Hoheitsvoller Überliterat mit menschlichen Schwächen

Mit den „Buddenbrooks“ kam der Durchbruch, in den Tagebüchern enthüllte er sich: Vor 60 Jahren starb Thomas Mann in Zürich. Von Burkhardt Gorissen

Vielschichtig: Thomas Mann. Foto: dpa
Vielschichtig: Thomas Mann. Foto: dpa

Thomas Mann, zweiter Sohn des Kaufmanns und Lübecker Senators Thomas Johann Heinrich Mann, wurde am 11. Juni 1875 in der Marienkirche zu Lübeck getauft. Seine Mutter Julia (geborene da Silva-Bruhns) war mütterlicherseits brasilianischer Herkunft. Schon als Lübecker Schüler hatte Klein-Thomas in Reimen geträumt „von einer schmalen Lorbeerkrone“ für „dies und jenes, das ich gut gemacht“. Seinem Bruder Heinrich gestand der angehende Schriftsteller: „Bisweilen kehrt sich mir vor Ehrgeiz der Magen um.“

In seinem 1901 erschienenen Roman „Buddenbrooks“ mit dem Untertitel „Verfall einer Familie“ erzählte Mann von einem sich über mehrere Generationen erstreckenden Untergang einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie. Etliche Figuren des Romans haben Vorbilder in der Familiengeschichte der Manns oder sind Lübecker Bürgern nachgestaltet. Die meisten Porträtierten waren wegen der oftmals ironisierenden Darstellung alles andere als begeistert. Das Opus, dessen effektverliebte, prosaprunkende Kabinettstücke eine Melange aus infantiler Melancholie und bourgeoiser Larmoyanz sind, karikiert mit viel Samt und geklöppelter Spitze das bigotte Bürgertum und bietet eine feinziselierte Entbürgerlichungspsychologie, getragen von hypochondrischer Hellhörigkeit. „Buddenbrooks“ ist in weiten Teilen eine alttestamentarische Strafexpedition gegen seine Figuren. Immerhin schrieb Rilke eine jubelnde Kritik: „Obwohl es Tage kostet, Seite für Seite mit Aufmerksamkeit und Spannung“ zu lesen, sei der geneigte Leser „so ganz bei der Sache und fast persönlich beteiligt, ganz als ob man in irgendeinem Geheimfach alte Familienpapiere und Briefe gefunden hätte, in denen man sich langsam nach vorn liest, bis an den Rand der eigenen Erinnerungen“. Über den Rand des persönlichen Erinnerns ging ebenfalls Manns wenig inspirierter zweiter Roman „Königliche Hoheit“ nicht hinaus. Erst mit dem „Zauberberg“, kehrte der metaphysische Aspekt, der in Manns späteren Romanen noch elementar werden sollte, in den Vordergrund. Ein seltsames Paradox: Manns vorgeführte Bürgerlichkeit ermöglichte ihm Wohlstand und Kritikfähigkeit, bis hin zur völligen Negation der Gesellschaft. Die Beachtung des preußischen Bürgertums war ihm sicher. Wie sorgsam der etablierte Ironiker an seinem Ruhm arbeitete, zeigen seine öffentlichen Selbstinszenierungen, die mitunter in ausufernden Statements mündeten oder in Rundfunkansprachen voller gravitätischer Eleganz. Jedes Wort, so schien es, war mit Fingerhanteln gestemmt, was darüber hinaus als zu leicht gewogen daherkam, war hochherrschaftlicher Spott, Futter für Bohemiens und Bürokraten und nur dem gemeinen Volk ein Ärgernis. Der romantisierende Großschriftsteller wusste um seine Wirkung. Wer ihn tadelte, beging Majestätsbeleidigung. So hielt er es bis an sein Ende. Und dennoch, der Auseinandersetzung widersetzte er sich nicht.

Für die offene Kritik an den Nazis brauchte er Zeit

Aus dieser Prosa erwuchs nichts, was die Zweifel unseres Daseins ausklammerte. Thomas Manns Prosa, grazil bis in die feinsten Verästelungen, griff ins Abgründige, um den Himmel zu erreichen. Zentrales Thema seines bedeutenden Werkes ist der als historische Notwendigkeit begriffene Verfallsprozess der kapitalistischen Gesellschaft. Bei aller Kritikfreudigkeit am Bürgerleben, die schönen Künste – immerhin auch ein Legitimationsmittel des Bürgertums – durften nicht zu kurz kommen. Auffallend viele Helden Manns schwelgen in der „Fülle des Wohllauts“ und vertiefen sich in musikalische Ergüsse. Mann verhehlte nie, dass die Musik für ihn die höchste Flamme des Geistes blieb. Hier sprach dann nicht die Stimme der Romantik, sondern die „des kategorischen Imperativs“, von den frühen „Buddenbrooks“ bis zum „Doktor Faustus“. Die gleiche künstlerische Verwandlung der literarischen Materie durch das Mystische des Wortes griff Raum, wie bei dem größten Meister der deutschen Sprache, Goethe, als dessen einzig legitimer Erbe sich Mann zeitlebens wähnte. Sein ganzes Werk unterstand dieser Betrachtungsweise. Aber es konnten nur die „Buddenbrooks“ sein, die seinen Weltruhm begründeten, 1929 bekam er für seine Homestory den Literatur-Nobelpreis.

