Würzburg

Katholischer Seiltanz

Brauchen wir die kirchliche Fastenzeit in der Verzichtgesellschaft noch?

Seiltanzen
Der Christ ist ein Seiltänzer, der sich stets an der Linie zwischen zwei Polen bewegt. Die Tugend der Mäßigung kann helfen, sich in keinen Extremen zu verlieren. Foto: dpa

Das Ende der christlichen Fastenzeit ist ausgerufen! Sie wird versteigert auf den Flohmärkten der Welt. Nicht etwa, weil sie von vorgestern, altmodisch oder prüde ist. Ihren „Mittelalter-Moment“ hatte die Fastenzeit in Zeiten des wachsenden Konsums, als sich die Mittelschicht endlich auch Lachsbrötchen mit Kaviar gönnen konnte und Hausfrauen Tupperware-Parties veranstalteten. Im Jahr 2020 gönnt sich das Bürgertum Quinoa-Bällchen mit Zitronenwasser. In den 90er Jahren der Großraumdiskotheken und unbegrenzten Raucherlaubnisse lauerte der katholische Verzicht noch an jeder Straßenecke. Heute hat sich das Blatt gewendet. Jeden Tag Fleisch zu sich nehmen und freitags das kirchliche Gebot des Fleischverbots einhalten? Das klingt wie eine Verhöhnung der täglich das Kreuz des Verzichts auf sich nehmenden Veganer.

Die Fastenzeit scheint in der Postmoderne schlicht überflüssig geworden zu sein. Warum das so ist, erklärt ein Blick in die Lebenswelt der Millenials, der heute 20- bis 40-Jährigen. Da gehört der Verzicht zum Alltag wie das Zähneputzen. Es wird um die Wette gesportelt, meditiert, studiert, gesund gekocht, auf den Körper geachtet. Fitness boomt. Die Hashtags der sozialen Medien verraten die Werte der Millenials: #mindfulness, #stayhealthy, #eatclean. Neben dem Fokus auf eine vitale Lebensweise spielt der Trend zum Minimalismus eine große Rolle. Diese Generation scheint erkannt zu haben, dass der Materialismus nicht hält, was er verspricht. Das Glück soll deshalb in der Loslösung aller Dinge liegen, die man nicht unbedingt zum Leben braucht.

Netflix-Dokumentationen und Ratgeber leiten die Trennung Schritt für Schritt an und schwärmen davon, wieviel besser man sich mit wenig Besitz fühlt. Aufräum- und Entsorgungsstar Marie Condo besucht maßlos überfüllte Häuser und Kleiderschränke und hilft beim Wegwerfen und Sortieren. Hier und da melden sich kritische Stimmen zu Wort. Sie behaupten, die derzeitige Verzichtswelle ist eng verknüpft mit der Leistungsgesellschaft. Leistung, Wettbewerb, Selbstoptimierung. Millenials würden sich von einem unbezahlten Praktikum zum nächsten hanteln, in der Hoffnung, irgendwann eine fixe Anstellung zu bekommen. Ein Master-Studienabschluss mit 25 reiche da nicht aus. Ohne die zugehörige Berufserfahrung würde es nichts mit einem Job werden.

Vom Genuss römischer Ausgelassenheit

Tatsächlich sind mir in meinem Umfeld junge Menschen bekannt, die sich dem verzichtenden Lebensstil verschrieben haben. 20-Jährige, die beschließen, keinen Alkohol mehr zu sich zu nehmen, um den Kater und die Unproduktivität am nächsten Tag zu vermeiden. Manche nehmen es noch radikaler und ernähren sich ausnahmslos zuckerfrei und vegan. Wäre es bei diesem doch etwas puritanischen Szenario nicht das Gebot der Stunde, einen katholischen Gegentrend zu starten? Angelehnt an die Worte eines Kardinal Ratzingers, Christen sollen als kreative Minderheit in der sie umgebenden Kultur wirken? Die Idee, Feste zu feiern, entspringt schließlich der Religion. Sowohl der Begriff Fest wie auch Feier wurzelt in dem lateinischen Wort fanum, was übersetzt „heiliger, Gott geweihter Ort“ bedeutet. Dieselbe Abstammung teilen sie sich übrigens mit „fanatisch“, das ursprünglich für „religiös schwärmerisch“ stand. Schwärmerisch fielen mit Sicherheit die in der Bibel beschriebenen Feste aus.

Auf der Hochzeit zu Kana, als Jesus für die zweite Runde Wein sorgte, ging es ohne Zweifel feuchtfröhlich zu, genauso wie auf allen damaligen hebräischen Hochzeiten, die, sage und schreibe, sieben Tage andauerten. Kommt man an einem Sabbat an der Klagemauer in Jerusalem vorbei, erlebt man ausgelassene, jüdische Feiertagskultur. An der freudigen Inbrunst, mit der der Tag des Herrn begangen wird, begleitet von Tanz und nicht überhörbaren Gesang, könnte sich so mancher unterkühlte Christ ein Beispiel nehmen.

Der Herr selbst wurde von seinen Zeitgenossen als „Fresser und Säufer“ postuliert. Wer weiß, ob er nicht auch von den heutigen Verzichts-Aposteln als ein solcher geheißen werden würde?! Tatsächlich durfte ich selber nach meiner Wende in die katholische Kirche in den Genuss römischer Ausgelassenheit kommen. Ich denke gerne an die St. Patrick's- und Thanksgivingpartys an der katholischen Hochschule, sowie an durchtanzte Nächte bei Hochzeiten zurück. Zum Glück waren die nicht schon um 23 Uhr vorbei, wie es bei freikirchlichen US-Hochzeiten der Fall ist. Wahrscheinlich ist dem so, weil amerikanische Freikirchler weder Wein noch sonstige Rauschmittel zu sich nehmen (dürfen) und sie auch nicht tanzen können. Kein Wunder, dass einem da bald langweilig wird.

„Es ist diese Synthese aus Lebensfreude und Trauer,
Lärm und Stille, Üppigkeit und Verzicht, Tod und
Auferstehung, die am Glauben so fasziniert“

Niemand bringt katholische Lebensfreude besser auf den Punkt als der britische Schriftsteller Hilaire Belloc: „Wherever the Catholic sun doth shine, there's always laughter and good red wine. Benedicamus Domino!“ Das erinnert an so manche Priester, die den Ostersonntag mit einer teuren Zigarre und einem guten Glas Cognac feiern und das vergnügt mit den sozialen Medien teilen.

Es ist diese Synthese aus Lebensfreude und Trauer, Lärm und Stille, Üppigkeit und Verzicht, Tod und Auferstehung, die am Glauben so fasziniert! Als Helferin steht die Tugend der Mäßigung mit Rat zur Seite, um in allem das rechte Maß auszuloten. So gesehen ist der Christ ein Seiltänzer, der sich stets an der Linie zwischen zwei Polen bewegt. Die Lebenskunst besteht darin, sich weder in dem einen, noch in dem anderen zu verlieren. Womöglich liegt das Glück, dass die Griechen als Eudaimonia bezeichneten und das sich als „Lebensfülle“ übersetzen lässt, in dem Balancieren auf der dünnen Schnur.

Brauchen wir die Fastenzeit noch? Unbedingt! Die Kirche zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich nicht den jeweiligen Trends der Gesellschaft unterwirft – und sich von ihnen nicht verunsichern lässt. Ist Askese gerade „in“? Gut! Steht Hedonismus an der Tagesordnung? Das muss den Katholiken nicht aus der Ruhe bringen. Das alles kommt und geht, Christus bleibt.

Deshalb habe ich den Faschingsdienstag oder auch Fat Tuesday, wie er im amerikanischen genannt wird, mit Konfetti, Krapfen, Burger, Champagner und Zigarette begangen. Am Aschermittwoch aber habe ich mir mein Aschenkreuz geholt, das mir bewusst macht, dass ich früher oder später zu Staub verfalle und mich im Verzicht übe. Als Christ weiß ich, dass die Auferstehung kommt. Der Ostersonntag sollte gefeiert werden, als gäbe es kein Morgen.

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