Ist das Freiheit?

Das "Social egg freezing" ist auf dem Vormarsch. Immer mehr Frauen lassen sich in jungen Jahren ihre Eizellen entnehmen und einfrieren, um nach dem erfolgreichen Erklimmen der Karriereleiter die Chance zu wahren, spätes Mutterglück zu erleben. Von Alexandra Maria Linder

Sad woman thinking over a problem, man sitting aside
Der Traum des späten Mutterglücks dank "egg freezing" wirft viele Fragen auf und erfüllt sich oft nicht. Foto: Adobe Stock

Let s chill" hieß die Party, zu der junge Frauen 2014 in Washington zum Preis von 45 US-Dollar eingelassen wurden. Dahinter verbarg sich eine Werbeveranstaltung für die Firma EggBanxx, die an jede Frau einen Gutschein über 100 Dollar ausgab   einzulösen für das Einfrieren ihrer Eizellen.
Die EggBanxx ist eine der zurzeit aus dem Boden sprießenden Firmen in den USA, bei der Frauen ihre Eizellen entnehmen und   schockgefroren in flüssigem Stickstoff bei Minus 196 Grad Celsius   über Jahre lagern lassen können. Besonders bekannt wurde die Firma, als Apple und Facebook ihren jüngeren Mitarbeiterinnen diese Form der verschobenen Mutterschaft als geldwerte Zusatzleistung anboten. Inzwischen folgen rund drei Prozent der US-Unternehmen diesem Beispiel. Die Folge: Die Zahl der Frauen in den USA, die sich für ein sogenanntes "Social egg freezing" entschieden, schnellte in den letzten Jahren von 475 (2009) auf 7518 (2015) hoch, mit rasant weiter steigender Tendenz, auch in anderen Staaten.
Zwar wehren sich die Protagonisten des "Social egg freezing" dagegen, in diesem Angebot eine Art Life-Style-Produkt zu sehen, doch sind gewisse Tendenzen nicht von der Hand zu weisen: Wie früher den Kauf eines Hauses finanzieren manche Eltern und Großeltern das Einfrieren frischer Eizellen ihrer Töchter und Enkelinnen, vor allem bei Gelegenheiten wie dem High School-Abschluss oder dem 30. Geburtstag.
Anders als bei der medizinisch induzierten Entnahme von Eizellen bei Frauen, die sich einer Chemotherapie unterziehen, liegen dem "sozialen" egg freezing keine medizinischen Gründe zugrunde. Als Motive gelten die Konzentration auf die berufliche Karriere, fehlende Partner sowie der noch nicht vorhandene Kinderwunsch. Viele Frauen bezeichnen die Möglichkeit, ihre Eizellen einzufrieren, als "Freiheit"   sie müssen sich keine Gedanken machen, dass sie mit 35 Jahren den idealen Vater für ihre Kinder gefunden haben sollten (den "Mr. Right"), sie brauchen sich keine Sorgen darum zu machen, dass sie später, wenn doch Kinder kommen sollen, keine Eizellen mehr haben, die noch befruchtungsfähig sind. Und sie hoffen, dass keine ungeplante Schwangerschaft die Karriere beendet oder beeinträchtigt. Viele Frauen, die ihre Eizellen schon einfrieren ließen, sprechen von "großer Erleichterung", über all diese Dinge nicht mehr nachdenken zu müssen. Garantierte Mutterschaft, wann immer man will, lautet das Credo, das durch Werbesprüche wie "Freiheit für Ihre Karriere" genährt wird.
Und: Bei manchen Frauen funktioniert dies tatsächlich. Sie bekommen Jahre nach dem Einfrieren ihrer Eizellen mittels Samenspende (des Partners oder eines Fremden) und In-vitro-Fertilisation ein Kind. Andere brauchen erst ihre eigenen eingefrorenen Eizellen auf und nutzen für weitere Kinder fremde Eizellen mittels der sogenannten Eizellspende, die in Deutschland bislang verboten ist. Doch nicht selten geht das Ganze auch schief: In einem bekannten Fall wurden alle Eizellen auf dem Weg von San Francisco nach Los Angeles wegen
eines Defektes an der Transportbox zerstört. Das größte Risiko liegt darin, dass von den in der Regel empfohlenen zehn bis 20 Eizellen, die tiefgekühlt werden, am Ende nur wenige zur Befruchtung übrigbleiben.
