Würzburg

Maschinendämmerung

Romano Guardini und Martin Heidegger diagnostizierten schon früh Anzeichen der Entstehung Künstlicher Intelligenz.

Futuristisches Roboterwesen
Für Christen ist der Tod sinnvoll, da das Irdische nur Durchgang ist. Transhumanisten sehen das anders. Foto: Adobe Stock

Wenn die Debatten über „digitalen Humanismus“ in letzter Zeit inflationäre Ausmaße angenommen haben, so stellt sich die Frage nach deren Ursprüngen. In den 1940er Jahren mehrten sich, auch aus kriegsbedingten Forschungen heraus, Theorien über die Gemeinsamkeiten von automatischen Maschinen und menschlichen Nervensystemen. Die beide verbindende Formel lautete Information, die neue wissenschaftliche Disziplin erhielt den Namen Kybernetik. Der Ingenieur Norbert Wiener, neben Alan Turing, John von Neumann und anderen einer der Genies, legte 1948 ein Pionierwerk vor, das den Untertitelt trägt „Regelung und Nachrichtenübertragung im Lebewesen und in der Maschine“. Eines der Ziele des Gelehrten bestand darin, mittels problemlösender Maschinen das „menschliche Gehirn zu entwerten, wenigstens in seinen einfacheren und mehr routinemäßigen Entscheidungen“. Die Gefahren größerer Arbeitslosigkeit lagen damals schon auf der Hand. Später prägte Wiener den aussagekräftigen Begriff „Menschmaschine“. Er wusste, dass er sich auf dem weiten Feld des Mythos bewegte. Auch aus diesem Grund veröffentlichte der der jüdischen Tradition entstammende Wissenschaftler ein Buch über „Gott & Golem“.

Im Schatten eines neuen Welt- und Menschenbildes

Die neue Relation von Gott, Menschen und subhumanen Entitäten warf ihre Schatten voraus. Hellsichtige Propheten nahmen früh Hinweise eines neuen Welt- und Menschenbildes wahr. Der Religionsphilosoph Romano Guardini analysierte in seiner 1950 erschienenen Abhandlung „Das Ende der Neuzeit“ den Niedergang der großen Konstituenten neuzeitlicher Welt- und Lebensanschauung: So konstatierte er ein Verständnis von autonomer Natur, wie es von Denkern wie Spinoza, Rousseau und Goethe begründet worden war, eine von allen religiösen Bindungen gelöste Persönlichkeit des Menschen („Faust“ als Prototyp) sowie eine Ansicht von Kultur, die alles Geschaffene nur noch zu akzeptieren imstande ist, wenn es vom Menschen herrührt.

Nicht zuletzt dem kulturpessimistischen Grundzug des Zeitalters verpflichtet, versuchte Guardini, das nach der Auflösung des neuzeitlichen Weltbildes „Kommende“ in Umrissen zu skizzieren. Die Natur wird nicht mehr als Ursprüngliches im Sinne der „Mutter Natur“ verehrt. Ihr kann man sich nur noch über mathematische Formeln und Abstraktionen nähern. Die lebendige, von Gott angesprochene  Person  verschwindet mehr und mehr; übrig bleibt der von vielen wissenschaftlichen Fachbereichen (Biologie, Soziologie, Psychologie und so fort) perspektivisch beleuchtete Mensch. Der Verlust des direkten Kontaktes zur Natur gilt Guardini als Folge der omnipräsenten Technisierung: Wasserbewirtschaftung, Verkehr, Touristik, Vergnügungsindustrie und vieles mehr bestimmen den Alltag. Diese Einflüsse fördern die Maschinen- und Technikförmigkeit. Die Masse der Menschheit steht unter dem Gesetz der Normierung, welches der Funktionsform der Maschine zugeordnet ist. Guardini ist klar, was den Takt des Daseinsrhythmus vorgibt, wobei er wohl eher an die alte mechanische Maschinenwelt denkt.

„Die lebendige, von Gott angesprochene Person
verschwindet mehr und mehr;
übrig bleibt der von vielen wissenschaftlichen
Fachbereichen perspektivisch beleuchtete Mensch“

Die Lebensform, die diesen Prägungen entspringt, folgt rationaler Planung und „genormten Maschinenprodukten“. Die meisten wissenschaftlichen Abstraktionen sind sinnlich nicht einzuholen und höchstens in Form von Sekundärerfahrungen präsent. Formeln und Apparaturen hinterlassen Prägekräfte, die bei feinsinniger Registrierung einen „nicht-humanen“ Menschen zum Vorschein bringen, der die Vorwegnahme des „Maschinenmenschen“ darstellt. Der Weg dorthin war damals schon eingeschlagen. Heute arbeiten diverse Wissenschaftsdisziplinen bei dem Ziel zusammen, ein künstliches Gehirn zu modellieren. Der Mensch, der sich eines solchen vielleicht einmal bedienen wird, dürfte dann nicht mehr als außergewöhnlich erscheinen.

