„Hauptsünde? Der Unglaube“

Der Fundamentaltheologe Giulio Meiattini OSB, Mönch der Abtei Santa Maria della Scala in Bari, lehrt an der Hochschule Sant'Anselmo in Rom. Ein Gespräch über Sünden, Tugenden und die wahre Krise der Kirche. Von Regina Einig

Giulio Meiattini OSB
Dom Giulio Meiattini lebt in der Abtei Madonna della Scala in Noci (Bari) und ist Chefredakteur der Ordenszeitschrift „La Scala“. Foto: privat

Dom Giulio, der heilige Benedikt nimmt in Kapitel 1 seiner Regel klare Abgrenzungen vor und verwirft das Verhalten eines Teils der Mönche (RB 1,6-11), die Gott belügen, heilig nennen, was sie meinen und wünschen, und für unerlaubt halten, was sie nicht wollen. Geschieht Vergleichbares auch heute im theologischen Diskurs?

Sie verweisen hier auf den Abschnitt der Regel, in dem der heilige Benedikt über die „Sarabaiten“ spricht. Man darf jedoch auch die andere Art von Mönchen nicht vergessen, von denen sich der heilige Benedikt distanziert: die „Gyrovagen“, die immer unterwegs sind, „nie beständig“, und am Ende Opfer ihrer wandelbaren Launen werden. Ich würde sagen, dass hier nicht nur Formen der Abweichung vom Mönchsleben beschrieben werden, sondern Formen einer ständigen Versuchung der menschlichen Seele. Sie könnten im allgemeinen als die Tendenz verstanden werden, alles auf das eigene subjektive Maß sowie auf augenblickliche Bedürfnisse zu reduzieren und – falls notwendig – auch den Irrtum oder die ausschließliche Suche nach dem eigenen Vorteil zu rechtfertigen oder zu begründen, nur um sich selbst nicht in Frage zu stellen. Darin besteht das „heilig nennen, was sie meinen und wünschen und für unerlaubt halten, was sie nicht wollen“. Auch ein guter Teil der heutigen Theologie leidet unter der Neigung, das Geheimnis Gottes und Jesu Christi auf ein menschliches Maß zu reduzieren.

Viele Theologen berufen sich aber auf den notwendigen Versuch, den Glauben in eine zeitgemäße Sprache zu übertragen...

Natürlich ist das Bemühen unerlässlich, den immer gleichen Glauben in die Sprachen veränderter Kulturen zu übersetzen. Doch mir scheint, dass dieser notwendige Versuch oft eine unglückliche Wendung genommen hat. Die sogenannte „anthropologische Wende“, die die letzten fünfzig Jahre des theologischen Denkens tief geprägt hat, hat von Anfang an gerade an einer grundlegenden Grenze gelitten: Gott in einen Bereich zu bringen, der menschlich verständlich ist. Konkret wurde das in ein Vorherrschen des „pastoralen“ Kriteriums übertragen, das immer häufiger als Prokrustesbett fungiert, in das das Übermaß und die Transzendenz des göttlichen Geheimnisses eingepasst werden müssen. Auf diese Weise ist die Beziehung zwischen Anthropologie und Theologie aus dem Gleichgewicht geraten. Die Verkündigung des Evangeliums scheint nunmehr auf eine Therapie reduziert, die dazu dient, dass sich der Mensch in seiner Welt wohl fühlt, statt das Menschliche von innen zu verwandeln, indem sie es - in einer Geste der Verherrlichung - zum „Deus semper maior“ drängt. Das zeigt sich deutlich daran, dass die eschatologische Dimension der Kirche und des christlichen Lebens,  die in „Lumen gentium“ doch so klar zum Ausdruck kommt, fast völlig in Vergessenheit geraten ist.

Papst Franziskus hat mehrfach auf das Wirken des Teufels in unserer Zeit hingewiesen. In der akademischen Theologie ist das verpönt, denken wir nur an Herbert Haags „Abschied vom Teufel“. Wie können Theologen heute vernünftig vom Teufel sprechen?

