Kommentar: „Die Toten warten auf uns“

Von Alexander Riebel

Dass lyrische Elemente im Roman vorkommen, ist eher selten. Verständlich aber, wenn der Autor selbst Lyriker ist. Nun hat Lutz Seiler den Deutschen Buchpreis gewonnen, gleich mit seinem ersten Roman „Kruso“. Auch wenn die Handlung in den letzten Tagen der DDR spielt, soll der fast 500-seitige Roman nicht als Wenderoman verstanden werden; darauf legt Seiler Wert. Und tatsächlich geht es eher um eine Männerfreundschaft in einem Beriebsferienheim auf Hiddensee.

Dass die Preisverleihung genau 25 Jahre nach dem Fall der Mauer erfolgt ist, hat die Auswahl gewiss erleichtert. Denn das Buch sei „nicht zuletzt ein Requiem für die Ostseeflüchtlinge, die bei ihrer Flucht ums Leben kamen“, wie die Jury erklärte. Dass Seiler diesen Flüchtlingen im Epilog seines Buchs „Abteilung Verschwunden“ ein Denkmal gesetzt hat, indem er die grauenhaften Abläufe des Ertrinkens im Wasser der Ostsee und den Zustand der Wasserleichen präzise dokumentiert hat, ist verdienstvoll. Stilistisch geht Seiler allerdings etwas hausbacken vor und und kramt den Wissensstand eines Germanistikstudenten mittleren Semesters aus den 80er Jahren hervor, als Trakl, Rimbaud Antonin Artaud oder die deutschen Romantiker in waren. Dass die Hauptfigur Studienabbrecher ist und sich auf Hiddensee als Abwäscher andient, vermischt verspätete Träume von Robinsonaden aus der Studentenbewegung mit der harten Realität der Diktatur.

„Die Toten warten auf uns“, heißt der entscheidende Satz, der auf die in Kopenhagen einst eingefrorenen toten Flüchtlinge anspielt, die damals noch nicht identifiziert waren. Weil die Hauptperson in Anlehnung an Daniel Dafoe wie Freitag im engsten Umkreis von „Kruso“ lebt, ist sonst über die DDR nicht viel zu erfahren. Dadurch wirkt das Romanprojekt zerrissen, ähnlich wie der Versuch zuvor, über den Seiler klagt, er habe die Handlung nicht zusammenfügen können.