Dresden

Kniefall vor Margot Honecker

Trotz bürgerlicher Mehrheit bei der letzten Landtagswahl wird Sachsen die Gemeinschaftsschule einführen. Die Kirchen haben an dieser Schulform wenig Interesse.

Gemeinschaftsschule
Aus den Trümmern der DDR kann nichts Gutes entstehen, heißt es in Sachsen. Daher ist die Skepsis gegenüber der Gemeinschaftsschule groß. Das Bild zeigt Schüler in der Bibliothek einer solchen Schule. Foto: Adobe Stock

Er werde keinen Koalitionsvertrag unterschreiben, in dem nicht die Einführung der Gemeinschaftsschule festgelegt ist, hatte Sachsens SPD-Chef Martin Dulig noch vor der Landtagswahl am 1. September 2019 gedroht und sich prompt knapp die Hälfte seiner Wähler verprellt; von zwölf auf weniger als acht Prozent ist seine Partei bei der Wahl abgesunken. Gerade einmal ein Viertel aller Mandate im Dresdner Landtag erlangte das linke Lager diesmal.

Einheitsschule bis Klasse 12

Doch Duligs Drohung blieb nicht ungehört. Denn die seit fast 30 Jahren in Sachsen regierende CDU unter Ministerpräsident Michael Kretzschmar hat sie kleinlaut angenommen und kurz vor Weihnachten tatsächlich einen Koalitionsvertrag unterzeichnet, der im Freistaat in den kommenden vier Jahren die Einführung der Gemeinschaftsschule, einer Einheitsschule von der ersten bis zur zwölften Klasse vorsieht. Eine ursprünglich vorgesehene Volksabstimmung ist vom Tisch, wohl auch, weil Beobachter dem Vorhaben per se keine Chance eingeräumt hatten. Sehr auch zur Freude der Linkspartei, die bei der Wahl ebenfalls hatte Federn lassen müssen, während FDP, AfD und CDU, die das mehrgliedrige Schulsystem erhalten und weiterentwickeln möchten, zusammen auf knapp 63 Prozent der Stimmen gekommen sind. „Selbst bei zurückhaltender Auslegung bedeutet das Wahlergebnis eine deutliche Absage an die Gemeinschaftsschule“, sagt die Potsdamer Historikerin Jenny Krämer, was das politische Lager um Martin Dulig und Sachsens Grünenchefin Katja Meier jedoch kaum zu kümmern scheint.

Hauptsache es gelingt, linke Politik zu machen, auch wenn man dafür die Stimmen der Union braucht, in deren Reihen das Murren über die Zugeständnisse deutlich hörbar ist. „Das, was die da ausgehandelt haben, bewegt sich an der Grenze des Erträglichen“, sagt Klaus Oidtmann, Mitarbeiter im sächsischen Wissenschaftsministerium und langjähriges CDU-Mitglied. Oidtmann, der, wie er sagt, in Sachen Bildung viel in seiner Partei „unterwegs ist“, nimmt für sich in Anspruch, für ein allgemeines Stimmungsbild an der sächsischen Unionsbasis sprechen zu können. Sein Eindruck: Die Gemeinschaftsschule will dort kaum jemand.

Immerhin. Die Hürden sind hoch, um in Sachsen künftig aus einer Regelschule eine Gemeinschaftsschule zu machen. So muss dem Vorhaben neben dem Träger auch die Lehrer- und Elternschaft zustimmen. Zudem muss es eine Mindestschülerzahl geben. Bislang sei der Freistaat mit seinem zweigliedrigen Schulsystem, bestehend aus Oberschulen und allgemeinbildenden Gymnasien gut gefahren, sagt Bildungsexperte Oidtmann. An den sächsischen Oberschulen trennt sich die Schülerschaft ab Klasse 7 in einen Haupt- und Realschulzweig, was sich, auch aus Sicht mittelständischer Unternehmen, bewährt habe. Denn selbst wenn sich ein Schüler erst später zu einem Gymnasiasten entwickelt, gebe es immer noch die Möglichkeit, das Abitur nach Klasse 10 über den Besuch eines dreijährigen, beruflichen Gymnasiums abzulegen.

