Letzte Warnung

Warum Harald Lesch und Klaus Kamphausen zur ökologischen Umkehr aufrufen. Von Barbara Stühlmeyer

Das Phänomen ist bekannt. Wer den Postkasten ausleert, wandert von dort in der Regel gleich zum Mülleimer, um die Kataloge zu entsorgen, die wieder einmal zu neuen, unnützen Anschaffungen verführen wollen. Schon wieder gespart, denkt man dann und freut sich, der Versuchung nicht erlegen zu sein. Aber das ist nicht genug. Denn so ein Katalog ist ganz schön teuer. Allein durch die Herstellung eines einzigen Din A 4 Blattes – noch unbedruckt, werden zehn Liter Wasser verbraucht. Im Vergleich mit einem Viertelliter Apfelsaft (190 Liter), einem Kilo Reise (4 000 Liter) einem Hamburger (5 000 Liter) oder einem PKW (bis zu 450 000 Liter) ist das zwar nicht viel, aber es summiert sich. Und zwar zu Lasten derjenigen, an die die Märkte, deren Befinden uns heutzutage so wichtig ist, ebenso wenig denken wie wir, der Armen. Das Wasser auf der Erde ist aber begrenzt. Leider ist das nur wenigen bewusst, denn natürlich haben wir alle den wunderschönen blauen, von Weltmeeren bedeckten Planeten vor Augen. Doch Salzwasser kann man nicht trinken, will man es nicht vorher mühsam aufbereiten. Von den 2,5 Prozent Süßwasser wiederum sind nur 0,3 Prozent für den Menschen direkt nutzbar.

Dies sind nur einige kleine Fische aus dem überreichen Meer der Fakten, die Harald Lesch und Klaus Kamphausen in ihrem Bestseller Die Menschheit schafft sich ab. Die Erde im Griff des Anthropozän vor den Augen des zunehmend entsetzten Lesers ausbreiten. Das, was die beiden Autoren hier, gemeinsam mit vielen anderen Wissenschaftlern, Politikern, Umweltschützern und Theologen zusammengetragen haben gleicht einem verzweifelten Aufschrei. Lesch und Kamphausen machen sich selbst zum Resonanzraum für den im Lärm des Alltags überhörten Aufschrei der Schöpfung. Sie setzen dabei auf ein Netzwerk, an dem viele verantwortungsbewusste Menschen mitknüpfen können und sollen. Bemerkenswert ist, wie oft und ausführlich der erklärte Agnostiker Lesch dabei Papst Franziskus zu Wort kommen lässt, den er zusammen mit der UN für die moralische Instanz unseres Jahrhunderts hält. Und er ist nicht der einzige Kirchenvertreter, dessen Autorität und Kompetenz dieses Buch zu einem zur Umkehr auffordernden, durch und durch erschütternden Leseerlebnis macht. Auch der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm kommt zu Wort, um deutlich zu machen, dass der Mensch Teil der Schöpfung ist und dass alles Geschaffene seiner liebenden Sorge anvertraut, nicht seiner ausbeutenden Ausnutzung anheimgegeben ist und widerspricht damit ein für alle Mal dem beliebten, an Juden und Christen herangetragenen Vorurteil, dass der Schöpfungsbericht die Schuld am Klimawandel trage. Papst Benedikt XVI. wird mit seinen nachdenklichen Überlegungen, dass Materie nicht Machbarkeit evoziert, zitiert und sein Bemühen um einen Ausgleich zwischen Glauben und Vernunft ausdrücklich gewürdigt. Überhaupt ist dieses Buch, in dem so viel und so faktenreich von der systematischen Umweltzerstörung geschrieben wird, ein ausgesprochen moralisches. Lesch und Kamphausen sehen ganz klar, wo die Ursachen für den totalen Verlust des Empfindens für das Gute, das Schöne, die Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung liegen. Dass die Kirchen gesamtgesellschaftlich kaum noch eine Rolle spielen, hat zu erdrutschartigen Verwerfungen in der Moral unseres Gemeinwesens geführt. Und das Schlimmste ist, wie die Autoren meinen, dass dies kaum noch jemanden aufregt. Wer heute, was zu Zeiten Konrad Adenauers noch praktiziert wurde, ein Spitzensteuersatz von 95 Prozent forderte, würde damit zielsicher politischen Selbstmord begehen. Wir leben in einer Situation, in der 62 Superreiche zusammen genauso viel besitzen wie die gesamte ärmere Hälfte der Menschheit zusammengenommen. Aber das regt niemanden mehr auf. Na und? Uns geht's doch gut. Denken wir. Aber es kann sehr gut sein, dass dies nicht so bleibt. Und es ist ganz sicher, dass es unseren Kindern und Enkeln auf diesem Planeten nicht mehr gut gehen wird, wenn wir so weitermachen wie bisher. Wer sein tägliches Schnitzel zum Menschenrecht erhebt und aggressiv auf Forderungen nach einer artgerechten Tierhaltung und weniger Fleischmahlzeiten reagiert, muss sich bewusst werden, dass er auf Kosten derjenigen lebt, die heute schon völlig unnötigerweise an Hunger sterben, und dazu beiträgt, dass sich der Klimawandel nicht wird stoppen lassen.

