Kommentar: Philosophischer Schluckauf

Von Johannes Seibel

Der Philosoph Peter Sloterdijk wird am heutigen Dienstag 65 Jahre alt. Er ist das, was in der Literatur mit einer Mischung aus Bewunderung, Kollegenneid und Kopfschütteln Großschriftsteller heißt. Einer also, der tatsächlich etwas zu sagen hat, und das so, dass ihm tatsächlich viele zuhören; und einer, der auch zu allem und jedem etwas sagt, auch wenn er dazu eigentlich nichts zu sagen hat, weil er zu allem und jedem gefragt wird, eine Meinungsproduktionsfabrik mit angeschlossener Werbeagentur also, ein Groß- und Fernsehphilosoph. Zu diesem Ehrentitel bringt es in Deutschland höchstens noch Jürgen Habermas – oder in popkultureller Ausführung Richard David Precht.

Allerdings – dem Großphilosophen in Deutschland fehlt der tatsächliche politische Einfluss, wie ihn Großphilosophen etwa in Frankreich haben. Dort überredete jüngst bekanntlich der Philosoph Bernard-Henry Lévy den damaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy, sich an der Intervention in Libyen gegen den gestürzten Machthaber Gaddafi zu beteiligen – und plädiert jetzt für eine ähnliche Vorgehensweise in Syrien. In Deutschland war zwar einmal ein Philosoph in der ersten Regierung Gerhard Schröders Kulturstaatsminister gewesen – über Fragen von Krieg und Frieden aber hat Julian Nida-Rümelin nicht entschieden, er musste eher wie ein Don Quichotte gegen die Windmühlen der Kulturbürokratie kämpfen und gab bald auf.

Dass in Deutschland ein Philosoph tatsächlichen politischen Einfluss sucht und nimmt, endet vielmehr nicht allein im Fall Martin Heideggers meist tragisch – woran ein anderes Gedenkdatum in diesen Tagen erinnert: Walther Rathenau, ein Industrieller, der in Straßburg und Berlin Philosophie, Physik und Chemie studiert und Werke wie „Kritik zur Zeit“ oder „Die neue Gesellschaft“ geschrieben hatte, ist vor 90 Jahren am 24. Juni 1922 von Rechtsextremisten ermordet worden – in seiner Funktion als Reichsaußenminister der Weimarer Republik, der die schwierigen Ausführungsverhandlungen zu Fragen der Entschädigungszahlungen für die Gewinner des Ersten Weltkrieges, die Reparationen, führen musste.

Von solcher gefährlichen Verantwortung bleiben Großphilosophen wie Peter Sloterdijk heutzutage verschont. Seine Philosophie wird nicht durch Politik oder Politikberatung Praxis, sondern durch freischwebende Provokation. Wo Jürgen Habermas nicht müde wird, seine diskursethische Litanei zu beten, die ihn vor Fehltritten der Vernunft bewahren soll, möchte Peter Sloterdijk genau diese Fehltritte machen. Wo Jürgen Habermas vor der Euthanasie warnt, publiziert Peter Sloterdijk seine „Regeln zum Menschenpark“ (1999), die menschliche Züchtungsfantasien befeuern. Wo Jürgen Habermas in einem herrschaftsfreien politischen Entscheidungsfindungsverfahren dennoch so etwas wie Verbindlichkeit nicht aufgeben will, feiert Sloterdijk in seiner „Kritik der zynischen Vernunft“ (1983) den Relativismus und die Auflösung alles Verbindlichen, die er auch im Konsens nach demokratischen Spielregeln nicht mehr erkennen will. Wo Jürgen Habermas die Bedingungen der Möglichkeit der sozialen Marktwirtschaft ausformuliert, fordert Peter Sloterdijk vor zwei Jahren die Abschaffung von Steuern, die den Wohlfahrtsstaat finanzieren. Wo Jürgen Habermas mit Joseph Ratzinger über das zivilisatorische Potenzial der Religion und des Monotheismus debattiert, rekurriert Peter Sloterdijk in „Gottes Eifer“ (2007) auf einen gewalttätigen Monotheismus und singt das Lob des Polytheismus.

Doch wie es mit einem Großphilosophen ist, der gerne den Hofnarren gibt – er ist so intelligent, dass er immer ein Körnchen Wahrheit im Vorratsbeutel hat. Er wirft dem Publikum gerne Sätze hin, an denen es sich bei allzu heftigen Kopfnicken flugs zu verschlucken vermag.