Katholiken kommen zu Wort

Hat jeder noch das Recht, seine eigene Meinung zu äußern? Auch dann, wenn er religiöse Werte vertritt? Oder die Kirche? Im Prinzip schon, doch Fairness sollte er lieber nicht erwarten. Von Klaus Kelle

Silhouette of a person before a symbol of faith
In den eigenen vier Wänden kann ein gläubiger Mensch sagen und meinen, was er will. In der Öffentlichkeit werden die Räume schnell eng.dpa Foto: Foto:
Silhouette of a person before a symbol of faith
In den eigenen vier Wänden kann ein gläubiger Mensch sagen und meinen, was er will. In der Öffentlichkeit werden die Räu... Foto: Foto:

Haben Katholiken wirklich uneingeschränkt das Recht, ihre Meinung öffentlich zu sagen? Ein kurzer Blick in unser wunderbares Grundgesetz reicht aus, um diese Frage guten Gewissens mit einem Ja zu beantworten. Natürlich kommen Katholiken öffentlich regelmäßig zu Wort. Manche Katholiken kommen sogar in den großen Massenmedien – vornehmlich dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk – ausführlich zu Wort. Dann nämlich, wenn sie sich kritisch zur Lehrmeinung der katholischen Weltkirche äußern, wenn sie romtreue Hirten an den Pranger stellen, die Abschaffung von aus ihrer Sicht überkommenen Wertvorstellungen und Traditionen fordern. Davon kann die linksgrüne Mainstream-Journaille nie genug haben.

Ansonsten alles, was man eben redaktionell so machen muss: Urbi et Orbi übertragen, 20 Sekunden Fronleichnamsprozessionen in den Abendnachrichten und wieder Missbrauchs-Fälle rund um den Globus, begleitet von Talkshows, wo man der Frage nachgeht, ob nicht der Zölibat an allem schuld ist.

Aber ist das wirklich die uneingeschränkte Meinungsfreiheit für Katholiken in unseren Medien? Kommen da diejenigen zu Wort, die von Jesus Christus erzählen wollen, die erklären dürfen, was es mit dem Zölibat und der Unbefleckten Empfängnis wirklich auf sich hat? Katholisch sein ist nicht hipp für die meisten Medienmacher in Deutschland. Im Grunde auch Christ sein nicht. Wenn man zum Beispiel weiß, wie dramatisch es um die Verfolgung von Christen in vielen Ländern der Welt bestellt ist, müsste es jeden Tag ARD-Brennpunkte geben. Doch darauf können wir lange warten.

In den Jahrzehnten der schleichenden Transformation Deutschlands von einer christlich geprägten Gesellschaft zu einem Land der bunten Vielfalt, in dem man nicht mehr fragt, was richtig ist, sondern stattdessen formuliert „Warum denn nicht?“, sind Katholiken zu einer gewaltigen Randgruppe degradiert worden. Gesellschaftlich ebenso wie medial.

Die Millionen Menschen in Deutschland, die an den dreifaltigen Gott glauben, Ehebruch und Abtreibung nicht für etwas Normales halten, am Morgen und am Abend zu Gott beten, sind die Seltsamen, die man belächelt, denen man keine Bühne geben muss, weil ihre Überzeugungen per se Unsinn sind. Das war schon in den 70er Jahren so, als die Abtreibungsdebatte tobte und ein medialer Orkan ausgelöst wurde, mit dem Alice Schwarzer und die Ihren die öffentliche Debatte beherrschten. Unvergessen die Ausgabe des Magazins „stern“ am 6. Juni 1971, in der 374 teils prominente Frauen öffentlich bekannten: „Wir haben abgetrieben“ – ein Dammbruch. Befeuert von – vorsichtig formuliert – kirchenfernen Medien. In den frühen Talkshows zum Thema war es damals immer das gleiche Muster: Eine Gesprächsgruppe von sechs Personen, fünf Frauen und einem vornehmlich älteren Priester, nur aus einem Grund eingeladen: um ihn vorzuführen und fertigzumachen. Keiner wollte ihnen wirklich die Bühne bereiten, die katholische Überzeugung zur Abtreibung darzulegen vor einem Millionenpublikum. Und wenn nichts mehr half, unterbrach eine aufgeregte Feministin den armen Mann mit dem Satz: „Sie als Mann und auch noch Priester sollten bei diesem Thema besser schweigen…“. Im Grunde läuft das auch heute nach dem gleichen Schema.

Erinnern Sie sich an die Fernsehtalkshows 2013 mit dem katholischen Publizisten Martin Lohmann, der in den Talkshows von Frank Plasberg („Hart aber fair“) und Günther Jauch gegen die sogenannten Homo-Ehe“ stritt? Ein pöbelndes Publikum, überforderte Moderatoren und ein überzeugter Katholik mittendrin und ganz allein. Hatte er etwas Fundamentalistisches gesagt? Etwas Diskriminierendes oder gar Menschenverachtendes? Keine Spur, er vertrat theologisch 100 Prozent sauber die Haltung seiner Kirche zum Thema. Und wurde mit persönlichen Fragen zu seiner Familie in einer Art und Weise drangsaliert, die sich ein Fernsehjournalist in Deutschland bei keinem anderen Mann getraut hätte. Es war beschämend und eine Demaskierung des sogenannten Qualitätsjournalismus' öffentlich-rechtlicher Prägung.

