauung kommt, ist der frei flottierende Relativismus. Doch was mag die Quelle all dieser überbordenden Unverbindlichkeiten sein? Ein weites Feld, sicherlich. Darum dazu hier nur soviel: 1986, bei dem vom hl. Papst Johannes Paul II. initiierten großen Gebetstreffen der Weltreligionen in Assisi, haben Vertreter des Buddhismus eine Buddha-Statue auf den Tabernakel gestellt, in dem nach katholischem Glauben der Leib und das Blut Christi in den Gestalten von Brot und Wein wahrhaft gegenwärtig ist. Der 2001 verstorbene Silvio Kardinal Oddi schrieb dazu vier Jahre später in der Zeitschrift „Trenta Giorni“: „Ich habe Buddhisten um den Altar herum tanzen sehen, auf dem statt Christus Buddha aufgestellt, inzensiert und verehrt wurde. Ein Benediktiner, der bei diesem Ärgernis geschrien hat, wurde von der Polizei fortgebracht.“ Ist es mithin allzu verwegen, den grassierenden Relativismus der deutschen Gegenwart nicht allein auf die zweifellos zahlreichen Torheiten der achtundsechziger Generation, sondern auch auf den Glaubensrelativismus innerhalb der katholischen Kirche zurückzuführen?