Heilige Ordnung göttlicher Schönheit

Wie Hugo Ball den Glauben entdeckte – Zum 125. Geburtstag des Schriftstellers. Von Andreas Scheidgen

Hugo Ball: Die Dada-Bewegung war für den später Gläubigen keine Lösung. Foto: IN
Hugo Ball: Die Dada-Bewegung war für den später Gläubigen keine Lösung. Foto: IN

Hugo Ball gehört zu den eher vergessenen Namen der deutschen Literatur. Nur für einen Moment stand er im Rampenlicht, als er während des Ersten Weltkriegs die Bewegung des Dadaismus mit aus der Taufe hob. Doch er müsste zu den großen geistlichen Schriftstellern Deutschlands gezählt werden. Denn mit seinem Buch „Byzantinisches Christentum“ ist ihm eine der schönsten Meditationen über Glaube und Kirche gelungen, die die deutsche Literatur hervorgebracht hat. Vor 125 Jahren, am 22. Februar 1886, wurde Hugo Ball in der südwestdeutschen Kleinstadt Pirmasens geboren. Er hat noch immer viel zu sagen – über das Wesen der Kirche ebenso wie über das Verhältnis von Katholizismus und Modernität.

Es war eine Urszene der Moderne, als Hugo Ball im Juli 1916 in einem Züricher Wirtshaus zum ersten Mal seine später berühmten Lautgedichte vortrug. Ball hatte sich für diesen Auftritt als „magischer Bischof“ abenteuerlich vermummt: „Meine Beine standen in einem Säulenrund aus blauglänzendem Karton, der mir schlank bis zur Hüfte reichte, sodass ich bis dahin wie ein Obelisk aussah. Darüber trug ich einen riesigen Mantelkragen, der innen mit Scharlach und außen mit Gold beklebt, am Halse derart zusammengehalten war, dass ich ihn durch ein Heben und Senken der Ellenbogen flügelartig bewegen konnte. Dazu einen zylinderartigen, hohen, weiß und blau gestreiften Schamanenhut.“ In diesem Aufzug reihte er sinnlose Lautfolgen aneinander, wie beispielsweise in dem Gedicht „Karawane“: „higo bloiko russula huju / hollaka hollala“.

Dass dieser Clown sich ein paar Jahre später in die Werke verschollener Kirchenschriftsteller versenken würde, ahnte damals wohl niemand. Als Ball 1920 zum Katholizismus konvertierte, erschien das als Verrat an seinen früheren Zielen, als Abfall von Fortschritt und Moderne. Und tatsächlich bezieht Ball zu allen großen (Schein-)Gewissheiten unserer Zeit in seinem religiösen Hauptwerk über das „Byzantinische Christentum“, erschienen 1923, die Gegenposition. Wo die Moderne umstandslose Bedürfnisbefriedigung predigt und praktiziert, lobt er die Askese: „Das Gesetz der Askese allein verbürgt jene geheiligte Geräumigkeit der Seele, in der die unendliche Milde sich abgrenzt gegen die Wildheit, die Größe sich trennt von den Niederungen, in der alle Ehrfurcht Zauber und Flügel findet.“ Dem Dogma der Gleichheit stellt er den Hymnus auf die Hierarchie entgegen: „Wer Hierarchie sagt, ... der erklärt für heilig eine Ordnung, die ... ein Bild der urgöttlichen Schönheit entwirft.“ Er verteidigt den Gehorsam gegenüber dem Priester: „Die Rebellion gegen das Priestertum aber, aus welchen Motiven sie immer erfolgte, war noch stets eine Rebellion gegen das Reich der Ideen und der Schönheit, gegen das Reich der Transzendenz..., kurz gegen die zärtlichsten und sublimsten Werte der Menschheit.“ Er formuliert die mitreißendste Widerlegung eines soziologistischen, demokratischen, verweltlichten Kirchenbegriffs.