Haags Buch ist schon vor vielen Jahren erschienen. Zusammen mit ähnlichen Veröffentlichungen ist es auf die breite Strömung der Entmythologisierung zurückzuführen, eine weitere Version der von mir erwähnten Tendenz einer Verkürzung des Mysteriums. Gleich nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist nicht nur der Teufel, sondern auch die Gestalt des Engels rasch aus der Theologie und aus der Verkündigung verschwunden. Alles das wurde angesichts des Dialogs mit den Naturwissenschaften und dem marxistischen Gedankengut, das die soziale Dimension in den Mittelpunkt stellte, als ein sperriges Überbleibsel der Vergangenheit empfunden. Der Himmel verblasste vor den lebhaften Farben der Erde. Das Christentum fühlte sich plötzlich schuldig, die Welt und ihre Bedürfnisse vernachlässigt zu haben, und die ganze Dimension des Unsichtbaren  - nicht nur die Hölle, auch der Himmel - erschienen als ein Anachronismus. Das Böse wurde von einer metaphysischen Frage auf ein soziologisches oder psychologisches Problem reduziert.


Welche Folgen hatte das?

Die Entscheidung, sich der Engel und des Teufels zu entledigen, hat sich jedoch nicht als weitsichtig erwiesen. So ist die Gestalt des Engels - unter dem Namen „spiritueller Helfer“ - nach kurzer Zeit mit Macht in neuen Formen der Religiosität und mit dem „New Age“ zurückgekehrt. Hinzu kam eine literarische, filmische und musikalische Produktion, die die Massen mit außerordentlichem Erfolg wieder auf den Teufel und das Satanische aufmerksam machte. Die Kirche, die jahrhundertelang diesen Aspekt der Religiosität gehütet hatte, fand sich vollkommen von dieser Entwicklung abgeschnitten, und die Menschen mussten allein der Faszination einer mehrdeutigen und heimtückischen Realität entgegentreten, die das Neue Testament mit dem Ausdruck „die Mächte dieser Welt“ bezeichnet. Die katholische Welt ist zu spät aufgewacht, und es begannen erneut Bücher zu erscheinen, die sich sowohl auf theologischer als auch auf spiritueller Ebene mit den Engeln und dem Teufel befassen.

Wie kann man vom Teufel reden, ohne den Menschen Angst zu machen?

Sind wir wirklich sicher, dass es - auch vom anthropologischen Gesichtspunkt - eine weise Entscheidung ist, die Sprache der Angst zu vermeiden? Denken Sie nur an die weite Verbreitung von Horrorfilmen oder -romanen, die von bösen Geistern aller Art bevölkert werden. Warum sehen sich Millionen von Menschen diese schrecklichen Filme an? Weil sie einen Ersatzritus brauchen, in dem sie eine „kontrollierte“ Angst erfahren, um sie – am besten mit einem in einer gewissen Weise befreienden Finale - zu überwinden. Dem Schweigen der Kirche über die diabolischen Mächte und die Angst, die diese unweigerlich einflößen, entspricht das Wiederaufblühen dieser Gegebenheiten in anderen Bereichen.

Was sagt das Schweigen über den Teufel über die Kirche aus?

Wenn die Kirche die Symbole des Bösen und der Angst eliminiert, deren Repräsentant schlechthin der Teufel ist, zeigt sie, dass sie den Menschen nicht kennt, und vergisst, dass für die Verbundenheit mit Christus ein Kampf gegen die Mächte des Bösen ausgetragen werden muss und nicht nur gegen ihre sozialen und psychologischen Begleiterscheinungen. Am Ende werden diese Symbole woanders gesucht, doch auf verzerrte Weise und verbunden mit schweren Gefahren und häufig schädlichen Folgen. Die Überlegungen eines großen Religionswissenschaftlers wie Walter Burkert über den Platz der Angst im menschlichen Leben und über die Rolle der Religionen bei der Kontrolle dieser Angst durch Mythen und Riten, die sie gerade deshalb verstärken, um sie besser zu kontrollieren, sollten uns eine Lehre sein.

Die Kategorien für inakzeptable Verhaltensweisen haben sich geändert, auch in der Wahrnehmung der Christen. Schuleschwänzen für den Klimawandel wird toleriert, scharfe Kritik an der Abtreibung gilt als fanatisch. Welche Sünden sollte die Kirche wieder klarer beim Namen nennen?

