Mission mit modernen Mitteln

Der Wiener Priester Andreas Schätzle, Programmdirektor von „Radio Maria Österreich“, über Verkündigung im Radio Von Stephan Baier

Ein Radiosender, benannt nach der Gottesmutter, mit einem Priester als Programmdirektor und dem Ziel, ein Instrument der Evangelisation zu sein: Kann so etwas in der Radio-Landschaft professionell und zeitgemäß sein?

Tatsächlich ist der Name „Radio Maria“ schon Programm. Maria steht für die große Sehnsucht der Menschen, Gottes Liebe zu begegnen, einer uneingeschränkten Liebe, die sich in Maria ganz menschlich, ja mütterlich zeigt. Antwort auf diese Sehnsucht zu finden ist immer zeitgemäß und sogar notwendig – eine Stimme, die tröstet und ermutigt. Gott ist Mensch geworden. Und sein Wort, seine Gegenwart leuchtet hinein in alle Bereiche des Lebens, es ist ein Wort des Lebens für heute. Neben all den Themen aus Glaube, Liturgie und Spiritualität in unserem Programm kommen etwa ein Drittel der Sendungen aus den lebenspraktischen und sozialen Bereichen wie Psychologie, Medizin, Familie und Arbeitswelt, aber auch Kunst und Literatur. Gerade in diesen Lebensbereichen erweist sich die Alltagstauglichkeit unseres Glaubens. Der Name Maria signalisiert auch die Katholizität des Senders. Um die Kirchlichkeit zu garantieren, steht jedem „Radio Maria“ in der Welt ein Priester als Programmdirektor vor. Mit ihm zusammen arbeitet ein Team an Technikern, Mitarbeitern in Promotion und Administration, wie es ein professionelles Unternehmen braucht. Der Schlüssel aber liegt meiner Erfahrung nach in einer besonderen Qualität der Liebe, mit der sich unsere Mitarbeiter für die Evangelisation einsetzen.

Was ist das Anliegen, die Mission von „Radio Maria“?

Unser Sender ist Mission mit modernen Mitteln, ein Radio der Verkündigung. Der Erzbischof von Wien, Kardinal Christoph Schönborn, der vor mehr als elf Jahren die Gründung in Österreich mitinitiiert hat, nannte es einen „Herzensöffner für die Freude des Evangeliums“. Unser Anliegen ist es, allen Menschen dieses Signal des Evangeliums zugänglich zu machen, auch denen, die die Kirche heute nicht mehr erreicht. Zwei Haupt-Zielgruppen lassen sich nennen: zuerst die, die im christlichen Glauben stehen und durch die Katechese täglich Nahrung auf ihrem Glaubensweg empfangen, dann – und das ist Mission im eigentlichen Sinn – die, die Christus, sein Evangelium und die Kirche nicht kennen. Typisch für „Radio Maria“, besonders durch die zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeiter, ist ein familiärer Charakter, der es den Menschen leicht macht, sich in der Hörerfamilie zuhause zu fühlen. Und zur Familie gehören immer auch die jungen Menschen. Sie sind uns ein besonderes Anliegen.

In Italien ist „Radio Maria“ gut etabliert. Wie sieht es in Österreich und anderen Ländern aus?

„Radio Maria“ ist in 50 Ländern und allen fünf Kontinenten verbreitet. Der Dachverband, der diese internationale Entwicklung koordiniert und die Gründung neuer Radios ermöglicht, nennt sich „World Family of Radio Maria“. „Radio Maryja Polen“, nach dem oft in diesem Zusammenhang gefragt wird, ist nicht Mitglied der Weltfamilie und geht seine eigenen Wege, die manchmal auch mit politischen Interessen zu tun haben. Das werden Sie in „Radio Maria Österreich“ und in den anderen Stationen, die zur Weltfamilie gehören, nicht finden. Überall auf der Welt arbeiten die „Radio Marias“ nach den gleichen Prinzipien mit den drei Programmsäulen Liturgie und Gebet, Katechese, Lebenspraxis, sowie mit dem Fundament der ehrenamtlichen Mitarbeit und der klaren Orientierung am kirchlichen Lehramt. Aber in jedem Land gibt es besondere Herausforderungen. In Afrika zum Beispiel, wo das Radio derzeit einen großen Aufbruch erlebt, gibt es Stationen, die täglich sechs Stunden Sendungen über Gesundheit, Aids, Schulbildung et cetera bringen. In Europa liegen die Herausforderungen eher auf dem Gebiet der Hörbarkeit des Senders. Es ist in unseren Breiten für ein nicht kommerzielles Privatradio sehr schwer, zu UKW-Frequenzen zu kommen. „Gut etabliert“ meint aber auch, dass wir eine fruchtbare Zusammenarbeit mit der Kirche vor Ort, den Diözesen und ihren Bischöfen pflegen. „Radio Maria“ versteht sich als Unterstützung der pfarrlichen und diözesanen Pastoral. Um nur ein Beispiel zu nennen: Täglich übertragen wir die Heilige Messe aus Pfarreien oder Gemeinschaften im ganzen Land. Die Messe ist das Herzstück unseres Programms. In der Zeit der Messübertragung schnellen die Einschaltquoten in die Höhe. Es ist berührend zu erleben, wie intensiv Menschen über das Radio mitfeiern. Das merken wir an vielen Rückmeldungen der Hörer.

