Katholischer Bürgerkrieg?

Wechselseitig meinen sich liberale – manche sagen modernistisch – und konservative – manche sagen traditionalistische – Katholiken voneinander abgrenzen und im jeweils anderen den eigentlichen theologischen wie gesellschaftlichen Gegner erblicken zu müssen. Da wirkt der Graben unter den verschiedenen Lagern der Katholiken gar tiefer als der zwischen Katholiken und einem neuen Atheismus oder Laizismus oder Heidentum, gleich ob rechter oder linker Färbung. Das Gemeinsame scheint aufgebraucht. Muss das sein?

Die Einheit der katholischen Lebenswelt in Deutschland steht vor einer lange nicht mehr gekannten Zerreißprobe. Offen tritt derzeit zutage, wie sehr die kirchliche und politische Kultur des deutschsprachigen Katholizismus auseinanderstrebt, dass sie sich selbst auf die Formel der Einheit in Vielfalt nicht mehr verständigen zu können glaubt. Wechselseitig meinen sich liberale – manche sagen modernistisch – und konservative – manche sagen traditionalistische – Katholiken voneinander abgrenzen und im jeweils anderen den eigentlichen theologischen wie gesellschaftlichen Gegner erblicken zu müssen. Da wirkt der Graben unter den verschiedenen Lagern der Katholiken gar tiefer als der zwischen Katholiken und einem neuen Atheismus oder Laizismus oder Heidentum, gleich ob rechter oder linker Färbung. Das Gemeinsame scheint aufgebraucht.

Ja, so weh es tut, wer die vergangenen Wochen verfolgt hat, ist versucht, um es einmal in einem martialischen Bild auszudrücken, von einer Art katholischen geistigen Bürgerkrieg in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu sprechen. Die Belastungen aus diesen Auseinandersetzungen reichen bis ins Private hinein, wo beispielsweise in Pfarreien gut miteinander bekannte Gläubige sich plötzlich distanziert gegenüberstehen, gar Freundschaften im Streit über den Kurs der Kirche zu zerbrechen drohen. Ein Lagerdenken entfaltet einen unheimlichen Sog, der die Gläubigen in durchrüttelnde Loyalitäts- und Identitätskonflikte zu reißen droht. Alle sachhaltigen vielfältigen Fragen des kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens, beispielsweise von Lebensschutz, Bioethik über Bildungspolitik und Entwicklungspolitik bis hin zu Fragen der Religionsfreiheit in und außerhalb von Deutschland, die auf eine Antwort im Denken und Handeln aller Katholiken warten, treten in den Hintergrund. Verdrängt werden sie durch eine Art ideologischen Showdown, der mit einer eigenartigen Lust ausgetragen wird, und der alle Gläubigen zu einer endgültigen Entscheidung zwingen zu müssen meint. Jeder Gläubige wird geradezu wie vor ein Tribunal vor die (falschen) Alternativen gezwungen: Konzil oder Papst, Zeitgemäßheit oder Rückwärtsgewandtheit, den Menschen zugewandt oder dogmenfixiert, sozial oder fromm.

Und so wächst in jedem Lager für jeden Einzelnen der sozialpsychologisch messbare Konformitätsdruck, der dann wieder zu individuellen Überidentifikationen und einer weiteren ideologischen Scheidung der Lager führt. Weniger gefragt sind in einem solchen geistigen gesellschaftlichen Ausnahmezustand die Fähigkeiten des Differenzierens, des Organisierens von wechselnden Koalitionen, um Sachfragen zu lösen, und auch Fähigkeiten der Vermittlung zwischen den Lagern werden weniger geschätzt. Gegensätze werden nicht mehr ausgehalten. Geschätzt wird auch nicht mehr die Fähigkeit, kritisch und selbstkritisch zu analysieren, welche ideologischen Voraussetzungen, Vorurteile oder gar Ressentiments das eigene Handeln im Verhältnis zum als gegnerisch empfundenen anderen katholischen Lager beeinflussen, und ob hier eine Art Selbstaufklärung eigener Motive, die auch von der anderen Seite geleistet werden muss, nicht die Grundlage dafür schaffen könnte, aufeinander zuzugehen und sich gegenseitig erneut einen Vertrauenskredit zu gewähren. Ergebnis ist dann wie bei jedem „heißen“ Bürgerkrieg die allseitige totale Selbstbespiegelung. Wobei dieser Art katholischer Bürgerkrieg von säkularen und laizistischen gesellschaftlichen Kräften – und in einer Mediendemokratie natürlich in erster Linie von deren Medien – interessiert zur Kenntnis genommen und weiter befeuert wird, weil sie dadurch die aus ihrer Sicht zu weitreichende öffentliche Bedeutung von Religion überhaupt zurückdrängen zu können meinen. Auch die Säkularen fordern die Katholiken dann zu (falschen) Alternativen auf: Sie sollen sich dann entweder zum Monotheismus und Glauben mit allen seinen Konsequenzen eines transzendentalen, persönlichen Gottesbildes und dessen Freiheitsbegriff bekennen, oder sie sollen ein Bekenntnis ablegen zur „Zivilreligion“ (Kurt Kister, „Süddeutsche Zeitung“) mitsamt der sie bestimmenden Diesseitigkeit (Alexander Smoltzyk, „Der Spiegel“). Auch das entfaltet einen ungeheuren Konformitätsdruck auf alle Katholiken jedweder Coleur in einer Gesellschaft, für die nach den geschichtlichen Erfahrungen des totalitären Nationalsozialismus und der autoritären Staatsdiktatur DDR jede Utopie, jedes Ausrichten der persönlichen Orientierung an einer Zukunft, für die die Gegenwart nicht das Ideal des Seinsollenden ist, verdächtig ist.

