Insel der Seligkeit in den zwanziger Jahren

Valentina Freimane schildert in ihrer Autobiografie die Schrecken im Nationalsozialismus: „Adieu Atlantis“. Von Gerhild Heyder

Ein Jahrhundertleben entfaltet sich auf den Seiten des Erinnerungsbuches der 1922 in Riga geborenen Theater-, Film- und Kunsthistorikerin Valentina Freimane, geborene Loewenstein. Eine vollständige Autobiografie ist es nicht, beschreibt sie doch „nur“ das erste Vierteljahrhundert ihres langen und überaus wechselvollen Lebens bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Hineingeboren in eine kosmopolitische großbürgerliche jüdische Familie, in der lettisch, deutsch, französisch und russisch gesprochen wird, die zwischen Riga, Paris und Berlin pendelt, erlebt das kleine Mädchen ein wohlbehütetes und gleichzeitig intellektuell offenes Elternhaus, in dem Geist und Kunst zu Hause sind und ihre Vertreter ein- und ausgehen. Mit vier Jahren kann sie lesen, ist mathematisch und sprachlich hochbegabt, ihr Wissensdurst wird gefördert, nicht behindert. Ein unschätzbares Fundament für das kommende Leben, von dem niemand ahnt, mit welch abgrundtiefen Schrecken es fertigwerden muss.

Der Vater – internationaler Finanzrechtler mit Kontakten nach ganz Europa – ermöglicht seiner Familie ein sorgloses Leben mit vielen Reisen. Früheste Erinnerungen an Paris und Berlin (wo die Familie von 1926 bis 1936 lebte und der Vater als Rechtsberater für die UFA tätig war) in den Roaring Twenties mit glanzvollen Partys, an russische, französische und schweizer Kindermädchen und an die schöne, umschwärmte Mutter werden ausführlich geschildert und sind später überlebenswichtig für Valentina Freimane, tragen sie die junge Frau doch durch die bitteren Zeiten, die dem jähen Sturz aus der Idylle folgen werden.

Der beginnt 1940 nach dem Hitler-Stalin-Pakt mit der Okkupation des Baltikums durch die Sowjetunion, die für die Familie dank der Hilfe eines katholischen Majors der Roten Armee, der bei ihnen einquartiert wurde, noch glimpflich verlief – während viele Vertreter der „jüdischen Bourgeoisie“ (gleichbedeutend mit „Klassenfeind“) von den sowjetischen Besatzern nach Sibirien verschleppt wurden. Bis dahin war für Valentina der politische Wandel in ihrem Heimatland nicht das vorrangige Thema, wenn auch bereits 1934 mit dem Staatsstreich von Karlis Ulmanis die parlamentarische Demokratie, die Lettland 1918 mit der Unabhängigkeit von Russland erlangt hatte, durch ein autoritäres Regime abgelöst worden war.

Den Beginn des Zweiten Weltkriegs nimmt sie zur Kenntnis, viel spannender ist die große Liebe zu dem katholischen Medizinstudenten Dietrich Feinmann, Dima genannt, den sie 1941 heiratet; nach der deutschen Besetzung Lettlands zwei Monate später und nach dem Übertritt in die katholische Kirche folgt eine katholische Trauung, die sie als Jüdin vor der deutschen Verfolgung schützen soll. Ihre Eltern und nahezu alle anderen Angehörigen werden Ende 1941 ins Rigaer Ghetto verschleppt und später ermordet. Sie selbst kann vorerst bei ihrem Mann Sicherheit finden. Bis sie verraten werden. Bei einer Hausdurchsuchung 1942 bleibt Valentinas Versteck unentdeckt, ihr Mann wird verhaftet und stirbt in einem Gefängnis in Riga.

Für die gerade 20-jährige, völlig auf sich allein gestellte junge Frau, beginnt die Odyssee von einem Unterschlupf zum nächsten, manchmal kann sie nur eine Nacht bleiben, manchmal ein wenig länger. Menschen allen Alters und aller Schichten nehmen sich ihrer an, viele getragen vom christlichen Glauben. Zu ihrem besonderen Schutzengel wird Emilija, die katholische frühere Haushälterin einer befreundeten Familie, die äußerst erfindungsreich immer neue Wege findet, die Verfolgte unterzubringen und mit Lebensmitteln zu versorgen. Vielen unerschrockenen Helfern begegnet sie. Zuletzt kann sie für längere Zeit bei dem Deutschbalten Paul Schiemann unterkommen, einem Journalisten und Minderheitenpolitiker, der ihr seine Memoiren diktiert. Nach seinem Tod 1944 versteckt sie sich in einer leerstehenden Wohnung, wo sie am 13. Oktober 1944 den Einmarsch der Roten Armee erlebt. Damit beginnt die dritte Besatzung Lettlands innerhalb weniger Jahre, und sie sollte lange währen.

Hier endet der erste Teil der Autobiografie, und ob Valentina Freimane, inzwischen 93 Jahre alt, noch die Kraft für eine Fortsetzung findet, wird sich weisen. Die heute in Riga und wieder in Berlin lebende Wissenschaftlerin und Journalistin hat viele Jahre gebraucht, um sich diesem Teil ihrer Vergangenheit zu stellen, und man muss sehr dankbar sein, dass sie es geschafft hat. Außergewöhnlich detailliert führt sie den Leser zurück in die Geschichte Lettlands der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und vermittelt dem heutigen Europäer als Zeitzeugin mit kluger Sachkenntnis eine persönlich erlebte Historie, die man so nirgendwo nachlesen kann. Gerade weil sie so unsentimental und ohne Ressentiments erzählt, ahnt man das mühevolle Ringen um Erinnerung und die Kraft, die es gekostet haben mag, das Erlebte aus den Tiefen der Seele hervorzuholen.

Valentina Freimane setzt mit ihrem Buch den Menschen ein Denkmal, denen sie ihr Leben verdankt, ihrer Familie und ihrem Mann – und den zahlreichen Personen, die meistens uneigennützig und unter Gefahr für das eigene Leben geholfen haben. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts spannt einen Bogen von äußerster menschlicher Grausamkeit bis zu tiefer Humanität, und eine der letzten Überlebenden gibt Zeugnis davon.

Das Buch ist seit seinem Erscheinen in Lettland 2010 zum Bestseller avanciert, was sicher nicht selbstverständlich ist – der in Deutschland sehr bekannte lettische Regisseur Alvis Hermanis hat mit dem Preisgeld des ihm verliehenen Konrad-Wolff-Preises die Herausgabe in Lettland gefördert. Der lettische Komponist Arturs Maskats hat die beeindruckende Oper „Valentina“ komponiert, die auf der Grundlage des Buches basiert.

Ohne die Kenntnis der Vergangenheit ist die Gegenwart Europas nicht zu verstehen, das ist eine Binsenwahrheit – und doch nicht weniger wahr. Dass das heutige Europa trotz aller Schwierigkeiten und Differenzen überhaupt existiert, grenzt an ein Wunder. Auch das wird bei der Lektüre von „Adieu Atlantis“ deutlich.

Valentina Freimane: Adieu Atlantis. Übersetzung aus dem Lettischen von Matthias Knoll, Wallstein Verlag, Göttingen 2015, 332 Seiten, EUR 22,90