Jugendliche werden Eltern

Sehnsucht nach Familie, Verantwortung übernehmen: Der deutsche Kinofilm „Ein Teil von mir“

Der Spielfilm über Jugendliche, die eher unfreiwillig Eltern werden, stellt schon lange ein regelrechtes Kinogenre dar, schließlich spiegelt der Film den Zustand der Gesellschaft wider. Bezeichnend in diesem Zusammenhang: Es gibt keinen einzigen Film aus diesem Genre, in dem eine Abtreibung als Ausweg angesehen wird. Die ungewollt schwanger gewordenen Teenager entscheiden sich ohne Ausnahme dafür, allen Schwierigkeiten zum Trotz das Kind auszutragen.

Verständlicherweise übernehmen solche Spielfilme meistens den Standpunkt der (werdenden) Mutter, zumal der Vater ihres zukünftigen Kindes häufig gar keine Rolle mehr spielt, so etwa in Éléonore Fauchers „Die Perlenstickerinnen“ (DT vom 18.05.2005) oder auch in Malgosia Szumowskas „Leben in mir“ (DT vom 27.06.2006). Ganz anders jedoch der deutsche Spielfilm „Ein Teil von mir“, der teilweise bereits Mitte Oktober anlief, in Köln erst am 19. November startet. Denn das mit dem Förderpreis der DEFA-Stiftung beim Max-Ophüls-Preis 2009 ausgezeichnete Spielfilmdebüt von Christoph Röhl stellt einen 16-Jährigen in den Mittelpunkt, der Vater wider Willen wird.

Jonas (Ludwig Trepte) ist ein begabter, bei seinen Mitschülern beliebter Gymnasiast, der sich auch mit seiner alleinerziehenden Mutter Susanne (Lena Stolze) bestens versteht. Der aus Schule, Spaß und Nebenjob bestehende Alltag des 16-Jährigen erfährt jedoch eine einschneidende Wendung, als ihn plötzlich Vicky (Karoline Teska) vor der Schule abpasst, um ihn mit den Folgen einer halb vergessenen Partynacht zu konfrontieren: Sie ist schwanger.

Jonas streitet es ab, der Vater zu sein. Obwohl von ihm enttäuscht, bleibt Vicky bei ihrem Entschluss, das Kind zur Welt zu bringen. In der Folgezeit tut Jonas alles, um nur den Gedanken an eine Vaterschaft zu verdrängen: Er konzentriert sich auf die Schule und seinen Nebenjob, spielt Fußball mit seinen Freunden. Eines Tages steht aber Vicky vor Jonas' Arbeitsstelle, diesmal mit einem Kinderwagen. Sie möchte Jonas seine Tochter Klara vorstellen. Obwohl der junge Mann erneut panisch reagiert, sucht Vicky immer wieder seine Nähe.

Das von Philippe Longchamp zusammen mit Regisseur Christoph Röhl verfasste Drehbuch überspringt Vickys Schwangerschaft, weil sich „Ein Teil von mir“ auf die Entwicklung des Vaters wider Willen sowie auf dessen Beziehung zur Kindesmutter konzentriert. Trotz aller Verdrängungsversuche seitens Jonas' fordert ihn Vicky heraus, sich seiner Verantwortung und seinen Gefühlen zu stellen. Von Anfang an stellt Vicky klar, dass es ihr gar nicht um Alimente oder andere finanzielle Zuwendungen geht. Die Zuwendung, die sie sucht, hat vielmehr damit zu tun, dass sowohl sie als auch Jonas vaterlos aufgewachsen sind. Weil die emotionale Unreife ihrer eigenen Mutter Laura (Julia Richter) sie erschreckt, will Vicky für sich und ihre kleine Tochter eine richtige Familie. Ohne große Gesten setzt sie denn auch alles daran, Jonas an seine Verantwortung zu erinnern. „Es geht nicht darum, dass wir beide Spaß haben“, sagt sie etwa zu ihm.

Dennoch: „Ein Teil von mir“ erzählt konsequent aus Jonas' Perspektive. Mit ihren Nahaufnahmen lässt die Kamera für Blicke und Geste Raum, sodass sie die Achterbahn der Gefühle einfängt, die der junge Mann durchmacht. Christoph Röhl kann sich dabei auf seine exzellenten Darsteller verlassen. Denn Karoline Teska und Ludwig Trepte, der bereits im hervorragenden, mit dem „Adolf-Grimme-Preis“ mehrfach ausgezeichneten Fernsehfilm „Ihr könnt euch niemals sicher sein“ (DT vom 21.10.2008) die Hauptrolle spielte, wirken stets glaubwürdig: sie entschlossen und zielstrebig, er ratlos und unschlüssig. Darüber hinaus füllen Lena Stolze und Julia Richter mit großer Professionalität ihre Nebenrollen aus.

Dank einer Prise Humor, beschwingter Musik und vor allem genauer Beobachtung weicht Regisseur Röhl den genreüblichen Klischees aus, sodass sich „Ein Teil von mir“ mit dem Verhältnis zwischen persönlicher Freiheit und Übernahme von Verantwortung differenziert auseinandersetzt. Nicht zuletzt zeugt Christoph Röhls Spielfilmdebüt aber von der Sehnsucht nach Geborgenheit in der Familie, auch und gerade bei der Generation der Scheidungskinder.