Die Sünden sind wie die Tugenden im Grunde immer dieselben. Und da jede von ihnen die Negation der jeweiligen Tugend ist, bedeutet, wenn man von gewissen Sünden nicht mehr spricht, dass man auch aufgehört hat, gewisse Tugenden zu schätzen und zu lieben, die ihnen gegenüberstehen. Ich habe demnach den Eindruck, dass die Hauptsünde, die heute nicht mehr wirklich als solche angesehen und häufig nicht beim Namen genannt wird, der Unglaube ist, der Mangel an Glauben, den das Neue Testament „apistia“ nennt. Er zeigt sich heute in der Form des Atheismus, der religiösen Gleichgültigkeit und auch des religiösen Synkretismus. Wenn sich an Stelle des christlichen Glaubens andere Gottheiten, ein anderer Glaube oder zumeist einfach eine religiöse Leere durchsetzen, wird Jesus Christus ausgeschlossen und „außerhalb der Stadt“ herausgeworfen, wie es im Brief an die Hebräer heißt. Beim Aufbau des eigenen Daseins oder der Stadt der Menschen das Wort Gottes auszuschließen ist die wahre „Sünde der Welt“, von der im Evangelium des Johannes die Rede ist. Im Johannesevangelium ist die wahre Sünde, auf die wiederholt hingewiesen wird, der Widerstand, der dagegen geleistet wird, an Jesus als den Sohn Gottes zu glauben.

Handelt es sich dabei immer um vorsätzliche Sünde?

Natürlich handelt es sich nicht immer um eine vorsätzliche persönliche Sünde. Heute zeigt sie sich oft, um einen nunmehr verbreiteten Ausdruck zu benutzen, als „Struktur der Sünde“. Dieses Konzept, das seit einigen Jahrzehnten in die Sprache der Theologie eingedrungen ist, wird allgemein auf einige Ordnungen wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Art angewendet, die der neutestamentlichen Agape entgegenstehen und negative Auswirkungen auf den Einzelnen oder die Gesellschaft haben. Ich bin der Meinung, dass das allmähliche Verschwinden des christlichen Glaubens und seine Substitution durch Atheismus, religiöse Gleichgültigkeit oder unbestimmte Formen synkretistischer Religiosität mittlerweile ein struktureller Bestandteil unserer westlichen und vor allem der europäischen Kultur ist, die systematisch unabhängig von Jesus Christus gedacht und errichtet wird und tiefen Widerstand gegen das Evangelium leistet. Mir scheint, dass sich auch die Christen an dieses sich ausbreitende Phänomen gewöhnt haben und in der Praxis akzeptieren, Jesus Christus als eine „Option“ unter vielen anzusehen. Die Krise des missionarischen Elans der Kirche ist ein besorgniserregendes Zeichen dieser Relativierung Jesu, die zeigt, wie die Sünde gegen den Glauben auch tief in die Christenheit eingedrungen ist, ohne dass man sich dessen tatsächlich bewusst wäre.

Beim Missbrauchsgipfel in Rom war der Begriff „Homosexualität“ naehzu tabu, obwohl die meisten Missbrauchsopfer männlich sind. Inwieweit unterliegt die Kirche beim Umgang mit den Fragen Schuld und Sünde dem Zeitgeist?

Die Kirche ist immer – wenn auch in unterschiedlichem Maße – versucht, sich dem Zeitgeist zu beugen. Das ist nichts Neues. Diese Versuchung ist auf den Mangel an Glauben zurückzuführen, den ich bereits erwähnt habe. Sie ist ein Zeichen der Schwäche und der Erkaltung des Glaubens. Das Schweigen über die Homosexualität, das Sie ansprechen, kann besser verstanden werden, wenn man das erste Kapitel des Römerbriefes noch einmal aufmerksam liest. Die Legitimation homosexueller Akte wird dort in enger Beziehung mit der Ablehnung, an Gott zu glauben, betrachtet. Da die Menschen Gott nicht erkannt und nicht an ihn geglaubt haben, schreibt der heilige Paulus, hat Gott sie ihren entehrenden Leidenschaften ausgeliefert, so dass sie schließlich den natürlichen Verkehr mit dem widernatürlichen vertauschten. Die Frage betrifft also nicht nur oder unmittelbar die Moral oder die Sexualmoral: es handelt sich im Grunde um einen Mangel an gottgefälligem Leben, an Glauben an den einen Gott.

Wie beurteilen Sie den Versuch, Homosexualität auch in kirchlichen Kreisen zu legitimieren?

In der Tat gehört der Versuch, die Homosexualität zu legitimieren, zu einer viel umfassenderen Bewegung, die dazu neigt, den Menschen losgelöst von jeder „Natur“ zu betrachten, als rein kulturelles Konstrukt, das in jeder Richtung formbar ist. Vom christlichen Gesichtspunkt heißt das im Wesentlichen, sich an Gottes Stelle zu setzen, sich als Erschaffer seiner selbst anzusehen, als Schöpfer statt als Geschöpf. Die homosexuellenfreundliche Ideologie ist nur eines der Gesichter des Unglaubens oder eines götzendienerischen Atheismus. Wenn wir eine korrekte Anthropologie wollen, dann müssen wir beim ersten Gebot beginnen: „Du sollst neben mir keine anderen Götter haben“. Und zu Gott gelangt man über Jesus. Das komplizenhafte oder ängstliche Schweigen der kirchlichen Führungsspitze über die Homosexualität ist also das andere Gesicht einer Krise des Glaubens, die auch in den Klerus eingedrungen ist.