Vier Jahre später, im März 1933, erhielt Mann in seinem Schweizer Urlaubsort Arosa die Nachricht vom Wahlsieg der Nazis. Eine Rückkehr war für ihn, der sich in den Jahren zuvor vehement gegen die Nazis ausgesprochen hatte, unmöglich. Dennoch zögerte der Endfünfziger den offiziellen Bruch mit den neuen Herrschern hinaus. Erst die mühevolle Überzeugungsarbeit seiner ältesten Tochter und lebenslang engsten Vertrauten, Erika, führte zu einem öffentlichen Bekenntnis. Anfang Februar 1936 publizierte die NZZ einen offenen Brief, in dem Mann die lange erwartete politische Standortbestimmung gegen das Regime vornahm: „Ich bin mir der Tragweite des heute getanen Schrittes bewusst. Ich habe nach 3 Jahren des Zögerns mein Gewissen und meine feste Überzeugung sprechen lassen.“ In seinem Tagebuch notierte er sich: „Mein Wort wird nicht ohne Eindruck bleiben.“

Die kryptische Ahnung sollte sich bewahrheiten, die deutsche Staatsbürgerschaft sowie die Doktorwürde wurden ihm vom Nazi-Staat aberkannt. Brechen konnte ihn das nicht. Seine Emigration ließ ihn zur Symbolfigur der ausgesperrten Emigranten werden. Nach dem Zwangsaufenthalt in der Schweiz suchte er Exil in Frankreich. Als auch da die Lage zu unsicher wurde, emigrierte er nach Amerika, wo er zum Vorkämpfer des Geistes gegen die Barbarei in Deutschland wurde. Seine besondere Stellung im Exil klang in allem, was er schrieb und sagte, an. Er wusste, dass man von ihm eine Stellungnahme, mehr noch, vorausschauende Führung verlangte. Jetzt wurde er auch bekannt durch seine aufrüttelnden und mahnenden antifaschistischen Rundfunkansprachen an die deutschen Hörer. Seiner Verantwortung vor der Geschichte bewusst, wurde er nicht müde, auf die Verantwortung hinzuweisen, die die Deutschen durch das blinde Folgen des Terrorregimes auf sich luden. Schnell war klar, hier bäumte sich ein Geistesheros auf, dessen sicheres Urteil oft erbarmungslos diejenigen geißelte, die hinterher von nichts gewusst haben wollten.

Es bleibt unbestritten, dass Thomas Manns öffentlich gesprochenes und schriftlich publiziertes Wort politisch eindeutig ist: Voller Engagement kämpft er gegen politische Lethargie, Apathie, gegen Gefühlskälte und – gegen die Einschüchterung und Verfolgung von Juden und Andersdenkenden, auch von Künstlern. Lange galt Thomas Mann als unbezwingbares literarisches Massiv. Das Leben, sagte er mit fast 75 Jahren, habe er oft als „Schuld, Verschuldung, Schuldigkeit“ empfunden. Seine Antwort darauf sei immer Reinigung, Rechtfertigung und Wiedergutmachung gewesen. In seinen Tagebüchern, laut Manns Verfügung erst 1975 zugänglich, kam ein anderer Thomas Mann ans Licht. Zu nahezu allem hatte der fleißige Romancier Stellung bezogen, zu Lessings Dichtkunst und zur literarischen Malaise der Weimarer Republik, zur Ethik des Widerstandes und zur Wut über die Trägheit des deutschen Geistes, bis hin zu seinem streng geregelten Tageslauf. Diese Notizen, eine Mixtur aus Politik und Erotik, Spott und Sühne, erforderten eine unausweichliche Korrektur am Denkmal des hoheitsvollen Überliteraten. Die Biographen nannten ihn nunmehr einen bisexuellen Egomanen, geldgierig, selbstgerecht und mürrisch. Während seine Ehefrau, Kinder und Freunde allein seinem Ruhm zu dienen hatten, schmachtete er nach jungen Kellnern. Manns Anhänger zeigten sich schockiert. Um die problematischen Facetten des literarischen Helden machen Kritiker und Biographen heute allerdings kaum noch Geschrei. Zu Recht, denn was nimmt seine schonungslose Offenheit, seine Selbstanklage und selbstgerechte Egomanie von einem der großartigsten Werke der deutschen Literaturgeschichte?

Thomas Mann, der Ende Juni 1952 die USA endgültig verließ, bezog im April 1954 seinen letzten Wohnsitz in einer komfortablen Villa im schweizerischen Kilchberg. Über „Das letzte Jahr“ mit Krankheit und Tod hat seine Tochter Erika einfühlsam berichtet. Am 6. Juni 1955 feierte Mann in Zürich und Kilchberg seinen 80. Geburtstag. Erholung von den Strapazen des Geburtstages fand er im holländischen Seebad Nordwijk. Dort begann seine todbringende Krankheit. Am 22. Juli 1955 notierte er: „Die in ihren Formen und Forderungen völlig unvertraute Krankheit kam so überraschend“. Tags darauf wurde er in die Privatstation des Zürcher Kantonspitals aufgenommen, wo man ihn unter anderem mit Morphium-Injektionen behandelte, um die Schmerzen zu dämpfen. Am 12. August 1955 starb Thomas Mann in Anwesenheit seiner Frau Katia.