Mit den Berliner Philharmonikern in Asien

Der Dokumentarfilm „Trip To Asia – Die Suche nach dem Einklang“ gibt Einblicke in das Innenleben des renommierten Orchesters

Im Jahre 2004 sorgte der Dokumentarfilm „Rhythm is it!“ (DT vom 16.09.2004) für Furore. Die Regisseure Thomas Grube und Enrique Sánchez Lansch begleiteten fünf Monate lang ein besonderes Projekt der Berliner Philharmoniker: die Aufführung von Igor Stravinskys „Le Sacre du Printemps“ durch die Berliner Profimusiker zusammen mit 250 Kindern und Jugendlichen in der „Arena“ von Berlin-Treptow.

Mit „Rhythm is it!“ gelang es Grube und Sánchez Lansch insbesondere, einen Dokumentarfilm mit einer Spielfilm-ähnlichen Dramaturgie zu drehen. „Rhythm is it!“ wurde mit dem Bayerischen Filmpreis und dem Deutschen Filmpreis 2005 für den Besten Dokumentarfilm ausgezeichnet. Nach diesem Film gingen die beiden Regisseure getrennte Wege, blieben jedoch sowohl dem Sujet Berliner Philharmoniker als auch dem Medium Dokumentarfilm treu. Beschäftigte sich Enrique Sánchez Lansch mit der Geschichte des Berliner Orchesters während der Nazizeit („Das Reichsorchester“, DT vom 06.11.2007), so begleitete Thomas Grube im November 2005 die Berliner Philharmoniker auf einer Konzertreise durch sechs Städte in Asien: Peking, Seoul, Shanghai, Hongkong, Taipei und Tokio. Daraus entstand die Dokumentation „Trip To Asia – Die Suche nach dem Einklang“, die im „Berlinale Special“ der diesjährigen Internationalen Filmfestspiele uraufgeführt wurde und nun im regulären Kinoprogramm läuft.

Im Interview mit der „Tagespost“ erläutert Regisseur Thomas Grube den Ursprung des Projektes: „Mitte 2005 haben sie uns gefragt, ob wir uns vorstellen können, diese Tournee zu begleiten. Dabei musste ich zunächst einmal die Frage für mich beantworten, ob ich wieder einen Film über die Philharmoniker drehen oder nicht lieber etwas anderes machen wollte. Nach dem Erfolg des ersten Films war es außerdem eine große Herausforderung. Für mich war es auf jeden Fall wichtig, das Vertrauen des Orchesters auch im Sinne eines „Final Cuts“, der Entscheidung über die endgültige Fassung des Filmes zu genießen. Weil die Berliner Philharmoniker ein demokratisch verfasstes Orchester ist, musste mein Konzept mit Zweidrittel-Mehrheit angenommen werden. Das taten sie offensichtlich auch.“

Thomas Grube bezeichnet seine Aufgabe als „eine Gratwanderung“: Die richtige Mitte zu finden zwischen der „Schlüsselloch-Perspektive“ und der kulturellen Verantwortung, die mit dem Namen „Berliner Philharmoniker“ verbunden ist. Denn eine Innenansicht des bekanntesten Symphonieorchesters der Welt liefern zu wollen, bedeutet auch, am „Mythos Perfektion“ zu kratzen.

Der augenfälligste Unterschied zwischen „Rhythm is it!“ und „Trip To Asia“ besteht darin, dass im ersten Film das Orchester eine Nebenrolle spielte. In „Trip To Asia“ übernimmt es aber die Hauptrolle. Zwar ziehen sich die einzelnen Sätze von Richard Strauss' „Ein Heldenleben“ wie ein roter Faden durch die Konzerte der Berliner Philharmoniker in den verschiedenen Städten – im Film ist der erste Satz aus der Aufführung in Peking, der zweite aus dem Seouler Konzert, der dritte aus dem Auftritt etwa in Shanghai zu sehen –, aber eine eigenständige Dramaturgie entsteht daraus nicht.

Denn „Trip To Asia“ ist keine Konzertreportage. Die Musikstücke – außer „Ein Heldenleben“ noch Beethovens „Eroica“ sowie Thomas Ades' „Asyla“ –, die auf der Konzertreise zur Aufführung kommen, stehen deshalb nicht im Vordergrund. Weil im Mittelpunkt von „Trip To Asia“ das Zusammenspiel zwischen Individuum und Orchester steht, setzt sich der dramaturgische Kern des Filmes über die Konzertauftritte und die Proben hinaus aus den Interviews mit den Orchestermitgliedern zusammen.

„Im Grunde geht es um die Frage“, so Grube, „wie können die besten Musiker der Welt, und zu denen gehören die Philharmoniker zweifellos, sonst wären sie nicht da, wie können sie damit zufrieden sein, Abend für Abend das Beste von sich zu geben, und sich trotzdem der Gemeinschaft zu unterordnen?“ Pointierter noch drückt Oboist Albrecht Meyer die Suche nach Perfektion aus: „Begabung gibt es genug. Aber sie bedeutet nichts ohne den Willen, sich selbst zu kasteien.“

Regisseur Grube lässt nicht nur drei oder vier Musiker, sondern 25 Orchestermitglieder zu Wort kommen. Obwohl diese Vielzahl den Zuschauer leicht verwirren könnte, ist dies auch eine Chance, sehr unterschiedliche Persönlichkeiten kennen zu lernen. Die Arbeit des Dirigenten – so formuliert es Simon Rattle im Film – besteht denn auch darin, aus den vielen Stimmen ein harmonisches Ganzes zu formen. Auf der Suche nach dem Einklang.