Wie viele Hörer hat „Radio Maria“ in Österreich und wie intensiv wirken sie am Programm mit?

Derzeit sind es etwa 80 000 Hörer, die täglich „Radio Maria“ einschalten und zumeist eine Stunde oder mehr dabeibleiben. Klar, dass man dranbleibt, wenn einen der Vortrag interessiert oder wenn man die Messe mitfeiert. In den meisten Sendungen haben die Hörer auch die Möglichkeit, sich telefonisch einzubringen, ihre Fragen zu stellen oder ihre Erfahrungen und Gedanken beizutragen. Wir haben auch eine Reihe von täglichen Gebetszeiten, bei denen die Hörer on Air ihre Anliegen kundtun und wir dann gemeinsam in der Hörerfamilie auf Sendung dafür beten. Eine indirekte, aber ganz wesentliche Mitwirkung am Programm ist der wirtschaftliche Unterhalt des Senders, der allein von den Spenden der Hörer finanziert wird – keine kommerzielle Werbung, keine öffentlichen Gelder! Wenn das Programm gut ist, wenn es die Herzen berührt und Menschen echte Nahrung für ihr Leben gibt, dann spürt man das in der Spendenbereitschaft der Hörer.

Welche Themen sind Ihnen besonders wichtig?

Mir liegt sehr an der biblischen Verwurzelung der kirchlichen Botschaft. Bei der Diözesanversammlung in Wien hat einer der Referenten das Wort geprägt: „Die Kirche heute muss nicht moderner werden, sonst ist sie morgen schon altmodisch. Sie muss evangeliumsgemäßer werden!“ Das gilt auch für das Radio als modernes und technisch optimal ausgestattetes Medium der Mission. Die Heiligen waren immer Männer und Frauen des Wortes Gottes. Wir können viele Worte machen, die bei allem guten Bemühen ins Leere gehen, aber ein Wort aus der Heiligen Schrift in rechter Weise in die Situation eines Menschen hineingesprochen kann ein Leben von Grund auf prägen und verändern. Wie kann ich aber wissen, wer jetzt welches Wort braucht? Manche Referenten sind am Anfang etwas zaghaft: Ich weiß ja gar nicht, wer mir da zuhört. Ich kann die Hörer ja nicht sehen. Da ist kein face to face, kein unmittelbares Gegenüber. Eine ungewohnte Redesituation, die aber auch große Chancen birgt. Mir wird das anhand des Gleichnisses vom Sämann deutlich: Er streut mit voller Hand den Samen aus, in der Hoffnung und im Wissen darum, dass er auch auf guten Boden fallen und reiche Frucht bringen wird. Die Verkündigung im Radio ist ein echter Akt des Glaubens. Gott weiß, wer welches Wort gerade braucht. Darin liegt die Stärke und Fruchtbarkeit der Radio-Verkündigung. Ich streue den Samen in den Wind des Heiligen Geistes. Im letzten ist ja Christus selbst der Sämann, der die Herzen kennt. Je mehr ein Referent ,im Geist‘ spricht, mit Christus verbunden ist in leidenschaftlicher Liebe zu Gott und den Menschen, umso mehr kommt sein Wort auch in den Herzen an. Es ist immer wieder erstaunlich, wer alles und aus welchen Gründen oder ganz zufällig, „Radio Maria“ einschaltet und von einem Wort oder einem Gebet in der Tiefe getroffen wird. Das ist das Wirken des Heiligen Geistes. Besonders beim Autofahren geschehen hier echte Wunder der Herzensöffnung, Heilung und Hinwendung zu Christus.

Gibt es im christlichen Glauben auch etwas, was nicht radio-tauglich ist?

Es gibt eine Unverfügbarkeit des Glaubens, der persönlichen Entscheidung. Die hat sehr viel mit der inneren, ganz persönlichen Begegnung zwischen Gott und dem Menschen zu tun. Das Radio öffnet diesen Raum der persönlichen Entscheidung: jeder ist völlig frei, ein- oder auszuschalten. Aber der Raum des Hörens steht ihm offen. Hier kann ganz viel geschehen. Umso mehr kommt es auf die innere Qualität der Liebe an, mit der die Sendungen von Seiten der Moderatoren und Referenten gestaltet werden. Da wächst Beziehung. Also in gewisser Weise ein echtes Gegenüber, hinter dem aber eine Erfahrung der Präsenz Gottes selbst steht. Darüber hinaus lebt das Radio nicht nur in seinen Sendungen, sondern in den vielfältigen Beziehungen und Interaktionen, die sich daraus ergeben. Menschen bitten aufgrund der Sendungen um Rat, erbitten eine Hilfestellung im medizinischen Bereich oder ein Glaubensgespräch, suchen einen geistlichen Begleiter oder Beichtvater, bleiben mit einem Referenten in Kontakt, geben das Programm an andere weiter, erhalten eine Idee für eine Gruppenstunde in der Pfarre, bekommen neuen Mut für ihr Zeugnis am Arbeitsplatz, beginnen in der Familie den Rosenkranz zu beten. Jeder Hörer ist im Grunde nicht nur Konsument eines Programmes, sondern wird auch selbst weitertragen, weitererzählen, im Gebet mittragen, was er gehört und empfangen hat.