"Der Erfolg dieser Technologie hat mit Zahlen zu tun", erläutert Randi Goldman von der Harvard Medical School, der im Jahr 2017 zusammen mit Janis Heidi Fox eine Studie zum "Social egg freezing" publizierte. "Je mehr Eizellen vorhanden sind, desto besser sind unsere Chancen, die besten auszuwählen und ein Baby zu bekommen." Die Studie erarbeitete die Erfolgswahrscheinlichkeit in Bezug auf das Alter der Frau und die Anzahl der entnommenen Eizellen. Eine generelle Empfehlung von 10 bis 20 Eizellen ist demnach nicht angemessen, da die Menge der zu entnehmenden Zellen von individuellen Faktoren abhängt: Alter der Frau, Hormonhaushalt, körperlicher Zustand et cetera. Lässt eine Frau, so das Ergebnis der Studie, zehn Eizellen einfrieren, liegt ihre Chance, im Alter von 36 Jahren damit ein Kind zu bekommen, bei 60 Prozent. Entscheidet sich die Frau jedoch erst mit 44 Jahren, die Zellen zu verwenden, sinkt diese Chance auf nur noch acht Prozent.
Anders sieht es aus, wenn 100 Eizellen eingefroren werden: Laut der Studie würde dies die Chance der 44-Jährigen auf 55 Prozent erhöhen. Aufgrund der Kosten (mindestens 13 000 US-Dollar für die Prozedur und jährlich bis zu 1 000 US-Dollar für die Aufbewahrung plus der Kosten für die Jahre später erfolgende künstliche Befruchtung) entscheiden sich viele Frauen jedoch dafür, so wenige Zellen wie möglich entnehmen zu lassen   verbunden mit dem deutlich höheren Risiko, dass die Prozedur vergeblich war. 1986, als das erste Frozen-egg-baby geboren wurden, benötigten die Mediziner, um ein einziges Kind zu zeugen, noch 100 Eizellen. Der hohe Eizellenbedarf führte dazu, dass dasVerfahren eine Zeitlang nicht weiterverfolgt wurde. Erst als Forscher eine neue Methode des Schockgefrierens erfanden und weitere technische Fortschritte erzielten, stiegen auch die Erfolgsquoten.
Dass das "Social egg freezing" dennoch kein Kind garantiert, erlebte auch Brigitte Adams. Laut einem Beitrag in der Washington Post hatte sie sich elf Eizellen entnehmen und einfrieren lassen, zum Preis von 19 000 US-Dollar. Als sie mit 45 Jahren ihren Mr. Right noch immer nicht gefunden hatte, entschloss sie sich zum Kauf einer Samenspende, um alleinerziehende Mutter zu werden. Der Begeisterung, alles selbst auswählen und bestimmen zu können, folgte schnell Ernüchterung: Zwei Eizellen waren durch das Auftauen zerstört, drei ließen sich nicht befruchten, fünf wiesen Schäden auf. Nur eine einzige Eizelle blieb zur Befruchtung übrig, der mit ihr erzeugte Embryo wurde ihr eingesetzt. Doch auch diese letzte Hoffnung zerschlug sich bald mit einer Fehlgeburt.
Solche Geschichten sind es, die selbst prinzipielle Befürworter der Reproduktionsmedizin nachdenklich machen: Zum einen wegen der persönlichen Belastungen der Frauen, den hohen Kosten und Risiken sowie den mageren Ergebnissen der werbewirksam angepriesenen Angebote. Zum anderen, weil sich hier eine veränderte
Einstellung von Erwachsenen zeigt: Es geht nicht ums Kind, sondern um "intendierte Eltern". Konsequenterweise werden sie im Entwurf für ein deutsches Fortpflanzungsmedizingesetz als "Wunscheltern" bezeichnet, während die Kinder mit dem Begriff "gewünschte Kinder" eingeordnet werden. Ein Kind, wann ich will, wie ich will, mit wem ich will und von wem ich will   in manchen Fällen kann man sich des Eindrucks eines Bestellvorgangs nicht erwehren.