Auch die öffentliche Moral schrumpft rasant

Dass heutzutage mehr Getreide für den Verzehr bestimmter Tiere verfüttert wird, als es Menschen ernährt, ist ein Skandal. In Zukunft wird die Problematik noch weit drängender. 2050 werden geschätzt neun Milliarden Menschen auf unserem Planeten leben. Wenn wir die alle satt bekommen wollten, müssten wir die Lebensmittelproduktion auf den verbleibenden Flächen um 70 Prozent steigern. Das wird nicht gelingen, schon deshalb, weil der Fußabdruck, den wir auf diesem Planeten hinterlassen, viel zu groß ist. Statt der 1,54 Hektar, die jedem Menschen auf dieser Erde zur nachhaltigen Gestaltung seines Lebenswandels zustehen, leben wir weltweit über unsere Verhältnisse und verbrauchen so viel, wie auf 2,2 Hektar wächst. Das bedeutet konkret, dass wir unwiederbringlich Rohstoffe ausbeuten, die nicht nachwachsen und deren Vorräte in nicht allzu ferner Zukunft aufgebraucht sein werden. Und natürlich sind dies nur die Durchschnittswerte. Wenn nämlich jeder von uns hier in Deutschland so viel zum Leben verbrauchen würde wie ein Mensch in Bangladesch, bräuchten wir uns über den Klimawandel nicht mehr so viele Gedanken machen.

Dasselbe würde gelten, wenn wir uns, statt auf Atomkraft, die von 1950 bis 2010 200 Milliarden an staatlichen Fördergeldern verschlungen hat, und deren Restmüll uns noch auf Jahrhunderte hin belasten wird, für regenerative Energien entschieden hätten. Allein durch eine vorgeschriebene Haftpflichtversicherung, die den Betreibern der AKWs in vorauseilendem Gehorsam erlassen wurde, wären die massiven Umweltschäden, die zahllosen Krebstoten und die teuren Strompreise zu verhindern gewesen.

Neben dem rasanten Schrumpfen der öffentlichen Moral, das mit einer Sehnsucht nach einfachen Antworten und einer Zunahme fundamentalistischer Tendenzen in religiösen Gemeinschaften und in der Politik einhergeht, machen die Autoren vor allem die ungehemmte Technisierung für die gegenwärtigen Zustände verantwortlich. Wenn Maschinen für klüger gehalten werden als Menschen, wenn von Computern gesteuerte Märkte mehr Macht haben als Politiker, die schon deshalb nichts gegen die allgemein bekannte Misere unternehmen, weil sie wiedergewählt werden möchten und den Wähler daher nicht mit so unangenehmen Wahrheiten wie Verzicht und der Notwendigkeit zu teilen belästigen, führt dies unweigerlich zu einem die Natur ausbeutenden System. Aber Lesch und Kamphausen sehen in der Geschichte des Menschen, der in den letzten hundert Jahren erfolgreich damit beschäftigt ist, sich selbst abzuschaffen, auch das Verhalten, das zu der von ihnen so detailliert beschriebenen Eskalation geführt hat, angelegt. Der Mensch ist einfach so geschaffen, dass er das, was er vorfindet, verändert. Allerdings ist er auch mit so viel Geist begabt, dass er erkennen kann, wenn er zu weit geht. Und genau hier sind wir alle gefordert. Verbraucher, als die die Wirtschaft uns heute versteht, haben viel Macht. Sie können, wenn sie Werbekataloge abbestellen, sich über zu viel Verpackungen beschweren und ihren Müll gleich im Discounter entsorgen, beim Peeling auf Aprikosenkerne statt auf Plastikteilchen setzen und sich an die vorgeschlagenen kirchlichen Abstinenzzeiten halten, viel bewirken. Die Lektüre dieses Buches regt dazu an.

Harald Lesch/Klaus Kamphausen: Die Menschheit schafft sich ab. Die Erde im Griff des Anthropozän. Komplett-Media Verlag, München 2016, 510 Seiten, ISBN 978-3-8312-0424-3, EUR 29,95