Die Haltung der Kirche in Fragen der Moraltheologie wirkt auf viele unglaubwürdig, weil sich nationale Bischofskonferenzen widersprechen – etwa in der Frage der Verbindlichkeit von Humanae vitae. Was bedeutet vor diesem Hintergrund Gewissensbildung der Gläubigen?

Die geringe Glaubwürdigkeit der katholischen Moral und ihrer hohen Anforderungen geht auf Jesus zurück. Als er zu verstehen gab, dass er sich dem Tode ausliefern müsse, hat Petrus, der erste Papst, sofort Einwände gehabt. Als Jesus erklärt hat, dass ein Verstoß der Ehefrau nicht zulässig sei, hat Petrus ausgerufen: „Dann ist es nicht gut zu heiraten“. Am Ende der langen Rede über das Brot des Lebens in Johannes 6 sind viele Jünger gegangen, weil die Worte Jesu, wie der Evangelist sagt, „unerträglich“ waren und sie ihn nicht verstanden. In der Kirche bemüht man sich nunmehr seit mehreren Jahrzehnten, das Evangelium auch in seinen moralischen Anforderungen verständlich zu machen. Und man denkt, dieses Unterfangen könne gelingen, indem man diese Anforderungen „flexibler“ macht und einige Aspekte des Dogmas „abmildert“. Ich frage mich also, ob wir es noch für wahr halten müssen, dass ein Jünger Jesu zu sein bedeutet, mit Ihm nach Jerusalem hinaufzuziehen und nicht vor dem Kreuz davonzulaufen. Kurz: sind wir bereit, für den Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes und einzigen Erlöser, zu sterben? Wie Sie sehen, ist diese Frage sehr direkt und unbequem, aber man kann ihr nicht ausweichen.

Welche praktischen Konsequenzen ergeben sich daraus?

Das zeitgemäßeste und am stärksten in Vergessenheit geratene Problem – der Ernstfall, wie Hans Urs von Balthasar es schon vor fünfzig Jahren in seinem schmalen Büchlein „Cordula“ nannte – ist die Ausbildung von Christen, die verstehen, dass die Hingabe des Lebens für Christus die größte Gnade ist. Und dass wir dazu alle jeden Tag und auf verschiedene Weise aufgerufen sind, weil dies der Kern des Glaubens ist. Das also bedeutet Gewissensbildung der Gläubigen: ihnen bewusst zu machen, dass der Ruf zur Heiligkeit notwendigerweise eine gewisse Form des Sterbens erfordert, das man nicht immer von der Welt „verstanden“, sondern auch abgelehnt wird. Das ist das „Skandalon“, an dem sich jede Generation von Gläubigen immer stoßen wird. Leider hat uns das Zweite Vatikanum hierbei nicht geholfen. In seinen Dokumenten findet sich keine Theologie des Martyriums für uns. Die Begriffe „Märtyrer“ oder „Martyrium“ kommen in den Konzilsdokumenten nur wenige Male und ganz am Rande vor. Während Millionen von Gläubigen auf der ganzen Welt verfolgt wurden und aufgrund ihres Glaubens leiden mussten oder ihn nicht frei zum Ausdruck bringen konnten, hat sich die Konzilsversammlung nur um den Dialog mit der liberaldemokratischen Welt des Westens gekümmert.

Wie beurteilen Sie diese Perspektive?

Ich bin der Meinung, dass diese Unterlassung eine schwere Fehlkalkulation und eine falsche Perspektive war, eine optische Täuschung, die die folgende Geschichte der Kirche beeinflusst hat. Heute stellen wir fest, dass es bei vielen Themen nicht mehr möglich ist, mit der sogenannten säkularen Gesellschaft einen „Dialog“ zu führen. Das Wort Jesu ist klar: „Wenn ihr von der Welt stammen würdet, würde die Welt euch als ihr Eigentum lieben. Aber weil ihr nicht von der Welt stammt, sondern weil ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt“ (Joh 15,19). Wir können heute sehen, dass das Landen in der Postmoderne durch die sanfte Methode der Verführung dieselbe geistliche Wüste und Feindseligkeit gegenüber dem Evangelium hervorbringt, wie der staatlich verordnete Atheismus der totalitaristischen Systeme des zwanzigsten Jahrhunderts. Nachdem wir das „Skandalon“ des Kreuzes vergessen haben, sind wir in „Skandale“ anderer Art gestürzt.

