Kurzrezensionen

DER DICKE HUND: Ultrapolemische  Hetze auf 3sat

„Muss das sein, immer wieder diese langen Lesungen?“, mault mein Vater nach der Feier der Osternacht. „Könnt ihr die nicht mal weglassen?`“ „Nein, können wir nicht“, sage ich, „weil sie nämlich von unserem Leben sprechen.“ „Wo“, fragt mein Vater, leicht störrisch, aber auch schon ein wenig neugierig. „Naja, überleg doch mal, wie das damals war, als Du Deinen Eltern gesagt hast, dass Du nicht die Tochter vom Nachbarsbauern heiraten, sondern in die Stadt gehen willst. Das war doch auch so etwas wie ein Exodus.“ Mein Vater widerspricht nicht, was in sich schon eine Art Wunder ist. Und es ist ein sprechendes Zeichen dafür, was geschieht, wenn alte Texte auf einmal davon zu erzählen scheinen, was jetzt, hier und heute geschieht.

Das nämlich, was geschieht, wenn sich Vater und Sohn auf die Spuren der Odyssee begeben. Ein pensionierter Mathematiker besucht den Universitäts-Grundkurs seines Sohnes und bei der gemeinsamen Arbeit am Text sehen sie sich mit ihrer eigenen Sterblichkeit und auch ihrem Schweigen konfrontiert. Der alte Mythos von Odysseus ist noch immer sehr lebendig. Barbara Stühlmeyer

Daniel Mendelssohn: Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich. Siedler Verlag, München 2019, 349 Seiten, ISBN 978-3-8275-0063-2, EUR 26,–