„Ich hatte die ganze Welt vor Augen“

Während des Fluges nach Spanien sprach Benedikt XVI. vor Journalisten über die Bedeutung des Pilgerns, die Notwendigkeit der Neuevangelisierung angesichts eines aggressiven Säkularismus und die Beziehung von Glaube und Kunst

Das Gespräch mit Journalisten im Papstflieger gehört mittlerweile zum festen Bestandteil von Auslandsreisen des Heiligen Vaters. Foto: dpa
Das Gespräch mit Journalisten im Papstflieger gehört mittlerweile zum festen Bestandteil von Auslandsreisen des Heiligen... Foto: dpa

Pater Lombardi: Heiliger Vater, willkommen zur gewohnten Begegnung mit den Journalisten am Anfang dieser schönen Reise. Es ist eine kurze Reise, doch eine Reise, die großes Interesse hervorruft. Nach den Informationen der vergangenen Tage kann ich sagen, dass in Spanien mehr als dreitausend Journalisten von mehr als dreihundert verschiedenen Medien akkreditiert sind, um den Besuch in Santiago und Barcelona zu verfolgen. Das Interesse ist also wirklich sehr groß. Hier auf diesem Flug mit Ihnen haben wir 61 Journalisten, 61 Kollegen, wobei Spanien natürlich besonders stark vertreten ist: acht spanische Kollegen, die in Rom akkreditiert sind und mit Ihnen reisen, sowie acht spanische Kollegen, die eigens aus Spanien gekommen sind, um die ganze Reise, einschließlich des Fluges, gemeinsam mit Ihnen zu unternehmen. Ich möchte auf die Fernsehsender von Galicien und Katalonien hinweisen, die mit ihrer Arbeit die vollständige Berichterstattung über die Ereignisse dieser Reise garantieren, wofür wir sehr dankbar sind. Wie üblich werde ich Ihnen also einige Fragen stellen, die in diesen Tagen von den Kollegen formuliert worden sind, und die wir dann nach dem Kriterium des allgemeinen Interesses ausgewählt haben, um die Bedeutung dieser Reise zu erläutern. Wir beginnen natürlich mit Santiago:

Heiliger Vater, in Ihrer Botschaft zum jüngsten Kongress der Wallfahrtsseelsorge und der Seelsorge an Wallfahrtsorten, der in Santiago de Compostela stattgefunden hat, haben Sie gesagt, Ihr Pontifikat mit der „Einstellung eines Pilgers“ zu erfüllen. Auch in Ihrem Wappen befindet sich die Pilgermuschel. Würden Sie uns etwas über die Aspekte des Pilgerns sagen, auch in Ihrem persönlichen Leben und in Ihrer Spiritualität, sowie über die Gefühle, mit denen Sie als Pilger nach Santiago kommen?

Papst Benedikt XVI.: Guten Tag! Ich könnte sagen, dass das Unterwegssein schon in meinem Lebenslauf zu finden ist – Marktl, Tittmoning, Aschau, Traunstein, München, Freising, Bonn, Münster, Tübingen, Regensburg, München, Rom –, aber das ist vielleicht etwas Äußerliches. Jedenfalls hat es mich an die Unbeständigkeit dieses Lebens denken lassen, das Unterwegssein.... Natürlich könnte jemand gegen das Pilgern einwenden: Gott ist überall, man muss nicht an einen anderen Ort gehen. Doch es ist auch richtig, dass der Glaube von seinem Wesen her „Pilger sein“ bedeutet.

