Kommentar: Immer noch der alte Steinbrück

Von Clemens Mann

Peer Steinbrück hat nicht mehr viel Zeit. 45 Tage bleiben dem SPD-Kanzlerkandidaten noch, um Rot-Grün und sich selbst aus dem Umfragetief zu hieven. Da wäre es natürlich schön gewesen, wenn die geballte TV-Präsenz des Politikers in den letzten Tagen – ARD und ZDF strahlten ein Porträt und zwei Interviews aus – zu Veränderungen in der öffentlichen Wahrnehmung führen würde. Doch das muss bezweifelt werden. Spätestens mit dem Auftritt bei Sandra Maischberger Dienstagnacht dürfte auch dem letzten Optimisten klar sein: Eine wundersame Metamorphose darf man von Steinbrück nicht mehr erwarten. Zwar hat der SPD-Kandidat bei den Interviews nichts falsch gemacht. Ganz im Gegenteil: Er hat sogar die zeitweise an Verhöre erinnernden Fragerunden mit Maischberger (ARD) und Thomas Walde (ZDF) souverän gemeistert. Doch richtig gewonnen hat er auch nichts. Sein Image kann er mit den abgedroschenen Phrasen, die er im Vorfeld schon oft genug zum Besten gegeben hat, nicht aufpolieren. Es bleibt ramponiert von den vielen Pirouetten, Ausrutschern und Wahlkampf-Pannen, die beide Moderatoren mit Einspielern und Anspielungen immer wieder ins Bewusstsein der Zuschauer zurückholen. Wer Steinbrück schon zuvor negativ gesehen hat, wird deshalb seine Meinung nicht ändern. Während der Interviews offenbarte der SPD-Kanzlerkandidat seine vielleicht größte Schwäche: Ihm fehlt es schlicht und einfach an Charisma, mit dem er die Massen mitreißen und überraschen könnte. Genau das hat Steinbrück jetzt so dringend nötig, um sich aus seiner zum Teil selbst verschuldeten Misere zu befreien. Steinbrück bleibt Steinbrück, einer, der kühl und reserviert erscheint, einer, der mit Sachverstand, seinen Argumenten und seinen Positionen überzeugen will. Und zweifellos ist er ein Typ, den man in Berlin kein zweites Mal findet. Doch reicht das? Anfang September hat Steinbrück eine letzte Chance. Im TV-Duell mit Kanzlerin Angela Merkel.