Die DDR lässt grüßen

Harsche Kritik an den schulpolitischen Plänen der Kenia-Koalition kommt vom sächsischen Philologenverband, der, so dessen Vorsitzender Thomas Langer, von „überholten Strukturdebatten“ spricht. Einige Verbandskollegen sprechen gar von einem „Kniefall vor Margot Honecker“. Die berüchtigte DDR-Volksbildungsministerin hatte in Ostdeutschland ab Mitte der sechziger Jahre ein flächendeckendes Einheitsschulsystem zementiert, bei dem das Kollektiv vor individuellen Begabungen stand. Bis zu ihrem Tod 2016 im chilenischen Exil hatte Margot Honecker, Ehefrau des vorletzten SED-Generalsekretärs Erich Honecker, den Stalinismus und die damit verbundenen Menschheitsverbrechen als „notwendig“ verteidigt.

Die DDR ist Geschichte, und doch scheint sie in manchen Köpfen weiterzuleben. Auch wenn es nur selten offen ausgesprochen, ja mitunter gar bestritten wird: Langfristiges Ziel linker Bildungsapologetik ist die Abschaffung des Gymnasiums, der vermeintlichen Schule des Bürgertums und die Errichtung einer „Schule für alle“, bei der Herkunft, sozialer Status und individuelle Begabung außen vor bleiben. Zwar klingt das bei Grünen und SPD in offiziellen Statements etwas abgeschwächter, gleichwohl genau das damit gemeint ist. „Wir denken, dass es pädagogisch sinnvoll ist, wenn Kinder unterschiedlicher sozialer Herkunft gemeinsam unterrichtet werden“, sagt etwa Andreas Jahnel-Bastet, Pressesprecher der Grünen im sächsischen Landtag. Lehrer müssten sich heute immer mehr auf unterschiedliche Begabungen in ihren Klassen einstellen. Da sei „Binnendifferenzierung“ gefragt, bei der die unterschiedlichen Begabungsprofile der Schülerinnen und Schüler zum Tragen kommen, so Jahnel-Bastet. Ähnliches hört man im Wortlaut bei Linken und sächsischer SPD.

Wie das mit der Binnendifferenzierung in der unterrichtlichen Praxis konkret funktionieren, wie sich eine Lehrkraft also gleichzeitig auf unterschiedliche Leistungsvermögen ihrer Schülerinnen und Schüler einstellen soll, dafür haben jedoch weder Grüne, SPD noch Linke plausible Rezepte. „In dem, was Bildungspolitiker unter ,Binnendifferenzierung‘ verstehen, steckt oft mehr Idealismus als Substanz“, sagt Historikerin Krämer über die jüngsten Pläne der neuen sächsischen Landesregierung und zieht Parallelen zur sogenannten „Reformpädagogik“, die – so der renommierte Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers von der ETH Zürich – ebenfalls mehr von ihrem „rhetorischen Glanz“ als empirisch belegbaren Ergebnissen gelebt habe.

Jahrzehntelange Debatte in Westdeutschland

Der Streit um integrative Schulformen begann in Westdeutschland Ende der sechziger Jahre. Er spiegelte sich vor allem in der Integrierten Gesamtschule wider, einem jahrelangen Zankapfel zwischen Union und SPD und einer Schulform, die der frühere NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement wiederholt als „Standortnachteil“ für sein Bundesland bezeichnet hat. Clement war mehrere Jahrzehnte Sozialdemokrat und hat seine Partei, auch wegen deren ideologiebehafteter Schulpolitik, 2008 verlassen.

Wenig Interesse an der Gemeinschaftsschule zeigen bislang auch die Kirchen. Beide Konfessionen sind in Sachsen Träger freier Schulen, darunter das renommierte katholische Sankt Benno-Gymnasium in Dresden. Weder kurz- noch mittelfristig gebe es Pläne, in Sachsen eine Gemeinschaftsschule zu errichten, heißt es einhellig aus den Presseabteilungen der Kirchen. „Die Skepsis gegenüber staatlicher Vereinnahmung ist in den neuen Bundesländern größer als im Westen“, vermutet Pfarrer Gerd Frey, der in Gaußig in der Oberlausitz zwei berufliche Gymnasien in freier Trägerschaft gegründet hat. Skeptisch zeigt sich der sechsfache Familienvater gegenüber Plänen, die alte DDR-Einheitsschule unter anderen Vorzeichen nun wieder einzuführen. „Der Sozialismus hat uns nur Leid und Trümmer hinterlassen“, sagt Frey, der zu DDR-Zeiten im Visier der Staatssicherheit gestanden hat. Wer glaube, aus diesen Trümmern ließe sich etwas Neues, gar Besseres bauen, habe aus der Geschichte nichts gelernt.

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