„Humanismus ohne Gott“ ist ein Irrweg

Die Anthropologie Edith Steins weist den Weg, die drohenden Grenzüberschreitungen des Menschen in den Griff zu bekommen. Von Manuel Schlögl

Edith Stein auf einem Fenster der Kirche Mariä Heimsuchung in Wadgassen
Edith Stein auf einem Fenster der Kirche Mariä Heimsuchung in Wadgassen im Landkreis Saarlouis. Foto: Pfarrgemeinde Wadgassen

Schon der Philosoph Friedrich Nietzsche hat vorhergesagt, dass der Abschied vom christlichen Gottesbild unweigerlich auch den Abschied vom christlichen Menschenbild nach sich ziehen würde. Der israelische Wissenschaftshistoriker Yuval Noah Harari hat gerade mit dem Sachbuch „Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen“ (2017) eine Art Kommentar zu Nietzsches Prophezeiung vorgelegt und festgestellt: wenn der Mensch sein Streben nach Glück, Gesundheit und Macht nicht in den Griff bekommt und sich technisch und biologisch so weiterentwickelt wie bisher, dann könnte er bald alle bisher gültigen Grenzen überschreiten und sich selbst und die Welt in größte Gefahr bringen.

Ein ganz ähnliches Schlaglicht wirft Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz im vorliegenden Band auf unsere Zeit. In vielen aktuellen Debatten rund um Erziehung und Bildung, Wissenschaft und Forschung sieht sie das Selbstverständnis des Menschen auf dem Prüfstand, wie es in der abendländisch-christlichen Tradition herangewachsen ist, und fragt zurecht: „Braucht die Zukunft noch den bisherigen Menschen?“ Oder sollte alles, was den Menschen determiniert, Geschlecht, Familie, Kultur, Sprache, in seine eigene, immer wieder neu programmierbare Verfügung gestellt werden?

Um diese epochale Herausforderung zu bestehen, bedarf es einer Anthropologie, die sowohl argumentativ der säkularen Vernunft begegnen kann als auch anschlussfähig ist an die geoffenbarte Sicht des Menschen in jüdisch-christlicher Tradition.

Beide Ansprüche löst jenes Menschenbild ein, das die jüdische Philosophin und Karmelitin Edith Stein (1891–1942) erarbeitet hat und dessen Rezeption und Weiterführung sich eine internationale Konferenz in Wien und Heiligenkreuz im Herbst 2015 widmete, dessen Akten nun vorliegen. Die 27 Beiträge sind von unterschiedlicher Ausrichtung, Länge und Qualität, zeigen aber allein schon durch die Vielfalt ihrer Zugänge und Themen den Facettenreichtum von Steins Denken an.

Edith Steins Denken speist sich aus verschiedenen Quellen. Sie hat Platon und Aristoteles studiert und Thomas von Aquin übersetzt. Ihr wichtigster Lehrer wurde Edmund Husserl, seine phänomenologische Methode prägt ihren Zugang zur Welt und zum Menschen wesentlich. Deutlich wird aber auch, wie sehr die Trinitätslehre von Augustinus auf Stein eingewirkt hat. So zeichnet der brasilianische Philosoph Juvenal Savian-Filho in seiner Studie über die „Dreifaltigkeit als Archetyp des menschlichen Seins“ die trinitarische Struktur von Steins Anthropologie nach. Der Mensch als Person ist dreifaltiges Sein: er ist Leib, Seele und Geist. Diese drei Dimensionen existieren nicht neben- oder getrennt voneinander, sondern verweisen aufeinander, ergänzen sich und bilden so im Menschen eine dynamische Einheit. Die großen Fragen der Metaphysik werden nach Stein im Dasein des Menschen ansichtig und beschreibbar. Nicht von ungefähr heißt ihr philosophisches Hauptwerk „Endliches und Ewiges Sein“. Der nordamerikanische Benediktiner Thomas Gricoski charakterisiert treffend die Steins Menschenbild zugrunde liegende Metaphysik als einen „Neo-Essentialismus“, der anders als die Tradition die im Wesen des Menschen liegenden Entwicklungsmöglichkeiten thematisiert und so der Individualität und Freiheit des Menschen den angemessenen Raum zugesteht.

Stein setzt ihre trinitarische Anthropologie nicht einfach als gegeben voraus, sondern entwickelt sie ganz modern in der sorgfältigen Beschreibung und Durchdringung des einzelnen Daseins, sie holt gewissermaßen den Menschen dort ab, wo er steht: in den Fragen seiner Lebensgestaltung und seines Selbstseins. Ohne aufzuheben, was dem Menschen von seiner Natur her vorgegeben ist, betont Stein stets, wie notwendig Reifung, Wandlung und Selbstentfaltung für ihn sind. Ihr gelingt damit nichts weniger als die Überwindung des neuzeitlichen Dualismus, der das Menschenbild seit Descartes prägt und letztlich Voraussetzung für den plumpen Naturalismus und Materialismus ist, auf den uns derzeit das „aufgeklärte“ Denken verpflichten will.

