Würzburg

Kommentar: Die "Öko-Stasi" und der Balken

Kreuzfahrten, SUVs und Flugreisen in den Skiurlaub sind in Zeiten des fortschreitenden Klimawandels ein moralisches Problem. Gegenseitige Bespitzelung kann jedoch nicht die Lösung sein.

Emsüberführung des Kreuzfahrtschiffes "Spirit of Discovery"
Kreuzfahrten zählen zu den klimaschädlichsten Arten der Urlaubsreisen. Foto: Moritz Frankenberg (dpa)

Im Deutschlandfunk hat vor Kurzem Professor Niko Paech die Zuhörer aufgefordert, die Mitmenschen mit ihrem umweltschädlichen Verhalten zu konfrontieren. Er nennt Beispiele: „Warum hast du eine Kreuzfahrt gebucht? Wer gibt dir das Recht, einen SUV zu fahren? Warum musst du eine Flugreise in den Skiurlaub auch noch tätigen?“ Die Deutschen sollten sich dadurch gegenseitig überwachen, die BILD-Zeitung machte daraus die Überschrift: „ARD-Professor will Öko-Stasi“.

Es braucht gesunden Menschenverstand

Interessant ist vor allem die Aussage Paechs: „Wir brauchen wieder im zwischenmenschlichen Bereich ein Regulativ.“ Das ist eine schöne Umschreibung für: „Wir brauchen wieder mehr Anstand und Moral in unserer Gesellschaft.“ Fundamente und ungeschriebene Gesetze, die nicht vom Staat aufgezwungen werden, sondern die vom gesellschaftlichen Innern heraus kommen, auf die sich jeder einigen kann, „gesunder Menschenverstand“ eben.

Dass uns das abhanden gekommen ist, sagt viel aus. Professor Paech musste viel Kritik für seine Aussage einstecken – wie ich finde, zu Recht. Moral braucht keinen Moralismus. Die Falschparker-vom-Fenster-aus-Beobachter-und-Aufschreiber-Mentalität bewirkt eher das Gegenteil, aber nur selten ein Umdenken.

Für Viele ist in der aktuellen sehr aufgeheizten Diskussion der Klimawandel das Horrorszenario schlechthin, daher wird es manchen vielleicht schwerfallen, diesen Vergleich zu akzeptieren: Man stelle sich einen Katholiken vor, der seinen Kumpel besucht, der bereits vorehelich mit seiner Freundin zusammenlebt. Was kann er erreichen, wenn er ihm jedes Mal unter die Nase reibt: „Du weißt aber schon, dass du durch dieses Konkubinat den Stand der heiligmachenden Gnade längst verlassen hast und dich des schweren Verstoßes gegen das Sechste Gebot einmal verantworten musst?“ Haben Sie schon einmal einen Raucher kennengelernt, den Sie naserümpfend mit „Rauchen kann tödlich sein“ angeblafft haben und der dann betroffen seine Zigarette austrat und antwortete: „Hm, stimmt. Jetzt, da Sie es sagen…”“

Kritik ja - aber mit Liebe!

Wir müssen aufeinander achtgeben, das ist richtig. Manchmal müssen wir unseren Nächsten mithilfe der correctio fraterna unter vier Augen zurechtweisen. Manchmal muss die unangenehme Wahrheit ausgesprochen werden, damit es eine positive Veränderung geben kann. Die Sensibilität für gewisse Themen zu erhöhen auch bei den Mitmenschen, ist in der Klimadebatte genauso wichtig wie im Christen-Alltag.

Doch bei allem gilt der Grundsatz: Wenn man schon kritisieren muss, dann mit Liebe! Dagegen schaden „Öko-Stasi“, „Scharia-Polizei“ oder Möchtegern-Inquisitoren unserem Miteinander mehr, als dass sie beim Wachsen in der Heiligkeit helfen. Und dieses Wachstum ist essenziell, da mit ihm auch das Gespür für Anstand und Moral wächst und zur Tugend wird. Dann braucht auch niemand mehr bei seinem Nachbarn in der Mülltonne zu wühlen, um die Mülltrennung zu kontrollieren.

Dass wir eines Tages mal in einer solchen Gesellschaft leben werden, in der die grundlegenden Tugenden wieder selbstverständlich sind, ist unwahrscheinlich. Doch anfangen kann jeder bei sich selbst. Bevor ich mit fanatischem Eifer meine tiefe Betroffenheit über den Splitter im Auge des Anderen äußere, kümmere ich mich erst einmal um meinen Balken. Denn das eigene Leben ist immer noch die beste Predigt. Oder die Schlechteste.