Katakombenheilige: Sakrale Kostbarkeit

Paul Koudounaris öffnet in seinem Buch ein Fenster in eine größtenteils vergessene Vergangenheit. Von Natalie Nordio

Das Gewand des heiligen Gratian in Waldsassen als kostspielige Erinnerung an römische Militäruniformen. Foto: Grubbe Media
Das Gewand des heiligen Gratian in Waldsassen als kostspielige Erinnerung an römische Militäruniformen. Foto: Grubbe Media

Vor allem im süddeutschen Raum, in Bayern ebenso wie in Schwaben, waren die sogenannten Katakombenheiligen über Jahrhunderte aus Dorfkirchen und Pilgerstätten nicht wegzudenken. In seinem im Dezember vergangenen Jahres erschienenen Buch „Katakombenheilige: verehrt, verleugnet, vergessen“ nimmt Paul Koudounaris den Leser mit auf eine Reise, die im sechzehnten Jahrhundert beginnt und im neunzehnten Jahrhundert zu Ende geht. Der in Los Angeles lebende Koudounaris ist Autor und Fotograf. Die über siebzig Farbabbildungen, mit denen das rund zweihundert Seiten umfassende Buch versehen ist, stammen zum größten Teil von ihm selbst. Sie zeigen die unvorstellbare Pracht der Katakombenheiligen, für deren Aufwertung mit teuersten Edelsteinen und kostbarsten Stoffen weder Kosten noch Mühen gescheut worden waren.

Sie waren bereit, für den Glauben in den Tod zu gehen

Der Ursprung der Verehrung von Reliquien in der katholischen Kirche kann bis heute nicht eindeutig geklärt werden, war aber in der Glaubenspraxis des sechzehnten Jahrhunderts als Kult fest in der katholischen Welt verankert. Ganz anders verhielt es sich dagegen auf protestantischer Seite. Die Reformatoren sprachen sich ganz klar gegen eine Verehrung von Reliquien aus. Luther spottete sogar, es handle sich doch meist um Hunde- oder Pferdeknochen, die da auf katholischer Seite verehrt würden, wie Koudounaris zu berichten weiß. Die zufällig Entdeckung der Priscilla-Katakombe unter einem Weinberg an der römischen Via Salaria, der antiken Salzstraße, am 31. Mai 1578 kam der katholischen Kirche im Kampf gegen die Glaubensfeinde gerade recht. Die Leiber dieser Frauen und Männer, die in den ersten Jahrhunderten des Christentums tapfer jedweder Qual getrotzt hatten und für ihren Glauben bereit waren, in den Tod zu gehen, waren im Glaubenskampf die ideale Waffe. Zudem erlebten die Blutzeugen Jesu der ersten Stunde der Christenheit im ausgehenden sechzehnten Jahrhundert und noch im siebzehnten Jahrhundert eine wahrhaftige Renaissance, standen sie doch in direktem Bezug zu den neuen Opfern – den neuen Märtyrern – der blutigen Auseinandersetzungen mit den Protestanten.

Koudounaris gelingt der Spagat zwischen historischen Fakten und flüssiger Erzählung. Ohne sich in wissenschaftliche und zu verkopfte Diskurse zu verlieren und alles andere als langweilig, zeichnet er erfrischend locker geschrieben den Weg der Heiligen aus den römischen Katakomben über die Alpen nach Süddeutschland nach. Zahlreiche Reliquien waren besonders in Bayern von protestantischer Seite zerstört worden und „neue Reliquien mussten her“. Mit einem Echtheitszertifikat versehen – damit einem Beschluss des Trienter Konzils Folge leistend – traten die sterblichen Überreste der Katakombenheiligen ihre letzte Reise an. Im letzten Drittel des siebzehnten Jahrhunderts erreichte der Reliquien-Export seinen Höhepunkt. Angaben aus dem siebzehnten Jahrhundert zufolge wurden pro Katakombe etwa 114 000 Märtyrer verzeichnet – eine nach heutigem Wissen absurde Zahl, da die Körper der bekanntesten frühchristlichen Märtyrer lange vor diesem neuen Märtyrer-Boom aus den Katakomben in römische Kirchen überführt worden waren. Alle Aspekte rund um den florierenden Handel mit Reliquien nennt Koudounaris in seinem Buch und liefert so ein sehr vollständiges, kaum Fragen offen lassendes Bild.

In der zweiten Hälfte des Buchs legt der Autor sehr ausführlich dar, was nach Ankunft am Zielort in der bayrischen Provinz mit den Reliquien weiter passierte. Der Restaurierung der Gebeine – ein Unterfangen, auf das sich besonders Ordensfrauen spezialisiert hatten –, der Ausschmückung und Präsentation, die einer Theaterinszenierung gleich kam, und dem Empfang der Katakombenheiligen in der jeweiligen Gemeinde – aus diesem Anlass gab es prunkvolle Prozessionen – widmet der Autor jeweils ein ganzen Kapitel. Ebenso spielen die Wundertaten, von denen im Zusammenhang mit den Katakombenheiligen immer wieder berichtet wurde und ihre große Bedeutung innerhalb der Gemeinde – Neugeborene auf den Namen des jeweiligen Katakombenheiligen zu taufen, war keine Seltenheit –, eine große Rolle. Doch der unbeschreibliche Siegeszug der Heiligen-Reliquien war nicht von Dauer. Besonders im neunzehnten Jahrhundert verschwanden die kostbaren, mit Edelsteinen besetzten Skelette zunehmend aus dem Blickfeld der Gemeinden. Eingelagert auf Dachböden oder verstaubt in Kisten und hinter schweren Schranktüren gerieten sie in Vergessenheit. Als eher peinliches Kapitel der Glaubensgeschichte wurde ihre Verehrung im neunzehnten Jahrhundert angesehen, für das man sich schämte und es als geradezu lächerlich empfand. Koudounaris gelingt die Verbindung von römischer Kirchen- und Glaubensgeschichte mit bayrischer Regionalgeschichte. Gepaart mit der ein oder anderen Provinz-Anekdote verspricht das Buch eine abwechslungsreiche, spannende und zugleich sehr informative Lektüre, bei der man, wie der Autor treffend schreibt, „durch ein Fenster in eine größtenteils vergessene Vergangenheit – ein Fenster, geöffnet durch ein Ausmaß an religiöser Hingabe“ – blickt.

Paul Koudounaris: Katakombenheilige. verehrt, verleugnet, vergessen. Verlag Grubbe Media, 192 Seiten, ISBN: 9-783- 942194-181, EUR 24,95