Mein Tagesposting: Die echte Avantgarde

Von Johannes Hartl

Tagesposting: Die Kunst,  allein zu sein
Der Autor ist Leiter des Gebetshauses Augsburg. Foto: Archiv
Tagesposting: Die Kunst,  allein zu sein
Der Autor ist Leiter des Gebetshauses Augsburg. Foto: Archiv

Nichts ist so veraltet und überholt wie der Wunsch, modern zu sein. Über keine Ansicht schüttelt die nächste Generation so verächtlich den Kopf wie über eben jene, die ein paar Jahrzehnte zuvor als das unausweichlich Erwiesene galt. Die vergangenen Jahrhunderte sind übersät mit „toten Modernen“ (GK Chesterton) und trotzdem wirken Worte wie „zeitgemäß“, „aktuell“ und „altmodisch“ so mächtig auf uns. Dass eine bestimmte Einstellung heute überholt sei – was soll diese Aussage bedeuten? Ist eine Aussage allein deshalb falsch, weil man sie schon früher für wahr hielt? Wird der Satz 3+3=6 am Dienstag falsch, weil er am Montag auch schon bekannt war?

Freilich gibt es Moden. Das ist menschlich und ganz unbedenklich. Stil, Kunst, Lebensart ändern und entwickeln sich. Und natürlich gibt es auch Fortschritt in Wissenschaft und Erkenntnis. Doch fast immer wenn jemand Sätze wie „das kann man heute so nicht mehr sagen“ oder „für heutige Menschen ist das nicht mehr plausibel“ sagt, meint er nichts anderes, als dass wir es uns angewöhnt haben, bestimmte Ansichten als unattraktiv zu empfinden. Mit größerer Wahrheit hat das nichts zu tun. Die tiefsten Wahrheiten über den Menschen ändern sich überhaupt nicht mit den Moden. Und es weist nichts darauf hin, dass Menschen früherer Zeiten schlechter darin waren, darüber nachzudenken. Ganze Generationen können inmitten wissenschaftlichen Fortschritts radikal irren. Dazu drei Beispiele aus der Giftkiste der Geschichte.

In diesem Monat jährt sich die Russische Oktoberrevolution zum hundertsten Mal. Schon lange zuvor und noch lange danach – ein ganzes Jahrhundert lang galt es unter Intellektuellen als weitgehend akzeptierte Meinung, dass eine kommende Revolution der Proletarier historische Notwendigkeit und der Kapitalismus zum baldigen Scheitern verurteilt sei. Wer modern sein wollte, war Kommunist oder liebäugelte zumindest damit. Dies auch noch, als man mit etwas unvoreingenommener Beobachtung der Ereignisse in Russland (und später China) durchaus um die Blutspur hätte wissen können, die diese Ideologie von ihren frühesten Anfängen an nach sich zog. Der Massenmörder Mao Tse Tung war extrem modern im Berlin und München der späten 60er.

Ebenfalls fortschrittlich, zeitgemäß und zukunftsorientiert galt einmal der Faschismus. Eines der stärksten Argumente der Nazis war, dass ihre Rassentheorie sich so gut in den Vulgärdarwinismus der 30er Jahre einpassen ließ. Dass der Kampf ums Überleben die grundlegende Dimension alles Lebendigen sei, galt als evidente Erkenntnis der Biologie. Nationalismus galt als extrem modern, die anderen Gesellschaftsformen als altmodisch und überholt. Es waren nur die ewig Gestrigen, die einmal mehr den geschichtlichen Zug verpassen wollten. Der Genuss von Opium und Kokain war um 1900 ein Zeichen weltmännischer Gewandtheit, das Ende der Kirche wurde schon im revolutionären Frankreich der 1790er Jahre als abgemacht verkündet und über 200 Jahre lang die Newton'sche Mechanik als System zur vollständigen Beschreibung der physikalischen Realität. Bis die Quantenmechanik alles durcheinanderwarf.

Nichts ist so sehr Avantgarde wie eine gesunde Distanz zu modernen Ansichten, stets um die Versuchung zur Selbstüberschätzung der eigenen Epoche wissend.