Jenseits der polierten Oberfläche des Alltags

Mit hilflosen Gesten im Nichts gefangen: Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk deutet den Tod in der modernen Zeit. Von Stefan Meetschen

Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk verteidigt das natürliche Leben. Foto: IN
Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk verteidigt das natürliche Leben. Foto: IN

Es ist ein kleines Buch mit wenigen Seiten, doch das Thema der vier Texte, die in Andrzej Stasiuks neuestem Werk „Ein kurzes Buch über das Sterben“ versammelt sind, hat es in sich, ist groß. So groß, dass man fürchten könnte, es sei in einer derartigen Reduktion kaum angemessen abzuhandeln: Das Sterben, der Tod. Doch dem wahrscheinlich wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller Polens, der seit diesem Monat Feuilletonist bei der katholischen Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“ ist, gelingt es gerade in der beiläufigen Bescheidenheit des Erzählens, dem Anspruch des deutschen Titels, der wohl an Filme des polnischen Regisseurs Krzysztof Kieslowski („Ein kurzer Film über die Liebe“) anspielen soll, gerecht zu werden.

Sei es bei der Betrachtung seines sterbenden Hundes, sei es beim Besuch eines sterbenden Schriftstellerfreundes oder bei der Erinnerung an die längst verstorbene Großmutter – Andrzej Stasiuk fängt das Rätsel des Todes mit einer sensiblen Melancholie ein, die niemals kitschig, aber ausgesprochen geheimnisvoll ist. Wobei der 52-jährige Schriftsteller, der mit „Die Welt hinter Dukla“ und anderen Reisegeschichten bekannt wurde, mit seiner persönlichen Meinung nicht hinterm Berg hält. Früher war das Leben tiefer, mystischer, heute flüchten die Menschen in eine Zivilisation der Oberflächlichkeit.

Flache Spiegelbilder gaukeln uns Tiefe vor

Für Optimismus bleibt da nicht viel Raum: „Bald werden die letzten Großmütter sterben, die die Welt der Geister mit eigenen Augen gesehen haben. Sie haben sie gläubig und ruhig betrachtet, natürlich auch mit Angst. Die lebendige, übernatürliche Wirklichkeit wird mit ihnen zusammen verschwinden. Die seltenen mystischen Erfahrungen Auserwählter ausgenommen, werden wir auf das anstrengende und schwierige Vertrauen in die Existenz des Ungewissen angewiesen sein. Die glattpolierte Oberfläche des Alltags wird uns unsere eigenen, flachen Spiegelbilder beflissen als Tiefe vorgaukeln.“

Der moderne Mensch hat Angst, hält sich den Tod und die Sterbenden so gut es geht vom Leib, wohl aus Angst vor unerwünschten Rückkopplungseffekten zwischen den Lebenden und den Sterbenden. „Denn wenn wir am Tod anderer Menschen, am Tod Angehöriger teilnehmen, sterben wir selbst ein bisschen, werden selbst ein bisschen sterblicher.“

Das Schicksal gehört bald der Vergangenheit an

So ändern sich die Rituale oder die Rolle des Menschen im Ritual. Nicht nur in der schnelllebigen Stadt, auch auf dem Land, dem einstigen Bollwerk der religiösen Volkskultur. Stasiuk, der in Warschau aufwuchs und seit vielen Jahren in einem Dorf in den Beskiden wohnt, zeigt sich als aufmerksamer Beobachter der distanzierten Verflachung: „Bei der Beerdigung meiner Großmutter ging der Zug vier Kilometer in der Hitze von der Kirche auf den Friedhof, und den Sarg trugen die Angehörigen auf den Schultern. Als im gleichen Dorf vor einiger Zeit mein Onkel bestattet wurde, gelangte der Fußgängerzug nur bis zur letzten Bebauung, und dann gingen alle zu ihren geparkten Autos in der Nähe der Kirche, um hinter dem Leichenzug herzufahren.“

Die McDrive-Kultur hat sich durchgesetzt, Stasiuk geht auf der Suche nach Erklärungen noch weiter zurück. „Da wir gelernt haben, das Leben zu verlängern, gestehen wir uns auch das Recht zu, es zu verkürzen, denn seit einiger Zeit scheinen wir alles in der Hand zu haben. In früheren Epochen, vor dem Humanismus, war der Tod grausam, er kam oft zu früh, aber das Leben dauerte bis an sein Ende. Darüber entschied das Schicksal. Das Schicksal gehört allmählich der Vergangenheit an. Schicksal wird es bald nicht mehr geben. Vorläufig entfernen wir es aus unserem Alltag und verschieben es in Kranken- und Sterbehäuser. Später werden wir uns die Zeit vornehmen. Wir werden entscheiden, wann sie zu kommen hat.“

Die Sehnsucht nach einer euthanasie-freien Zeit ist unüberhörbar. Doch der Friede mit Gott und der Unendlichkeit kann nicht erzwungen werden, wie Stasiuk in dem Text „Augustyn“ deutlich macht, der vom Tod eines spätberufenen Schriftstellers erzählt. „Als wir damals unter den Bäumen vor der Kapelle saßen, fragte ich ihn, ob er nicht der Meinung sei, das Leben selbst gebe ihm neuerdings die Chance, sich mit der Kirche auszusöhnen, und ob er sich nicht hin und wieder zu den betenden Frauen mit den Kopftüchern gesellen wolle.“ Augustyn will nicht. Schlägt die Tür zur Kapelle mit voller Wucht zu. Ein alter, kranker Mann, der „mit Hilfe von Gesten“ versuchte, „dem Nichts zu entkommen“.

In dieser Erzählung fasst Stasiuk bei aller Melancholie über die Verstocktheit des sterbenden Mannes kurz zusammen, wovon „echte Prosa lebt“. Nämlich: „Detail, Beobachtungsgabe, ein bisschen Distanz zum Gegenstand, ein bisschen Selbstironie, Leichtigkeit des Stils und Warmherzigkeit, mit ein wenig Bitterkeit gewürzt.“ Schöner kann man das Lob für Andrzej Stasiuks neues Büchlein nicht zusammenfassen, in dem alles dies zu finden ist. Echte polnische Prosa eben.

Andrzej Stasiuk: Kurzes Buch über das Sterben. Suhrkamp Verlag, 2013, 112 Seiten, ISBN 978-3-518-46421-2, EUR 8,–