Und doch ist Balls Konversion, lebensgeschichtlich betrachtet, alles andere als ein radikaler Bruch. Sie erfolgte unter dem Einfluss seiner Ehefrau Emmy Hennings, mit der er schon in der Züricher Zeit gemeinsam aufgetreten war. Denn Emmy Hennnigs war selbst Kabarettistin, Sängerin, Texterin – und seit 1911 katholisch. Ihr Glaube und ihre avantgardistische Kunstauffassung kamen also durchaus miteinander aus. Auch Ball betrachtete den Glauben als Künstler. Sein Schutzheiliger war der Säulensteher Symeon, der „Stylit“. Dem aufgeklärten Bewusstsein erscheint das jahrzehntelange Ausharren dieses Eremiten auf seiner Säule im Taurusgebirge sinnlos. Doch Ball, der selbst einmal als lebender Obelisk seine Lautgedichte zelebriert hatte, verstand ihn. „Wir müssen uns in die tiefste Alchemie des Wortes zurückziehen und selbst die Alchemie des Wortes verlassen, um so der Dichtung ihre heiligste Domäne zu bewahren“, hatte er damals gefordert. Seine Lautgedichte waren nur ein Hinweis auf das Fehlende gewesen. Nun lehrte ihn der Stylit jene verschollene Ursprache, die „Hieroglyphenschrift Gottes“. Er war der vollendete Dadaist. Den Provokateur Ball interessierte nicht die vernünftige, gemäßigte, liberale Version des Glaubens. Ihn faszinierten die asketischen Übungen ägyptischer Mönchsväter. Denn die Askese, das spürte er, war Kunst und Abenteuer, war eine Methode, den Raum der Seele zu erweitern, sie bereit zu machen für die Begegnung mit dem Absoluten. Diesen Vorgang schilderte er in hochpoetischer Sprache: „Bilder zerschmelzen und Worte erglühen. Urteile ändern Gestalt und Wesen. Solange, bis sich aus solcher uns fremd gewordener Alchimie das lautere Gold der Seele ergibt. Dann erstarrt unter zarten Hämmern die Sprache.“ Die Alchemie des Wortes, hier war sie verwirklicht.

Wie die Askese verstand Ball auch die Hierarchie der Kirche. Er dachte nicht als Soziologe oder Politiker, er stellte nicht die Machtfrage. So entdeckte er eines der faszinierenden Erbstücke der griechischen Theologie für sich, die Engellehre des Pseudo-Dionysios Areopagita. Die Stufen der kirchlichen Ämter verstand er mit Dionysios als Aufstieg, als Prozess der Vergeistigung und Verklärung. In ihr ging es nicht um Macht, sondern um Schönheit und Geheimnis, um die Verwandlung. Die irdische Hierarchie setzte sich fort in der himmlischen, in den Chören der Engel, und es war die Liturgie, die beides verband. Sie war – wie die Askese – dazu bestimmt, den Menschen über sich hinauszuführen, ihm jene kosmischen Räume zu eröffnen, in denen allein Gott als der Unendliche, alles menschliche Vorstellen Übersteigende angeschaut werden konnte. Denn „in den Schoß der Verborgenheit“, schrieb Ball, „dringt nur die Ekstase“.

Es wundert nicht, dass ein Autor mit solchen Anschauungen schon seinen Zeitgenossen als Schwärmer und Fanatiker galt. Ball blieb unverstanden und isoliert, auch im katholischen Milieu. Lediglich mit Hermann Hesse verband ihn eine enge Freundschaft, und ihm, der das „Byzantinische Christentum“ als „das schönste mir bekannte religiöse Buch“ bezeichnet hatte, widmete Ball auch eine Monographie. Schon 1927 starb er, nachdem eine Operation gescheitert war, an Magenkrebs. Was er über den byzantinischen Mönchstheologen Johannes Klimax geschrieben hatte, könnte auch als Fazit unter Balls eigenem Werk stehen: „So singt die verwundete Seele von Zeiten, die den Gedanken als Hohn empfinden. So klagt der zerrissene Angstschrei des Inneren, der in die lautlose Tiefe des göttlichen Mitleids sinkt. Weil Menschengefühl nicht mehr lebt, keinen Glauben mehr findet, oder in Scham seine Ohnmacht bekennt.“ Balls Werk erscheint seit einiger Zeit in kritischer Gesamtausgabe im Göttinger Wallstein-Verlag. Es bleibt neu zu entdecken in einer Zeit, in der viele die Kirche erneut auf den Pfad der Verweltlichung führen wollen.