Kunst aus recycelbarem Material

Der Dokumentarfilm „Waste Land“ beobachtet die Entstehung eines Kunstwerkes, stellt aber auch ein gesellschaftliches Porträt dar. Von José García

Vergrößert und mit Müll ausgelegt: Der Künstler Vik Muniz fotografiert die riesigen Kompositionen anschließend aus 22 Metern Höhe. Foto: RealFiction
Vergrößert und mit Müll ausgelegt: Der Künstler Vik Muniz fotografiert die riesigen Kompositionen anschließend aus 22 Me... Foto: RealFiction

Jean Cocteaus prägnante Definition, Filmemachen sei dem Tod bei der Arbeit zusehen, wird auch gerne abgewandelt: Filmdrehen bedeute, dem Leben bei der Arbeit zuzuschauen. Wobei dies in besonderer Weise für einen Dokumentarfilm zutrifft, weil Dokufilme trotz aller Eingriffe etwa durch die Auswahl der Bilder und durch deren Montage ein Stück echten Lebens wiedergeben. In Lucy Walkers Dokumentarfilm „Waste Land“, der nach seiner Teilnahme an der „Panorama“-Sektion der Berlinale 2010 nun im regulären Kinoprogramm anläuft, kann der Zuschauer der Kunst bei der Arbeit zusehen.

Die in London aufgewachsene Regisseurin Lucy Walker begleitet den 1961 in Sao Paolo geborenen und seit Ende der 1980er in New York lebenden Künstler Vik Muniz drei Jahre lang bei der Entstehung seiner „Pictures of Garbage“ („Bilder aus Abfall“)-Serie, die 2008–2009 weltweit, etwa in Rio de Janeiro, Berlin und Zürich, ausgestellt wurden. Vik Muniz reist von seinem Atelier in Brooklyn nach Rio de Janeiro zur Müllkippe Jardim Gramacho, wo etwa drei bis fünftausend Menschen leben und etwa 15 000 ihr Einkommen aus Tätigkeiten beziehen, die mit Müll in Verbindung stehen. Auf der größten Mülldeponie der Welt nimmt der Künstler mit einigen „catadores“ („Pflücker“) Kontakt auf, die die Abfälle der Stadt nach Verwertbarem durchsuchten.

Vik Muniz fotografiert diese „catadores“ bei ihrer Arbeit: Irma, eine Köchin, die Essen auf der Müllhalde verkauft; Tiao, den Präsidenten der Catadores-Vereinigung von Jardim Gramacho; Zumbi, der jedes Buch behält, das er auf der Müllkippe findet und damit eine Gemeinde-Bücherei aufgebaut hat; die 18-jährige Suelem, die schon mit sieben Jahren auf der Mülldeponie ankam; Valter, einen der Ältesten dort, der gerne dichtet; Isis, die Mode liebt und das Aufsammeln von Müll hasst; sowie Magna, die schwere Zeiten durchmachte, als ihr Mann seinen Job verlor. Von ihnen machte Muniz aber auch arrangierte Aufnahmen nach bekannten Darstellungen, etwa Davids Marat, Millets Sämann, Picassos Büglerin oder Il Guercinos Atlas. Diese Fotografien projizierte der Künstler überlebensgroß auf den Fußboden, wo er sie mit insgesamt vier Tonnen Müll aus Gramacho auslegte. Diese riesigen Kompositionen fotografierte Vik Muniz wiederum aus 22 Metern Höhe. Laut der Galerie Arndt & Partner, die diese Werke in Zürich ausstellte, werden die Figuren „durch die von den Abfällen ausgesparten Stellen gebildet, sodass es den Anschein hat, als träten die Porträtierten aus dem Chaos der Abfallgegenstände hervor und ließen diese hinter sich.“

Lucy Walker wendet die klassischen Methoden eines Dokumentarfilmes an: Sie führt Interviews, stellt zwar einige Szenen, aber ihre Kamera beobachtet vorwiegend. Die naturgemäß rauen Bilder aus der Mülldeponie beeindrucken durch ihre Kontraste: Aus dem Grau in Grau des Mülls heben sich bunte Gestalten ab. Nahaufnahmen zeigen die Gesichter der Menschen, die hier ihren Lebensunterhalt verdienen. Die Regisseurin erhebt den Wechsel von Fern- und Nahbeobachtung zum Prinzip: „Man kann Dinge aus der Nähe oder aus der Ferne betrachten. Ebenso kann man Menschen aus der Entfernung fürchten oder mit ihnen interagieren. Anfangs sehen wir den Ort über GoogleEarth, dann aus einem Hubschrauber, dann aus einem Auto, dann aus sicherer Entfernung, dann aus einer ersten Begegnung, dann aus einer wachsenden Freundschaft, schließlich aus der Position, grundlegend und dauerhaft durch ihn verändert worden zu sein“, führt Lucy Walker dazu aus.

Über die Beobachtung der Kunst bei der Arbeit hinaus bietet „Waste Land“ ein Porträt von Menschen am Rand der Gesellschaft, die jedoch nicht als gebrochene Gestalten dargestellt werden. Ihre Würde behalten sie etwa dadurch, dass die „Pflücker“ niemals von „Müll“ oder „Abfall“, sondern stets von „recyclebaren Stoffen“ reden. In dem, was die Gesellschaft ausscheidet, finden sie Werkstoffe, etwas Wertvolles. Zu diesem Aspekt erläutert die Jury der evangelischen Filmarbeit bei der Auswahl von „Waste Land“ als „Film des Monats“: „Die an den Rand Gedrängten gehören ins Zentrum, weil sie der Gesellschaft wiedergeben, was sie dringend braucht: den Respekt vor der Würde des Einzelnen.“

Die Veränderungen, die sowohl das Kunstprojekt als auch der Film im Leben der „Pflücker“ verursacht haben, eröffnen eine weitere Dimension in „Waste Land“. So beobachtet die Kamera von Lucy Walker Vik Muniz und seine Frau bei einer Diskussion darüber, ob das Projekt den Betroffenen hilft oder schadet. Regisseurin Lucy Walker: „Gleichermaßen kommt eine weitere Frage auf: Sollen Dokumentarfilmer in das Leben der Personen eingreifen? Wie könnten sie nicht? Ich glaube nicht an Objektivität. Die eigene Anwesenheit verändert alles, da gibt es keinen Zweifel. Und man hat eine gewisse Verantwortung.“

Analog zur Komplexität der Kunstwerke, deren Entstehen „Waste Land“ beobachtet, erweist sich Lucy Walkers Dokufilm als ein vielschichtiges, mehrere Ebenen verknüpfendes Filmwerk.