Humanoide Roboter oder Robotermenschen gibt es jetzt schon in größerer Zahl. Diese Geschöpfe fallen einem ein, wenn man über den „nicht-humanen Menschen“ Guardinis reflektiert. Ein Mitglied dieser Spezies, die Roboterfrau Sophia, immerhin in dem nicht gerade als frauenfreundlich bekannten Land Saudi-Arabien eingebürgert, verfolgt kein geringeres Ziel als die Zerstörung der Menschheit. Diese Absicht ist nicht überraschend, vergegenwärtigt man sich eine Vorhersage des verstorbenen Astrophysikers Stephen Hawking: „Es liegt in der Natur einer intelligenten Spezies sich selbst auszulöschen.“

Um die Mitte des letzten Jahrhunderts traten weitere Kulturkritiker als Deuter des Epochenbruches auf. Hans Sedlmayrs Diagnose vom „Verlust der Mitte“, einer Tendenz, die „fort vom Menschen“ führe, geht (im Nachhinein betrachtet) weit über eine Fundamentalkritik moderner Kunst hinaus; deren Motive schließen das Mensch-Technik-Verhältnis ein. Clive S. Lewis‘ Ahnung von der „Abschaffung des Menschen“ ist angesichts eugenischer und behavioristischer Experimente ähnlich gelagert.

Martin Heidegger, der aus streng katholischem Elternhaus stammte, später aber vom Glauben abfiel, beschäftigte sich in seinen späteren Lebensjahren intensiv mit dem Wesen der Technik. In diversen Vorträgen der 1960er Jahre bezog er sich auf das Phänomen der Kybernetik weitaus direkter, als das bei Guardini der Fall ist. In einem Vortrag in Paris, den er nicht selbst halten konnte, betrachtete er das „Ende der Philosophie“ als „Triumph der steuerbaren Einrichtung einer wissenschaftlich-technischen Welt und der dieser Welt gemäßen Gesellschaftsordnung“. Wie Guardini prognostizierte er die Herrschaft der Technik, diesmal in Form der Hegemonie des berechnenden Denkens. Menschen mutieren zu technikförmigen Wesen. Der Freiburger Philosoph habe, so ein verbreiteter Vorwurf, das Dasein des Menschen dem Sein bloß „drangegeben“. Es scheine ihm das Schicksal des in der Technik aufgehenden Menschen gleichgültig. Heidegger hat sich jedoch von einer solchen Auslegung seines Ansatzes stets distanziert.

Transhumanisten wollen den Tod überwinden

Der Topos „Ende der Philosophie“ ist mehr als nur modisches Gerede. Heidegger sieht diese Zäsur für die Philosophie als Indiz für eine im abendländischen Denken gegründete, aber erst jetzt endgültig anbrechende Weltzivilisation. Sie ist für ihn in erster Linie ein technisch-ökonomisches Gebilde. Heidegger fragt weiter nach der Aufgabe des Denkens. Er vertritt die Ansicht von der Lichtung des Seins, von dessen Offenheit. Deutlicher wird er, wie üblich, nicht. Man darf sich nicht wundern, dass solche Andeutungen oft nur als Privatmythologie interpretiert werden, die das Dunkle zu erhellen intendieren, dieses Ziel aber verfehlen. Manche lesen Heideggers Doktrin als eine, die nicht christlich sein will, aber dennoch auf Religion nicht ganz verzichtet.

Im heutigen Stadium der Technikentwicklung dürfte sensible Wahrnehmungsfähigkeit nicht mehr ausreichen. Vielmehr ist klar auf die eigentliche Aufgabe des Christen zu verweisen, für den das Irdische nur Durchgang sein kann. Zum humanen Dasein gehört sinnvollerweise der Tod, der nach Ansicht von transhumanistischen Maschinengläubigen zu überwinden ist. Wer aber hielte ein ewig dauerndes weltliches Dasein aus? Menschliches Glück ist von der Endlichkeit und Unvollkommenheit der Existenz nicht zu trennen, da wir im Falle einer zeitlich unbegrenzten Anwesenheit immer mit Langeweile konfrontiert wären. Die „ewige Wiederkehr des Gleichen“ wäre wohl unvermeidlich. Auch hier gilt: Inflation entwertet! Das Lebensende macht die Zeit objektiv knapp und wertet somit unsere Entscheidungen auf. Sie sind nicht unbegrenzt wiederholbar.