Was die Fernsehzuschauer nicht ahnten: Zumindest eine der Redaktionen hatte zuvor die deutschen Bistümer durchtelefoniert, um einen offiziellen Gesprächspartner für dieses Thema zu bekommen. Keiner wollte sich das antun, alle lehnten ab. Martin Lohmann war der Einzige, der wagte, sich diesem Fernseh-Tribunal als katholischer Watschenmann auszusetzen. Er sagte nichts Falsches, blieb vollkommen ruhig, wo andere ausgeflippt wären – er tat es für seine Kirche. Ja, Katholiken kommen zu Wort in Deutschland – in Medien nur selektiv und oft aus unfreundlichen Beweggründen. Doch auch diejenigen, die eine große Bühne haben, leben gefährlich, wenn sie sich zur katholischen Lehre bekennen. Das bekannteste Beispiel ist der christdemokratische italienische Politiker Rocco Buttiglione. Der 1948 in Apulien geborene Katholik diente seinem Land unter anderem zwischen 2001 und 2006 im Kabinett Berlusconi als Kultur- und Europaminister. 1993 war er Mitglied der päpstlichen Sozialakademie und Berater des polnischen Papstes Johannes Paul II. Im Juli 1994 verlieh ihm die Katholische Universität Lublin die Ehrendoktorwürde. Ein tiefgläubiger Christ, verheiratet, Vater von vier Kindern, ein intellektueller Kopf, ein Mann der leisen Töne, der darüber hinaus vorzüglich Deutsch und weitere Sprachen spricht. Ein angesehener Mann, über jeden Zweifel erhaben. Bis zum Sommer 2004.

Da nominierte seine Regierung Buttiglione als Vizepräsidenten der Europäischen Kommission und Kommissar für Justiz, Freiheit und Sicherheit. Als jemandem auffiel, dass damit ein Katholik am Tisch der einflussreichsten Politiker der Europäischen Union Platz nehmen würde, brach ein Sturm der Entrüstung los. In einer Anhörung im Oktober des Jahres vor einem Ausschuss des EU-Parlaments vertrat er seine katholischen Vorstellungen zur Homosexualität und über die Rolle der Frau. Das reichte. Als erstes designiertes Mitglied der EU-Kommission wurde er abgelehnt. Weil er bekennender Katholik ist. Er zog seine Kandidatur danach zurück. In Interviews wertete er seine Erlebnisse im politischen Brüssel später als Intoleranz gegenüber urkatholischen Überzeugungen. Buttiglione sagte: „Wir sollten alle nachdenken über die Notwendigkeit der Toleranz und über die Fähigkeit, auch andere Meinungen zu akzeptieren. Wir können Europa nicht auf einer Ideologie aufbauen.“ Eine bestimmte Lobby in Brüssel habe verhindert, dass ein bekennender Katholik EU-Kommissar werde.

Neben den Fällen, wo die Meinungsfreiheit praktizierender Katholiken in Frage gestellt wird, gibt es allerdings auch einen anderen Aspekt, der zu beachten ist. Wie weit dürfen Kritiker der Kirche gehen, besonders Satiriker? „Über die katholische Kirche Witze zu machen, erfordert keinen Mut“, hat der Kabarettist und Deutschlands erster echter Late-Night-Talker Harald Schmidt vor Jahren mal gesagt. Die katholische Kirche kritisieren, den Glauben ihrer Mitglieder lächerlich machen, das kann im bunten Deutschland der Vielfalt jeder Dummschwätzer. Katholiken wehren sich nämlich nicht, da ist es ganz leicht – und vor allen Dingen gefahrlos.

Die Zahl der deutschen Kabarettisten jedoch, die es wagen, öffentlich den Propheten Mohammed zu veralbern, ist überschaubar. Dieter Nuhr vom Niederrhein hat es mal gewagt. Er vertritt die Auffassung, jeder Sportverein und jede Religion habe „das Recht, verspottet zu werden“. Und Nuhr verspottet eben auch den Islam. Nicht den Islam an sich, nicht die Gläubigen per se, sondern die eigenwilligen Auswüchse, die oft mit Gewalt und einem Frauenbild zusammenhängen, das hierzulande vollkommen unakzeptabel ist. Eigentlich. Ein Muslim, dem Nuhrs Islam-Witze nicht gefielen, zog Oktober 2014 vor Gericht. „Beschimpfung von Bekenntnissen und Religionsgemeinschaften“ – so der Vorwurf; Nuhr betreibe unter dem Deckmantel der Satire eine „blöde, dumme Hetze“ gegen den Islam. Der Kläger bekam recht. Das Landgericht entschied, dass man den Kabarettisten fortan als „Hassprediger“ bezeichnen darf.

Das mediale Fenster, in dem Katholiken eine Chance bekommen, über ihren Glauben zu sprechen und wie ihre Beziehung zu Gott ist, wird immer schmaler. Aber ja, sagen kann man alles… im Freundeskreis oder in der Familie, in den eigenen vier Wänden. Die Kritik und die Häme finden einen breiten Raum in Gesellschaft und Medien. Etwa im Kölner Karneval mit der beim Publikum beliebten alljährlichen „Stunksitzung“, einer linksgrünen Jecken-Gaudi, in der die katholische Kirche regelmäßig Ziel dümmlichster Verunglimpfungen ist. So ätzte ein Karnevalist auf der Bühne, der sich wohl in der Tradition von Kurt Tucholsky („Satire darf alles“) wähnte, als er Papst Benedikt und Erzbischof Joachim Kardinal Meisner als „zwei frisch vermählte Schwuchteln, die sich über den Rhein schippern ließen“ schmähte.

Katholiken finden statt in Öffentlichkeit und Medien – auch heute. Aber sie haben kaum noch Fairness zu erwarten, wenn sie über ihren Glauben informieren und für ihren Glauben streiten. Meinungsfreiheit geht eigentlich anders.