Der Brief an die Hebräer zeigt an der Gestalt des Abraham, der sein Land verlässt und sein ganzes Leben lang ein Pilger auf die Zukunft hin bleibt, was Glaube ist; und diese abrahamische Bewegung bleibt im Akt des Glaubens; das bedeutet vor allem, innerlich ein Pilger zu sein, was aber auch äußerlich zum Ausdruck kommen muss. Man muss manchmal aus dem Alltag, der Welt des Nützlichen, des Utilitarismus heraustreten, nur heraustreten, um wirklich unterwegs zur Transzendenz zu sein; sich selbst übersteigen, den Alltag übersteigen und so auch eine neue Freiheit finden, eine Zeit des inneren Nachdenkens, der Selbstidentifizierung, des Blicks auf den Anderen, auf Gott, und so ist auch das Pilgern stets nicht nur ein „Aus-sich-selbst-hinausgehen“ auf etwas Größeres hin, sondern auch ein „Gehen-in-der-Gemeinschaft“. Das Pilgern vereint: Wir gehen gemeinsam zum Anderen und so finden wir uns gegenseitig. Man braucht nur darauf hinweisen, dass die Wege des heiligen Jakob ein Element in der Herausbildung der geistlichen Einheit des europäischen Kontinents darstellen. Hier hat man sich, hat man die gemeinsame europäische Identität pilgernd gefunden, und auch heute lebt diese Bewegung wieder auf, dieses Bedürfnis, spirituell und körperlich in Bewegung zu sein, sich gegenseitig zu finden und so Ruhe, Freiheit, Erneuerung zu finden – und Gott zu finden.

Pater Lombardi: Danke, Heiliger Vater. Und jetzt wenden wir den Blick nach Barcelona. Welche Bedeutung kann die Weihe eines Gotteshauses wie der „Sagrada Família“ zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts haben? Und gibt es einen speziellen Aspekt in der Sichtweise Gaudís, der Sie besonders beeindruckt hat?

Papst Benedikt XVI.: Tatsächlich ist diese Kathedrale auch ein Zeichen gerade für unsere Zeit. In der Sichtweise Gaudís finde ich vor allem drei Elemente. Erstens diese Synthese von Kontinuität und Neuheit, von Tradition und Kreativität. Gaudí hat den Mut gehabt, sich in die große Tradition der Kathedralen einzureihen; es von neuem, in seinem Jahrhundert – mit einer vollkommen neuen Sichtweise –, zu versuchen: die Kathedrale als Ort der Begegnung zwischen Gott und dem Menschen, in einer Atmosphäre großer Feierlichkeit; und dieser Mut, der Tradition verhaftet zu bleiben, aber mit einer neuen Kreativität, die die Tradition erneuert und so die Einheit der Geschichte und den Fortschritt der Geschichte zeigt, ist etwas Schönes.

Zweitens wollte Gaudi diese Dreiheit: das Buch der Natur, das Buch der Schrift, das Buch der Liturgie. Und diese Verbindung ist gerade heute von großer Bedeutung. In der Liturgie wird die Schrift gegenwärtig, wird sie heute Realität: es ist nicht mehr eine Schrift, die zweitausend Jahre alt ist, sondern sie wird zelebriert, realisiert. Und in der Zelebration der Schrift spricht die Schöpfung, spricht das Geschaffene und findet seine wahre Antwort, denn, wie der heilige Paulus sagt, das Geschöpf leidet und statt zerstört, verachtet zu werden, erwartet es die Kinder Gottes, also diejenigen, die es im Licht Gottes sehen. Und so denke ich, ist diese Verbindung – Sinn des Geschaffenen, Schrift und Anbetung – für die heutige Zeit wirklich eine sehr wichtige Botschaft.

Und schließlich – drittens – ist diese Kathedrale aus der typischen Frömmigkeit des neunzehnten Jahrhunderts hervorgegangen: der heilige Josef, die heilige Familie von Nazareth, das Geheimnis von Nazareth. Doch gerade diese Frömmigkeit von gestern, so könnte man sagen, ist von größter Aktualität, weil das Problem der Familie, der Erneuerung der Familie als fundamentale Zelle der Gesellschaft, auch das Problem der heutigen Zeit ist und uns zeigt, wohin wir gehen können, sowohl, was den Aufbau der Gesellschaft, als auch die Einheit von Glauben und Leben, von Religion und Gesellschaft betrifft. Die Familie ist das fundamentale Thema, das hier zum Ausdruck kommt, indem gesagt wird, dass Gott selbst Kind in einer Familie geworden ist und uns aufruft, die Familie aufzubauen und zu leben.

Pater Lombardi: Gaudí und die „Sagrada Família“ stellen besonders deutlich die Beziehung von Glaube und Kunst dar. Wie kann der Glaube heute wieder seinen Platz in der Welt der Kunst und der Kultur finden? Ist das eines der wichtigen Themen Ihres Pontifikats?

