Im Kloster der glücklichen Kühe

Warum ein ganzheitliches Verständnis von Ökologie den Menschen und seine Bedürfnisse nicht ausklammern darf. Von Tobias Klein

Von einem ganzheitlichen Verständnis von Ökologie
In ihrem autobiographischen Buch „Wie ich als Cowgirl die Welt bereiste und ohne Land und Geld zur Bio-Bäuerin wurde“ schildert Anja Hradetzky wie sie auf einer Ranch in Kanada die Grundprinzipien der „Low Stress Stockmanship“ erlernte. Foto: Picasa

Anja Hradetzky betreibt mit ihrem Mann Janusz auf einem Hof im Nationalpark Unteres Odertal, nahe der deutsch-polnischen Grenze, „wesensgemäße Milchviehhaltung“. In ihrem autobiographischen Buch „Wie ich als Cowgirl die Welt bereiste und ohne Land und Geld zur Bio-Bäuerin wurde“ schildert sie unter anderem, wie sie auf einer Ranch in Kanada die Grundprinzipien der „Low Stress Stockmanship“ erlernte – einer Methode der Herdenführung, die das natürliche Verhalten der Rinder berücksichtigt. Über ihre Lehrmeisterin, die Rancherin Kelly, schreibt sie, diese habe auf sie „wie eine Äbtissin in einem Orden“ gewirkt, „der sich einen natürlichen Umgang mit Tieren verordnet hatte. Ihr Ordensgewand war der dunkelblaue Overall. Und statt einer Haube trug sie eine Wollmütze.“

Diese Analogie mag überraschend wirken, stellt in Anja Hradetzkys Buch aber keinen Einzelfall dar. Ein Bio-Bauer, bei dem sie im Rahmen ihres Freiwilligen Ökologischen Jahres ein Seminar besucht, erinnert die Autorin an Franz von Assisi („Hätte er einen Heiligenschein gehabt, hätte das auch gepasst“); wiederholt äußert sie die Sehnsucht nach einem Leben in „klösterlicher“ Abgeschiedenheit und Schlichtheit; ihr erstes Praktikum im Rahmen ihres Ökolandbau-Studiums absolviert sie in einer überkonfessionell-christlichen Kommunität, die Selbstversorger-Landwirtschaft betreibt. Diese wiederholten Bezugnahmen auf christliche Spiritualität und Glaubenspraxis wirken – auch wenn kaum einmal näher darauf eingegangen wird – umso auffälliger, als sie die verbreitete Klischeevorstellung Lügen strafen, die gesamte „Öko-Szene“ sei, sofern sie überhaupt eine spirituelle Ader habe, eher esoterisch, pantheistisch oder neopagan ausgerichtet.

Daran, dass dieses Vorurteil so verbreitet ist, sind Christen zweifellos nicht ganz unschuldig. Zwar sind Ökologiethemen in den christlichen Kirchen und in kirchennahen Verbänden mindestens seit den 1980er Jahren durchaus präsent, aber trotz der Verwendung fromm klingender Schlagworte wie „Bewahrung der Schöpfung“ entsteht vielfach der Eindruck, der kirchliche Umweltaktivismus hänge sich lediglich an Trends aus der säkularen Gesellschaft an, ohne eigenständige Impulse in den Diskurs einzubringen. Dabei sollte man doch eigentlich annehmen, der Glaube an einen Schöpfergott, der dem Menschen die Herrschaft über die Schöpfung, damit aber auch die Verantwortung für sie übertragen hat, müsse erhebliche Auswirkungen auf die Sicht des Verhältnisses zwischen Mensch und Umwelt haben. Zwar hat das Lehramt der katholischen Kirche sich solcher Fragen schon lange vor Papst Franziskus‘ Enzyklika „Laudato si‘“ (2015) angenommen, aber es scheint, dass Lehrschreiben wie „Centesimus annus“ (Hl. Johannes Paul II., 1991) und „Caritas in Veritate“ (Benedikt XVI., 2009) selbst innerhalb kirchlicher Kreise kaum rezipiert werden – und außerhalb dieser erst recht nicht.

Menschen, die ihr Leben aus einer genuin christlichen Motivation heraus der biologischen Landwirtschaft oder anderen Formen des Naturschutzes widmen, mögen eine von der breiteren Öffentlichkeit weitgehend ignorierte Minderheit innerhalb der „Öko-Szene“ sein, aber es gibt sie durchaus. Beispiele dafür stellt etwa Rod Dreher in seinem 2006 erschienenen Buch „Crunchy Cons“ vor. Einer von ihnen ist der evangelikale Farmer Robert Hutchins aus Texas, der erklärt, er betrachte die ökologische Landwirtschaft als einen Weg, „Gottes Schöpfung zu ehren und wiederherzustellen“. Artgerechte Tierhaltung spielt dabei eine wesentliche Rolle: Wenn man „das Vieh aus seinem natürlichen Lebensraum herausnimmt und ihm Futter gibt, das nicht seiner natürlichen Ernährung entspricht“, wirkt sich dies laut Hutchins nicht nur negativ auf die Qualität des Fleisches aus, sondern stellt geradezu ein Sakrileg gegen die Schöpfungsordnung dar: „Wir bilden uns ein, wir wüssten besser als Gott, wie man diese Tiere aufzieht.“ Die Folgen einer solchen Hybris sind dramatisch: In der industriellen Massentierhaltung stehen Rinder „bis an die Knie im Kot, atmen verschmutzte Luft, fressen das billigste Zeug, mit dem man sie füttern kann, man injiziert ihnen Wachstumshormone, damit sie so schnell wie möglich so groß wie möglich werden, und Antibiotika gegen die Krankheiten, die sie von dieser Art der Haltung bekommen“. Ganz ähnlich beschreibt auch Anja Hradetzky die Zustände in den kanadischen „Feedlots“, in denen Rinder zu Zehntausenden zusammengepfercht und mit Soja gemästet werden.

Wenn eine Viehhaltung, die in offenbarem Widerspruch zur natürlichen Lebensweise der Tiere steht, fehlenden Respekt vor der göttlichen Schöpfung verrät, liegt allerdings die Frage nahe, ob das nicht auch für die Lebensweise der Menschen gilt, die das auf diese Weise erzeugte Fleisch essen. Nicht umsonst beginnt Anja Hradetzkys „Cowgirl“-Buch mit einem kritischen Blick in den Kühlschrank ihrer Eltern, dessen Inhalt von billigen, industriell gefertigten und geschmacksarmen Lebensmitteln dominiert wird. Aber es geht letztlich nicht nur um Fragen der Ernährung, sondern in einem viel breiteren Sinne um die Frage, ob die Lebensbedingungen des Menschen in der hochtechnisierten, urbanisierten modernen Welt eigentlich seiner Natur entsprechen. „Die Verhaltensmuster, nach denen der Mensch die Umwelt behandelt, beeinflussen die Verhaltensmuster, nach denen er sich selbst behandelt“, schrieb Papst Benedikt XVI. in „Caritas in Veritate“ und drückte damit einen Gedanken aus, der implizit auch Anja Hradetzkys Autobiographie prägt: Über weite Strecken des Buches hadert sie mit ihrer eigenen inneren Unruhe, ihrer Sprunghaftigkeit, ihrer Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen. Vor diesem Hintergrund wird ihr Werdegang „vom Aldi-Kind zur Öko-Landwirtin“, wie es in einer Rezension in der „Süddeutschen Zeitung“ hieß, auch als ein Prozess der Selbstfindung beschrieben, und es erscheint durchaus folgerichtig, dass Rancherin Kelly – die Äbtissin im Overall, die Anja gelehrt hat, die Natur der Kühe zu verstehen und zu respektieren – ihr am Ende auch Ratschläge für ihre Ehe gibt.

Dass das Verhältnis des Menschen zur Umwelt mit seinem Verhältnis zu seiner eigenen Natur korreliert – wobei der Begriff der „Natur des Menschen“ nicht in einem biologistisch reduzierten Sinne verstanden werden darf, sondern die geistig-seelische Dimension des Menschseins miteinbeziehen muss –, ist ein zentraler Aspekt des vom Hl. Johannes Paul II. in „Centesimus annus“ entworfenen, von Benedikt XVI. in „Caritas in Veritate“ und von Franziskus in „Laudato si‘“ weitergeführten Konzepts einer genuin christlichen „Humanökologie“: „Nicht allein die Erde ist von Gott dem Menschen gegeben worden“, sondern auch „der Mensch ist sich selbst von Gott geschenkt worden“ (CA 38). Das in „Centesimus annus“ als Ursache von Umweltzerstörung wie auch von Verstößen gegen die Menschenwürde hervorgehobene Phänomen des „Konsumismus“, verstanden als ein „Lebensstil, der [...] auf das Haben und nicht auf das Sein ausgerichtet ist“ (CA 36), wurzelt nach der Überzeugung des Hl. Johannes Paul II. letztlich in der Ursünde des Menschen, nicht „seine Aufgabe als Mitarbeiter Gottes am Schöpfungswerk“ übernehmen zu wollen, sondern sich stattdessen selbst „an die Stelle Gottes“ zu setzen (CA 37).

Diese Diagnose unterscheidet sich gravierend von technokratischen Ansätzen zur Lösung von Umweltproblemen, die sich etwa darauf konzentrieren, die Erderwärmung durch die Reduktion des Ausstoßes bestimmter Gase aufzuhalten, ohne dabei größere ökologische Zusammenhänge zu berücksichtigen. Ironischerweise wurzeln solche vermeintlichen Lösungsansätze letztlich in derselben Geisteshaltung, die überhaupt erst zu einer großflächigen Umweltzerstörung durch den Menschen geführt hat – nämlich, wie Benedikt XVI. es formulierte, im Verkennen des Umstandes, dass „das natürliche Umfeld nicht nur Materie ist, über die wir nach unserem Belieben verfügen können, sondern wunderbares Werk des Schöpfers“ (CiV 48).

Während die Päpste die Verantwortung des Menschen für die Schöpfung nicht zuletzt als eine Verpflichtung auffassen, die Erde künftigen Generationen „in einem Zustand zu übergeben“, dass „auch sie würdig auf ihr leben und sie weiter kultivieren können“ (CiV 50), ist im säkularen Umweltschutzdiskurs durchaus Raum für Auffassungen, die die Spezies Mensch als einen Schädling im Ökosystem der Erde betrachten und es im Interesse des Klimaschutzes für ratsam erklären, keine Kinder zu bekommen. Die Mahnung Benedikts XVI., das „Buch der Natur“ sei „eines und unteilbar sowohl bezüglich der Umwelt wie des Lebens und der Bereiche Sexualität, Ehe, Familie, soziale Beziehungen, kurz der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen“ (CiV 51), macht augenfällig, dass die Lehre der Päpste zur „Humanökologie“ – eine Lehre, die sowohl an die Entfaltung der katholischen Soziallehre seit Leo XIII. („Rerum novarum“, 1891) anknüpft als auch Querverbindungen zur „Theologie des Leibes“ aufweist – Anliegen in sich vereinigt, die man im gegenwärtigen politisch-weltanschaulichen Diskurs geradezu in einander entgegengesetzten „Lagern“ zu verorten gewohnt wäre. Man sei „noch weit davon entfernt“, dem Zusammenhang zwischen der „Zerstörung der natürlichen Umwelt“ und jener der „menschlichen Umwelt“ „die notwendige Beachtung zu schenken“, schrieb der Hl. Johannes Paul II. im Jahr 1991 (CA 38). Diese Feststellung gilt bis heute.