Mehrere Beiträge versuchen, Edith Steins Einsichten für die Gender-Debatte fruchtbar zu machen. Als Phänomenologin hat sie einen genauen Blick für die leibliche Konstitution des Menschen und so auch die Geschlechterdifferenz. Während die Befürworter der Gender-Theorie die Bedeutsamkeit des biologischen Geschlechts, der natürlichen Fortpflanzung und der Familie negieren, sieht Stein das Mann- oder Frau-Sein des Menschen als grundlegend für seine Personalität. Der Mensch kann nur der werden, der er ist, wenn er seine Leiblichkeit annimmt und verwirklicht, indem er sich nicht auf das eigene oder ein weiteres, fiktives „drittes“ Geschlecht bezieht, sondern auf das andere Geschlecht als Voraussetzung der eigenen Entwicklung und Ganzwerdung. Nur wenn die Differenz gewahrt bleibt, können Mann und Frau sich einander in Freiheit schenken und so vervollkommnen. Dies bedeutet wiederum nicht, dass die Frau auf Gleichberechtigung verzichten müsste. Im Gegenteil: Edith Stein hat in ihrer eigenen Biografie (als Frau im von Männern dominierten Universitätsbetrieb) und in ihren Vorträgen über die Frau im Beruf, über Ehe und Jungfräulichkeit in den 1920er und 30er Jahren ein durchaus selbstbewusstes Bild der Frau vertreten, die dem Mann gegenüber ihre Eigenheit entdecken und in Familie oder Beruf verwirklichen soll. Gleichberechtigung bedeutet für sie freilich nicht die Neutralisierung, vielmehr die Profilierung der Geschlechterdifferenz: was die Frau im Beruf zu geben hat, kann sie eben nur zur Verfügung stellen, wenn sie es als Frau tut, in den Möglichkeiten und Grenzen ihrer leib-seelischen Konstitution.

Eine Schlüsselstellung nimmt der Beitrag des Schweizer Karmeliten Christof Betschart über den Einfluss Teresa von Avilas auf Steins Anthropologie ein. Er kann zeigen, wie sich Steins philosophisches Denken konsequent den mystischen Einsichten in Teresas „Seelenburg“ annähert. Ihre phänomenologische Durchdringung des Wesens „Mensch“ führt sie immer näher an jenen Punkt heran, an dem sie erkennt, dass die Tiefe des menschlichen Ich nicht in sich selbst gründet, nicht Ergebnis seiner transzendentalen Konstitution ist, sondern offen steht auf eine ihn tragende und gründende Wirklichkeit, die unabhängig von ihm existiert – für den Gott, der „mir innerlicher ist als ich mir selber bin“ (Augustinus). Diese „mystische Pointe“ ihrer Anthropologie zeigt eindrucksvoll, wie ein kritisches, aber vorurteilsloses Denken zum Glauben vorstoßen kann, wie Vernunft den Glauben braucht, um sich selbst zu verstehen. Vieles, was einzelne Beiträge des Bandes entwickeln, Steins Freiheitsbegriff, ihre Psychologie und Ethik, fußen auf dieser grundlegenden Entscheidung für den Glauben, die man nicht nachvollziehen, aber respektieren muss.

Weitere Aufsätze beleuchten die Sicht der Philosophin auf das Judentum und bringen sie ins Gespräch mit Peter Wust und Martin Heidegger. Abschließend zieht die Moraltheologin Claudia Mariéle Wulf eine Bilanz der bisherigen Stein-Forschung und benennt als offene Forschungsfelder unter anderem die Eigenart von Steins Phänomenologie im Vergleich zur zeitgenössischen Philosophie, ihre Wissenschaftstheorie und die Aufnahme ihrer Einsichten in der Theologie.

Insgesamt bietet der Band also ein denkbar breites Panorama und führt auch den Nicht-Fachmann in wichtige Bereiche von Steins Denken ein. Gelegentlich mag man sich fragen, warum einzelne Aspekte wie die Gender-Debatte in mehreren Beiträgen behandelt werden, andere wie etwa Steins Verhältnis zur mittelalterlichen Philosophie, zur Exegese (wichtig beim Thema Gottebenbildlichkeit) oder zur theologischen Anthropologie hingegen nur am Rande. Auch dass der Beitrag von René Raschke über Selbstverwirklichung und Erziehung, der bereits in deutscher Sprache vorliegt, in seiner englischen Übersetzung aufgenommen wurde, leuchtet nicht ganz ein.

Den Gesamteindruck aber schmälern diese Einwände nicht: wer wissen will, mit welchen Argumenten man als Christ dem „Humanismus ohne Gott“, der großen Ersatz-Religion der westlichen Welt, begegnen kann, wie man den Menschen davor bewahrt, als sein eigenes Experiment zu enden, wer überhaupt die Größe und Tiefe des eigenen Menschseins neu bedenken will, wird in diesem Band reichlich Nahrung finden.

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz/Mette Lebech (Hg.): Edith Steins Herausforderung heutiger Anthropologie.
Akten der Internationalen Konferenz 23.–25. Oktober 2015 in Wien und Heiligenkreuz (Band 3 der Schriftenreihe des EUPHRat),
Be&Be-Verlag Heiligenkreuz 2017, 488 Seiten, EUR 24,90