Ein Großteil der Gläubigen stellt Forderungen, die noch vor fünfzig Jahren undenkbar gewesen wären (Weiheamt der Frau) und findet dafür bischöfliche Unterstützer. Taugt der sensus fidelium heute noch als Kompass?

Ich glaube, der sensus fidelium in Glaubensdingen kann nicht in Zweifel gezogen werden. Es gibt eine „infallibilitas in credendo“, die gesamtkirchlich ist. Das Zweite Vatikanum hat darauf hingewiesen, ohne jedoch den anderen, komplementären Aspekt zu vergessen: den entscheidenden, ultimativen Moment des Lehramts in Glaubensdingen. Das Problem liegt jedoch darin, zu verstehen, wer die „fideles“ wirklich sind. Es ist eine Tatsache, dass nicht alle Getauften auch wahre Gläubige („fideles“) sind. Man kann den „sensus fidelium“ also nicht über Umfragen und Statistiken bestimmen. Gewisse schwierige Zeiten in der Geschichte des Christentums zeigen, dass dieser „Glaubenssinn“ auch in einem großen Teil der Christen, einschließlich der Bischöfe, verdunkelt sein kann. Man kann also den sensus fidelium nicht als eine Art Mehrheitsdemokratie verstehen. Normalerweise sind die positiven Früchte des sensus fidelium und seiner Ausübung, die auch zu einem tieferen Verständnis des Mysteriums Christi führen kann, erst mit der Zeit nach einer gewissen historischen Läuterung zu erkennen. Ich bin der Meinung, dass der Glaubenssinn heute in einem großen Teil des christlichen Volkes und auch in vielen seiner Hirten verdunkelt ist. Daher misstraue ich den Fragebögen, die vor den Synoden verteilt werden.

Die Beichtpraxis liegt in vielen Ortskirchen brach und auch praktizierende Katholiken meinen, sie hätten es nicht nötig, zu beichten. Mit welchen Argumenten würden Sie jemanden davon überzeugen, dass die Beichte eine Gnade ist?

Es gibt keine „Argumente“, die in diesem Bereich überzeugen können. Den Wert der mit einer gewissen Häufigkeit abgelegten Beichte kann man nur verstehen, wenn man zunächst verstanden hat, was christliches Leben als „Leben nach dem Geist“ und „geistlicher Kampf“ bedeutet. Die Beichte, wie wir sie heute kennen, hat sich ausgehend von der Praxis, einem geistlichen Vater sein Herz zu öffnen, im alten Mönchstum entwickelt. Diese „Laien“, die sich einem Leben des Gebets, der Arbeit und ständiger Umkehr verschrieben, wussten aus Erfahrung, dass sie ohne die Öffnung ihres Herzens und das demütige Bekenntnis ihrer Schuld gegenüber einem anderen, erfahreneren und älteren Bruder, nicht hoffen konnten, ihre wiederkehrenden Rückfälle zu besiegen und sich von der Tyrannei des „Ich“ zu befreien.

Wie wurde die Beichte wahrgenommen?

Die Beichte wurde nicht als eine fremde Einmischung in das Gewissen wahrgenommen, sondern vielmehr als wertvolle Hilfe, als Aufforderung, wieder Mut zu fassen, als Ansporn, sich nicht damit abzufinden, zu bleiben, wie man ist. Es ist wirklich äußerst seltsam, dass man in einer Zeit wie der unseren, in der die Psychologie vermittelt, wie wichtig es ist, unser Erlebtes vor jemandem in Worte zu fassen und auszudrücken, nicht zu verstehen vermag, dass die Beichte Teil einer umfassenderen Therapie der geistlichen Krankheiten ist. Außerdem besteht eine tiefe Verbindung zwischen der „confessio peccati“ und der „confessio fidei“ [dem Bekenntnis der Sünden und dem Bekenntnis des Glaubens]. Da der Glaube an Christus der Glaube an den ist, der uns von unseren Sünden erlöst und uns sein göttliches Leben geschenkt hat, ist die „confessio peccati“ ein wesentlicher Aspekt der „confessio fidei“. Noch einmal führt uns ein scheinbarer Randaspekt zum Kern des eigentlichen Problems der heutigen Kirche zurück: der Krise des Glaubens.

Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller