Ikonenmaler in Zeiten sowjetischer Herrschaft

Malereien mit Lack, Eitempera und Muschelgold: In Berlin die Ausstellung des Bröhan-Museums „Mythos Lack. Die Schule von Palech. 1923 – 1950“. Von Ingo Langner

Ein Ritter will Symbole der Sowjetunion angreifen, auf denen eine Lenin-Statue trohnt, doch dazwischen toben unruhige Fluten. Lackminiatur auf einem Kästchen. Foto: Museum
Ein Ritter will Symbole der Sowjetunion angreifen, auf denen eine Lenin-Statue trohnt, doch dazwischen toben unruhige Fl... Foto: Museum

Während Karl Marx in der Religion noch den „Seufzer der bedrängten Kreatur sah, das Gemüt einer herzlosen Welt“ und in der „Aufhebung“ der Religion eine wesentliche Voraussetzung für ein kommunistisches Paradies auf Erden, war Religion für Lenin „das Opium für das Volk“ geworden und mithin jene vermaledeite Droge, die es aus den Händen der Ausbeuterklasse erhielt, um es, perfide getarnt als „Eintrittskarten zur himmlischen Seligkeit“, im Zustand der ewigen Knechtsseligkeit zu erhalten.

Weil hiermit die Haltung der Marxisten-Leninisten ein für allemal definitiv geklärt worden war, musste sich niemand wundern, dass die im Oktoberputsch 1917 siegreichen Sowjetkommunisten das radikal verfochtene Ziel hatten, nicht nur die russisch-orthodoxe Kirche final zu vernichten, sondern sämtliche „Handlanger“ ihres verderblichen „Auferstehungsaberglaubens“ gleich mit.

Was aber machen in solch einem schlimmen Fall Ikonenmaler, denen ab sofort verboten wird, ihr seit Generationen tradiertes religiöses Handwerk auszuüben? Das Wort „Handwerk“ ist in diesem Kontext deswegen die richtige Vokabel, weil die Ikonenmalerei seit ihren Anfängen in den Kirchen des Ostens als „Hagiographia“, also als „Heiligenschreiberei“ und nicht als Kunst angesehen wird – wie westliche Augen voller Bewunderung für diese christlichen Darstellungen häufig, aber fälschlicherweise annehmen. Die Ikonenmaler aus dem kleinen zentralrussischen Palech, wo mit beachtlichem wirtschaftlichen Erfolg von den Männern des Dorfes seit dem frühen 18. Jahrhundert Ikonen gemalt worden waren, haben auf die für sie über Leben und Tod entscheidende Fragen „Was tun und womit beginnen?“ die gleichermaßen erstaunliche wie schöpferische Antwort „Lackminiaturen“ gefunden. Womit im Palecher Fall wundersam filigrane Malereien gemeint sind, die, in aller Regel mit Lack, Eitempera und Muschelgold ausgeführt, auf speziell hergestelltes Papiermaché appliziert werden und meist in Form von Kästchen, Schächtelchen oder Dosen zum Verkauf angeboten worden sind.

Weil die kommunistischen Kommissare keine Christus-, Marien-, Apostel- und Heiligendarstellungen mehr dulden wollten, schlossen sich die Palecher, nicht ohne hasserfüllte Feindseligkeit gepaart mit enormen bürokratischen Schwierigkeiten überwinden zu müssen, zu einer veritablen Schule zusammen und wichen motivisch zunächst auf allerlei volkstümliche Genrebilder aus, die vornehmlich aus dem bäuerlichen Leben inspiriert worden waren. In einer zweiten Phase erweiterten sie listig ihr Repertoire, das für den ersten, flüchtigen Augenschein den Siegeszug der Sowjetunion zu verherrlichen vorgab. Jedoch bei genauerem Hinschauen, gewissermaßen in säkularer Verkleidung, bewahrten sie immer noch die hohen artistischen Fähigkeiten, die früher ihre Ikonen zum Ruhme des Dreifaltigen Gottes in anmutig gültiger Schönheit zum Ausdruck gebracht hatten.

Und als sie mit ihren neuartigen Lackminiaturen in Westeuropa reüssierten – besonders erfolgreich 1925 auf der Pariser „Weltausstellung für Kunstgewerbe und Industriedesign“ – und durch guten Verkauf ihrer Produkte ins „kapitalistische Ausland“ sehr bald zum naturgemäß auch bei roten Funktionären begehrten Devisenbringer avancierten, hatte sich die Schule von Palech im Sowjetreich durchgesetzt. Was zum Glück für die Maler und deren Familien ein Auskommen und Überleben auch unter Hammer und Sichel mit sich brachte.

Unter dem Titel „Mythos Lack. Die Schule von Palech 1923 – 1950. Lackminiaturen der Ikonenmaler“ sind, zusammen mit einer Sammlung kostbarer Ikonen verschiedenster Provenienz, noch bis zum 8. Mai die einzigartigen und auch heute noch beeindruckenden Palecher Werkstücke in einer subtil präsentierten Sonderausstellung im Berliner Bröhan-Museum zu sehen. Überdies ist ein von Monika Kopplin herausgegebener und im Hirmer Verlag publizierter fast dreihundert Seiten starker und reich illustrierter Katalog erschienen, der in kenntnisreichen Aufsätzen sachkundig über die Palecher Ikonmalerei, die Gründung der Palecher Schule, deren Stil und Technik und deren Durchsetzung im Sowjetsystem informiert. Das Charlottenburger Bröhan-Museum gilt als eines der führenden Spezialmuseen für Jugendstil, Art Deco und die Berliner Secession. Wer sich für diese Kunstrichtungen interessiert, wird auch über den „Mythos Lack“ hinaus auf seine Kosten kommen.

Mythos Lack. Die Schule von Palech 1923–1950. Lackminiaturen der Ikonenmaler Sonderausstellung, bis 1. Mai 2011. Bröhan-Museum, Landesmuseum für Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus, Schloßstraße 1a, 14059 Berlin, am Schloss Charlottenburg.