Mädchen führen Krieg auf hoher See

Politische Konflikte verniedlicht: In japanischen Anime-Filmen wird Nationalismus zur Populärkultur. Von Alexander Riebel

Nur ein Mädchen aus der japanischen Anime-Welt? Nein, vielmehr ein Symbol für den japanischen Flugzeugträger Akagi aus dem Zweiten Weltkrieg, der auch heute noch alles Böse aus Japan vertreiben soll. Foto: IN
Nur ein Mädchen aus der japanischen Anime-Welt? Nein, vielmehr ein Symbol für den japanischen Flugzeugträger Akagi aus d... Foto: IN

Noch sind die Worte des japanischen Premierministers Shinzo Abe zum Ende des Zweiten Weltkriegs nicht vergessen. Noch immer kritisieren die japanischen Medien seine unklaren Worte, in denen er von „Aggression“ und „Regeln der Kolonialisierung“ während der Zeit, in der Japan im Krieg war, sprach, ohne aber zu benennen, von wem die Aggression ausging. Auch hat Abe den Besuch bei den chinesischen Gedenkfeiern Anfang September zum Anlass des Sieges über Japan vor siebzig Jahren abgesagt – die chinesische Regierung plant militärische Aufmärsche, was Abe als anti-japanisch empfindet.

Gerade in diese Debatten, die auch von einem neuen militärischen Geist in der japanischen Regierung überschattet werden, fällt nun die Ankündigung einer neuen japanischen Fernsehserie. Die großen japanischen Schlachtschiffe des Zweiten Weltkriegs sollen in Gestalt der beliebten japanischen Anime-Mädchen im kommenden Jahr als Blockbuster in die Kinos kommen. „Kawaii“ ist das Wort, dass dann wieder am meisten zu hören sein wird und dass die ganze Atmosphäre umfasst: es bedeutet schlicht „süß“, ist aber eines der am meisten gebrauchten Worte der japanischen Sprache. Es gibt bereits eine Fernsehserie unter dem Titel „Kantai Collection“, die in Episoden die Geschichte der geheimnisvollen Mädchen erzählt.

Die Story handelt von geheimnisvollen Mädchen, die nach Monsterart als eine Flotte von Schiffen auftauchen und die Menschen aus den Weltmeeren vertreiben. „Abyssals“ werden sie von der bedrohten Menschheit genannt. Es gibt nur eine Waffe gegen sie, nämlich wiederum Mädchen, die in Gestalt von japanischen Kriegsschiffen wiedergeboren werden und die Feinde zum Kampf herausfordern. Das Mädchen Fubuki und ihre Kameradinnen werfen sich in die Schlacht. Dass es sich hierbei überhaupt um kleine Mädchen handelt, wie auch in den meisten Mangas und Animes, wird dem europäischen Betrachter eher fremd sein; für japanische Phantasien, die dabei an kleine Schulmädchen in ihren Uniformen denken, ist diese Vorstellung völlig alltäglich. Die japanischen Männer, von denen eine dominante Stellung in der Gesellschaft verlangt wird, erträumen sich auf diese Weise starke Frauen.

Die Mädchen haben Namen wie Akagi, Kaga, Hiryu oder Soryu – allesamt Flugzeugträger der japanischen Kaiserlichen Marine im Zweiten Weltkrieg, die der amerikanischen Flotte in der Schlacht um Midway zum Opfer fielen. Auch die vier Kongo-Schwestern, abgeleitet von einem japanischen Schlachtschiff, gehörten zur Flotte. Doch dass die Schiffe versenkt wurden, stört beim Film heute niemanden; vielmehr sollen die einstigen Symbole japanischer Stärke ja gerade wieder auferstehen, wiedergeboren werden, wie es im Film heißt, um den Kampf nun endlich zugunsten Japans zu beenden.

Bereits 2013 hatte Kadokawa Games ein Computerspiel mit den „Flottenmädchen“ herausgebracht. Im Film nun surfen die Mädchen auf nackten Füßen in hoher Geschwindigkeit über das Wasser ihren Feinden entgegen, ziehen in Zeitlupe nach Samuraiart Pfeile aus ihrem Köcher. Die fliegenden Pfeile verwandeln sich in japanische Sturzkampfbomber, die von Zero-Jagdflugzeugen begleitet werden. So werden die gegnerischen Schiffe zerstört, auch zuweilen durch eine Handvoll Torpedos, die die Mädchen ins Wasser werfen.

Dass die japanische Kriegsführung durch „süße Mädchen“ verniedlicht wird, ist mehr als fragwürdig. Das entspringt aber einer Tradition, die nicht, wie die deutsche, nach dem Krieg gebrochen wurde. Den Kaiser, einst Oberbefehlshaber der Truppen, haben die Amerikaner den Japanern gelassen, auch wenn dieser nur noch symbolische Funktion hat. Aber gerade dadurch können die Japaner noch heute an ihre Geschichte anknüpfen und ungebrochen die Samuraitradition mit ihrer kämpferischen Reichsgeschichte verbinden. Unzählige Spielfilme belegen das.