Falsche Alternative von sozial oder fromm

Kurz: Die Lage ist verwickelt. Wie ein Ausweg aus dieser Art katholischem Bürgerkrieg gefunden werden könnte, indem die einzelnen Fäden dieser Verwicklungen auseinandergedröselt werden, zeigt das Beispiel der falschen Alternative sozial oder fromm, vor die zurzeit die Katholiken in ihren verschiedenen Milieus gestellt werden oder sich selbst stellen. Genauer: Vor die angebliche Alternative, sich entweder für die sogenannte Dritte Welt, für Entwicklungspolitik und gegen weltweite Ausbeutung zu engagieren oder sich gegen Abtreibung und für Lebensschutz einzusetzen. Beides zusammen geht nicht, wird zurzeit an den Fronten des geistigen katholischen Bürgerkrieges noch suggeriert. Aber warum nicht? Bei der Abtreibung wird das Leben eines Menschen, der im Bauch der Mutter zweifellos zu einem Menschen heranwächst, wenn man ihn lässt, beendet. Diese Tatsache an sich müsste für jeden, der einen christlichen Lebensstil pflegen möchte, etwas sein, dem er nicht zustimmen kann, weil Christen allen Menschen ein „Leben in Fülle“ ermöglichen helfen wollen. Es lässt sich darüber streiten, wie die Kirche am besten jungen Männern und Frauen helfen kann, in Notsituationen ihr Kind auszutragen, und wie eine Gesellschaft ihre Politik ausrichten müsste, dass Kinder Mütter und Väter nicht belasten – aber dass Kinder leben sollten, und dass dieses Lebensrecht andere Rechtsansprüche schon Lebender überlagert, sollte Konsens sein.

Doch hier kommen Katholiken auch andere Werte und persönliche Voreinstellungen gleichsam in die Quere, die sie zu einer Art ideologischer Güterabwägung drängen. Nämlich das Selbstbestimmungsrecht der Frau – und im Sinne eines den Menschen Zugewandtseins entscheiden sich dann manche Katholiken dafür, in Zweifelsfällen diesem Recht den Vorrang zu geben. Diese Abwägungen verbinden sich dann erschwerend, vereinfacht gesagt, mit den politischen Zuschreibungen von rechts und links. Also ein Katholik, dessen Identität eher links zustandegekommen ist, weil er sich beispielsweise in seiner Jugend für Entwicklungspolitik engagiert hat, macht die Erfahrung, dass es zu linker Politik gehört, im Zweifel dem Selbstbestimmungsrecht der Frau und dem Emanzipationsgedanken den Vorzug zu geben. Er glaubt, dass er nicht mehr links sein kann, wenn er diese Vorgabe aufgibt, und dass er als rechts eingestuft wird, wenn er dem Lebensrecht des Kindes den Vorrang einstuft. Wenn er sich nun darüber selbst klar geworden ist, und darüber reflektiert, dass Selbstbestimmungsrecht und Emanzipationsgedanke mit dem Lebensrecht des Kindes nicht kollidieren muss, dann kann er den nächsten Schritt gehen und sich fragen: Was ist denn das Verbindende zwischen Lebensschutz und Engagement in der Entwicklungspolitik? Und er kann zur Antwort kommen: Es ist das Leben selbst. Er muss also den Lebensschutz und die Entwicklungspolitik von den Zuordnungen von rechts und links trennen, und dann im linken Lager – wenn er hier weiter verbleiben will, wofür es ja gute Gründe geben kann – dafür werben, dass das eine ohne das andere konsistent nicht zu haben. Natürlich gilt das auch für diejenigen Christen, die persönliche Frömmigkeit und Heiligkeit als Ziel ihres Lebens anstreben. Auch sie sollten beispielsweise das soziale Engagement aus seiner Zuschreibung zu links lösen und das gemeinsame Engagement für bessere Lebensbedingungen für alle, von Ungeborenen und Geborenen, in den Vordergrund stellen können.

Glaube, Gottesbild, Kirche: Neu darüber nachdenken

Wie Glaube, Gottesbild, Kirchesein und gesellschaftliches Engagement gelebt werden kann, ohne es durch (falsche) Alternativen wie sozial oder fromm zu einer Art katholischem Bürgerkrieg kommen zu lassen, und das zeigt das Beispiel von Abtreibung und Entwicklungshilfe, ist die Herausforderung der Stunde. Es erfordert weit mehr Selbstreflektionskraft als dies die Katholiken in Deutschland bisher aufbringen.