Papst Benedikt XVI.: Ja. Wie Ihr wisst, lege ich großen Wert auf das Verhältnis von Glaube und Vernunft, darauf, dass der Glaube – und der christliche Glaube – seine Identität nur in der Öffnung auf die Vernunft hin findet, und dass die Vernunft sie selbst wird, wenn sie sich auf den Glauben hin übersteigt. Doch gleichermaßen wichtig ist die Beziehung von Glaube und Kunst, weil die Wahrheit, der Zweck, das Ziel der Vernunft, in der Schönheit zum Ausdruck kommt und in der Schönheit sie selbst wird, sich als Wahrheit erweist. Wo es also Wahrheit gibt, muss Schönheit entstehen, wo der Mensch sich auf richtige, auf gute Weise verwirklicht, drückt er sich durch Schönheit aus. Die Beziehung zwischen Wahrheit und Schönheit ist untrennbar, und daher bedürfen wir der Schönheit. Von Anfang an – auch in der großen Einfachheit und Armut zur Zeit der Verfolgungen – waren die Kunst, die Malerei, das Ausdrücken der göttlichen Erlösung in den Bildern der Welt, der Gesang und dann auch die Architektur konstitutiv für die Kirche und sie werden es immer bleiben. So war die Kirche über Jahrhunderte hinweg Mutter der Künste: Der große Reichtum der abendländischen Kunst – sei es die Musik, sei es die Architektur, sei es die Malerei – ist aus dem Glauben innerhalb der Kirche entstanden. Heute besteht ein gewisser „Dissens“, aber das schadet sowohl der Kunst als auch dem Glauben: Eine Kunst, die die Wurzel der Transzendenz verlieren würde, ginge nicht mehr auf Gott zu, sie wäre eine reduzierte Kunst, sie würde ihre lebendige Wurzel verlieren; und ein Glaube, dessen Kunst nur in der Vergangenheit zu finden wäre, wäre kein Glaube in der Gegenwart mehr; und heute muss er wieder als Wahrheit zum Ausdruck kommen, die immer gegenwärtig ist. Daher sind der Dialog oder die Begegnung, ich würde sagen das Zusammengehen von Kunst und Glauben in das tiefste Wesen des Glaubens eingeschrieben; wir müssen alles tun, damit der Glaube auch heute in echter Kunst zum Ausdruck kommt – wie bei Gaudí –, in der Kontinuität und in der Neuheit, und dass die Kunst ihren Kontakt zum Glauben nicht verliert.

Pater Lombardi: In diesen Monaten hat das neue Dikasterium für die „Neuevangelisierung“ seine Arbeit aufgenommen. Und viele haben sich gefragt, ob gerade Spanien, mit den Entwicklungen der Säkularisierung und der raschen Abnahme der religiösen Praxis, eines der Länder ist, das Sie als Ziel dieses neuen Dikasteriums vor Augen hatten oder nicht sogar das Hauptziel darstellt. Das ist unsere Frage.

Papst Benedikt XVI.: Bei diesem Dikasterium hatte ich die ganze Welt vor Augen, denn die Neuheit des Denkens, die Schwierigkeit, in den Begriffen der Schrift, der Theologie zu denken, ist universal, doch es gibt natürlich ein Zentrum, und das ist die westliche Welt mit ihrem Säkularismus, mit ihrer Weltlichkeit, und die Kontinuität des Glaubens, der versuchen muss, sich zu erneuern, um heute Glaube zu sein und auf die Herausforderung des Laizismus zu antworten. Alle großen westlichen Länder haben ihre eigene Art, diesem Problem zu begegnen: Wir hatten zum Beispiel die Reisen nach Frankreich, in die Tschechische Republik und in das Vereinigte Königreich, wo überall auf besondere Weise für jede Nation und für jede Geschichte dasselbe Problem besteht, und das gilt auch auf starke Weise für Spanien. Spanien war von jeher ein „Ursprungsland“ des Glaubens; denken wir nur daran, dass das Wiederaufblühen des katholischen Glaubens in der Neuzeit vor allem dank Spaniens erfolgt; Gestalten wie der heilige Ignatius von Loyola, die heilige Teresa von Avila und der heilige Johannes von Avila haben den Katholizismus wirklich erneuert und das Aussehen des modernen Katholizismus geprägt. Doch es ist ebenso wahr, dass in Spanien auch ein Laizismus, ein Antiklerikalismus, ein starker und aggressiver Säkularismus entstanden ist, wie wir ihn gerade in den dreißiger Jahren gesehen haben, und dieser Disput oder mehr noch diese Auseinandersetzung zwischen Glauben und Moderne, die beide sehr lebendig sind, findet auch heute wieder in Spanien statt: Die Zukunft des Glaubens und der Begegnung – nicht der Auseinandersetzung, sondern der Begegnung – zwischen Glauben und Laizismus hat daher gerade auch in der spanischen Kultur einen Schwerpunkt. In diesem Sinne habe ich an alle großen Länder des Abendlands, aber vor allem auch an Spanien gedacht.