Die grundlegende Problematik in diesen Bereichen liegt auch in einer angeblichen Ungleichbehandlung, in diesem Fall darin, dass die Eizellentnahme manchen Frauen wegen einer Chemotherapie angeboten wird. Was für diese Frauen erlaubt ist, kann, so die Argumentation, doch anderen Frauen nicht verwehrt werden, weil sie nicht krank sind? Ähnliche Argumentationen finden sich zum Beispiel bei der Präimplantationsdiagnostik   warum dürfen nur Familien mit genetischer Vorbelastung sie in Anspruch nehmen? Jeder hat doch ein Recht auf ein gesundes Kind? Des Pudels Kern liegt im Begriff "Recht": Es ist der heutigen westlichen Gesellschaft kaum zu vermitteln, dass zwar alle Menschen gleichwertig sind, aber deshalb nicht jeder selbstverständlich auch ein Recht auf alles hat. Gerade bei der Fortpflanzung wird dies mit fortschreitenden technischen Ersatzmöglichkeiten zum "natürlichen" Kinderkriegen immer deutlicher. Welche Elternkonstellation auch immer   allein, heterosexuell, homosexuell, genetische und soziale Komposition bis zu fünf Elternteilen (Samenspender, Eizellspenderin, Leihmutter, soziale Eltern)   alles soll möglich und erlaubt sein. Die einzigen Menschen, deren Rechte in diesem Zusammenhang vernachlässigt werden, sind die Kinder.
Neben dem Risiko, dass die Eizellen unbrauchbar sind, beinhaltet die damit erforderliche künstliche Befruchtung weitere, gesundheitliche Risiken für die Mutter und außerdem eine angesichts finanzieller Ausstattung und jahrzehntelanger Entwicklung überraschend niedrige Erfolgsquote: Die sogenannte Baby-take-home-Rate, der Anteil der behandelten Erwachsenen, die mit einem Baby auf dem Arm nach Hause gehen, beträgt nach wie vor nur um die 20 Prozent. Hinzu kommen ein höheres Fehlbildungsrisiko beim Kind, große gesundheitliche Gefahren für die Leihmütter (unter anderem, weil ihr Körper das genetisch fremde Kind als Fremdkörper erkennt und bekämpft) und weitere Probleme. Noch kaum erforscht sind die Folgen solcher familiären Konstellationen für ein Kind beziehungsweise Geschwisterkinder. Reproduktionsmediziner sprechen gerne von Erfolgsquoten und dem erfüllten Wunsch der Erwachsenen, die Kinder werden als Personen nicht thematisiert. Kinder aus künstlicher Befruchtung, die nach positivem Durchlaufen der Prüfungen vor der Implantierung im Verlauf der Schwangerschaft Abweichungen aufweisen, werden des weiteren öfter abgetrieben als auf natürlichem Weg gezeugte Kinder, da der eindeutige Auftrag an die Reproduktionsmedizin, "Wunscheltern" zu einem gesunden Kind zu verhelfen, über Allem steht.
Darüber hinaus wirft das "Social egg freezing" noch eine ganze Reihe anderer Fragen auf: Ist es richtig, der beruflichen Karriere wegen vieles oder alles hintanzustellen? Lässt sich ein erfülltes Leben vorrangig durch beruflichen Erfolg definieren? Ist es eine Errungenschaft, Mutterschaft verschieben zu können oder ordnet man sich damit einem Diktat unter, das aus Menschen geschlechtslose Arbeitsdrohnen macht? Ist es nicht eine Form der Kapitulation, wenn es Wirtschaft und Politik nicht gelingt, Berufsmodelle ohne Nachteile für Mütter zu entwickeln?
Auffällig ist auch: Wir entfernen uns immer weiter von der Natur. Wir verschieben immer mehr Grenzen, um "gewünschte Kinder" zu bekommen. Welche Folgen wird das für unser Kinder- und Menschenbild haben? Brigitte Adams gab ihren Plan, unbedingt ein Kind haben zu wollen, trotz ihres Alters und des Verlustes ihrer Eizellen nicht auf: Erneut suchte sie Spender, diesmal für Samenzelle und Eizelle, und trug später ein ihr genetisch vollkommen fremdes Kind aus.