Jeder braucht eine religiöse Überzeugung

Trost im Glauben und bei der Lektüre von Joseph Conrad – Libet Werhahn-Adenauer erinnert sich an ihren Vater. Von Ansgar Lange

Joseph Conrad, einst Schriftsteller und Schiffskapitän in der Südsee, war einer der Lieblingsautoren von Konrad Adenauer. Foto: IN
Joseph Conrad, einst Schriftsteller und Schiffskapitän in der Südsee, war einer der Lieblingsautoren von Konrad Adenauer... Foto: IN

Noch ein Buch über Konrad Adenauer? Dieser Gedanke wird vielleicht manchem angesichts des Titels „Erinnerungen an meinen Vater Konrad Adenauer“ durch den Kopf schießen. Doch dieses Buch ist anders und gerade deshalb lesenswert, denn es ist aus der Perspektive der jüngsten Adenauer-Tochter Libet geschrieben. Es fehlt also die wissenschaftliche Distanz. Dafür schildert die Autorin auf einfühlsame, aber nicht unkritische Weise die Jahre eines gemeinsamen Lebenswegs von Vater und Tochter.

Adenauer war bekanntlich ein frommer Mann, aber auch ein sehr freiheitlicher Christ. Sein Glaube an Gott, so betont die Tochter, habe ihm immer wieder geholfen, sich aus tiefster Traurigkeit und drohender Resignation zu befreien. Und das Leben hielt zahlreiche Prüfungen für Konrad Adenauer bereit. Er überlebte seine beiden Ehefrauen und war, als er schließlich Bundeskanzler wurde, ein oft auch recht einsamer Witwer in Rhöndorf bei Bonn. Die Nazis verfolgten den unbequemen katholischen Politiker. Er wurde nach Unkel verbannt und schöpfte dort viel Kraft aus der Lektüre der Erzählung „Taifun“ von Joseph Conrad, einer seiner liebsten Schriftsteller: „Ich las am Nachmittag dieses Tages und las über den Kampf, den der Kapitän mit dem Sturm führte. Ich las, dass der Kapitän ihn nicht durch seine Klugheit, sondern Geduld und Ausdauer bestand. Das Buch hat mich getröstet und meine Hoffnung neu belebt. Ich habe in den folgenden Jahren noch wiederholt in ganz schlechten, schwierigen Situation nach ihm gegriffen.“

Ein eigenes Kapitel hat die Tochter den Wertvorstellungen ihres Vaters gewidmet. Als gläubiger Mensch ging er jeden Sonntag in die Kirche. In Rhöndorf wurde ihm später sogar ein eigener Platz zugeteilt, wo er immer kniete. Auch seine Kinder hielt er früh dazu an, regelmäßig die heilige Messe zu besuchen.

Libet Werhahn-Adenauer schreibt, dass ihr Vater der festen Überzeugung gewesen sei, dass jeder Mensch eine religiöse Orientierung braucht, ohne die man nicht gut leben könne und keine Orientierung habe. Diese Orientierung musste für ihn aber nicht unbedingt katholisch sein. Seine Religiosität verband sich mit einer tiefen Liebe zur Natur, in der er vor allem in der Zeit seiner politischen und privaten Isolation im „Dritten Reich“ viel Kraft schöpfte. Das schmale Büchlein ist reich bebildert und lässt sich aufgrund des angenehmen Druckbildes gut und zügig lesen. Besonders berührend fallen die Schilderungen der Zuflucht des Vaters im Kloster Maria Laach, die Verhaftung der Eltern und der frühe Tod der Mutter im Jahr 1948 aus. Vergnüglicher wird es bei der Schilderung der Reisen der Tochter mit ihrem Vater. Im romantischen Cadenabbia machten Tochter und Vater gemeinsam Urlaub. Und in Frankreich, den Vereinigten Staaten oder in Persien lernte die junge Frau die große weite Welt kennen. Der sonst oft kühl und herrisch wirkende „Machtmensch“ Adenauer zeigte sich bei diesen Anlässen oft privat ganz anders – zugänglich, zu Späßen aufgelegt, als Witwer die Begleitung seiner Tochter genießend.

Wer sollte dieses Buch lesen? Sicher ist es interessant für die ältere Generation, die sich vielleicht noch persönlich an Konrad Adenauer erinnern kann. Aber zu empfehlen ist es insbesondere auch jüngeren Lesern. Denn sie erleben in Konrad Adenauer einen Politiker, dem es neben allem Streben nach Macht vor allem um Pflicht und Gestaltung ging. Und um eine Politik, die auf festen (christlichen) Wertvorstellungen gründete. Die selbstbezogene Eitelkeit mancher heutiger Politiker, die sich vor allem in den sozialen Medien inszenieren, war ihm völlig fremd.

Libet Werhahn-Adenauer: Erinnerungen an meinen Vater Konrad Adenauer. Bast Medien GmbH, Überlingen 2019 (2. Auflage), 189 Seiten, ISBN-13: 9-783-94658-151-2, EUR 19,90