Pater Lombardi: Mit der Reise nach Madrid zum Weltjugendtag im kommenden Jahr werden Sie drei Reisen nach Spanien unternommen haben, mehr als in jedes andere Land. Wie kommt es zu dieser Bevorzugung? Ist das ein Zeichen der Zuneigung oder besonderer Besorgnis?

Papst Benedikt XVI.: Natürlich ist es ein Zeichen der Zuneigung. Man könnte sagen, es ist ein Zufall, dass ich dreimal nach Spanien komme. Das erste Mal zum großen internationalen Familientreffen nach Valencia: Wie könnte der Papst da fehlen, wenn die Familien der Welt zusammenkommen? Im nächsten Jahr der Weltjugendtag, die Begegnung der Jugend aus aller Welt in Madrid: Bei diesem Anlass darf der Papst nicht fehlen. Und schließlich haben wir das heilige Jahr des heiligen Jakobus, haben wir – nach mehr als hundert Jahren Arbeit – die Weihe der Kathedrale der „Sagrada Família“ in Barcelona. Wie könnte der Papst dort nicht hinfahren? Diese Anlässe stellen per se praktisch eine Notwendigkeit dar, dorthin zu reisen, doch die Tatsache, dass sich gerade in Spanien so viele Anlässe häufen, zeigt auch, dass es wirklich ein Land voller Dynamik, voller Glaubenskraft ist, und dass der Glaube auf die Herausforderungen reagiert, die auch in Spanien präsent sind; sagen wir daher: der Zufall hat zwar dafür gesorgt, dass ich dorthin komme, aber dieser Zufall zeigt eine tiefere Wirklichkeit auf, die Kraft des Glaubens und die Kraft der Herausforderung für den Glauben.

Pater Lombardi: Danke, Heiliger Vater. Wenn Sie nun noch etwas zum Abschluss unserer Begegnung sagen wollen? Gibt es eine besondere Botschaft, die Sie Spanien und der Welt von heute mit dieser Reise zu vermitteln hoffen?

Papst Benedikt XVI.: Ich würde sagen, dass diese Reise zwei Themen hat: das Thema des Pilgerns, des Unterwegsseins, und das Thema der Schönheit, des Ausdrucks der Wahrheit in der Schönheit, der Kontinuität von Tradition und Erneuerung. Ich denke, dass diese beiden Themen der Reise auch eine Botschaft darstellen: unterwegs bleiben, nicht vom Weg des Glaubens abkommen, die Schönheit des Glaubens suchen, die Neuheit und die Tradition des Glaubens, der in der modernen Schönheit, in der Welt von heute zum Ausdruck zu kommen und ihnen zu begegnen weiß. Danke.

Pater Lombardi: Danke, Heiliger Vater, dass Sie diese Zeit mit uns verbracht und uns diese schönen Antworten gegeben haben. Ich glaube, dass diese Reise vor allem aufgrund der Themen, die sie anspricht, aufgrund dessen, was wir gemeinsam erleben werden, eine schöne Reise wird, und ich glaube, dass wir alle, die wir hier anwesend sind, als Kommunikatoren versuchen werden, sie zu begleiten und auf bestmögliche Weise zusammenzuarbeiten, damit Sie Ihre Botschaft der Freude und der Hoffnung übermitteln können. Danke, Heiliger Vater!

© Copyright 2010 – Libreria Editrice Vaticana. Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller