London

Harrison war versunken in indischer Mystik

Das "Abbey Road"-Album der Bealtes wird 50 Jahre alt. Kurz vor der Trennung liefen die "Fab Four" noch einmal zu genialer Form auf.

50 Jahre "Abbey Road"
Auch wenn der „Rolling Stone“ in der Liste der 500 besten Alben der Rockgeschichte „Abbey Road“ erst auf Platz 13 setzte - es ist das Lieblings-Beatlesalbum von Matthias Mattusek. Foto: Paul Buck (EPA)
Zebrastreifen in Londoner Abbey Road unter Schutz
Immer dem Zebrastreifen nach: Nicht nur die Musik, auch das Cover des „Abbey Road“-Albums ist Kult.dpa Foto: Foto:

Natürlich konnte es 1969 für einen 15-jährigen, der auf den die Tanzstunde begleitenden Knutschparties beschäftigt war, nichts Dringlicheres geben – von der Rettung der Welt abgesehen – als das Gerücht, dass die Beatles sich trennen würden. Und da Gerüchte wie Brandbeschleuniger wirken und weitere nach sich ziehen, wurden sie befeuert vom Cover der gerade erschienenen „Abbey Road“–LP, auf dem die mittlerweile bärtigen Fab Four einen Zebrastreifen der Abbey Road überqueren. Paul McCartney läuft barfuss! und in England werden Tote stets barfuß beerdigt. Vorneweg John Lennon im weißen Anzug, jener Farbe also, die Totenpriester in asiatischen Ländern tragen. Dann Ringo Starr, in Schwarz! Morsten die Beatles heimliche Botschaften? War etwas dran an der Theorie, dass sich Paul McCartney schon Jahre zuvor mit seinem Auto um einen Baum gewickelt hatte und durch einen Doppelgänger ersetzt worden war?

Dann knutschten wir weiter, zu „Something“

Doch dann knutschten wir weiter, zu „Something“, dem schönsten aller Liebeslieder, wie selbst Frank Sinatra irgendwann mal eingestand, und ließen uns von George Harrisons trunkener Gitarre und seiner zärtlichen Stimme einwickeln, „Something in the way she moves, attracts me like no other lover“, und als drei Nummern später eine Rockröhre mit „Oh, Darling“ loslegte, wusste eigentlich jeder, der noch bei Verstand war, (oder bei dem, was wir als Verstand bezeichneten), dass Paul McCartney lebte, und wie!

Auch wenn der „Rolling Stone“ in der Liste der 500 besten Alben der Rockgeschichte „Abbey Road“ erst auf Platz 13 setzte – vor ihr lagen Stg. Peppers auf 1, Revolver auf 3, Rubber Soul auf 5, das White Album auf 10 – ist es mein Lieblingsalbum, denn es ist das geheimnisvollste, das musikalisch Inspirierteste und, klar, das im Abschiedsschmerz verklärteste Album, (das „Let it be“-Album entstand vorher, und wurde nachgereicht) – schließlich waren wir mit den Fab Four groß geworden, es existierte keine andere Gruppe. Nun gut, vielleicht die Beach Boys, mit „Pet Sounds“ Nummer 2 auf der Ewigenliste. Aber sonst ... okay, die Rolling Stones. Aber außer den Beach Boys, den Stones, vielleicht noch den Kinks, die Who ... Nein, die Beatles sind bis heute das unbestrittene Jahrhundertereignis des Pop, und auf Abbey Road leuchten sie noch einmal auf wie die Nachmittagssonne auf den weißen Hauswänden einer griechischen Insel, bevor sie spektakulär über der Ägäis untergeht – vier Göttersöhne. Auf „Abbey Road“ ist alles versammelt, was sie unwiderstehlich machte, die Melodien, die Einfälle in den Arrangements wie der Moog-Synthesizer am Schluss von „I want you“, diesem 8-Minuten-Song Lennons, der nur aus dieser Zeile besteht.

Nur zusammen waren sie unbesiegbar

Ja, natürlich die skurrilen Texte, etwa „Come together“ das Lennon für den Wahlkampf des LSD-Gurus Timothy Leary geschrieben hatte und kurz Hoffnung weckte, oder sein „Mean Mr. Mustard“ über einen Trickbetrüger, ein Song, der Lennon in Indien eingefallen war, und den er später abfällig als „Mist“ bezeichnete – nein, Irrtum John, ein großer sarkastischer Sketch! Das ganze große Orchester also von vier Genies, die es immerhin zwölf Jahre lang geschafft hatten, zusammenzubleiben. Was für eine wunderbare buddy-Geschichte für die ganze Welt!

Kernstück dieses Juwels, das jetzt zum 50. Jubiläum mit einer verdienten Sonderedition gefeiert wird, ist zweifellos das Medley auf der zweiten Seite, das acht Kompositionen zusammenzieht und zu einer veritablen kleinen Oper arrangiert, hauptsächlich verstreute Sachen, die ihnen während des Indien-Aufenthalts beim Maharishi durch die Köpfe gerauscht waren – es kann keine gelungenere Resteverwertung gegeben haben, seit der Schöpfer aus ein paar übrig gebliebenen Lehmklumpen den Menschen geformt hat. Dieses Himmelsmedley beginnt mit dem prosaischen „You never give me your money”, mit dem die Gruppe ihre Probleme um Rechte und Gelder untereinander bearbeiteten – neuer Manager, und überhaupt: John wollte aussteigen, auch Paul wollte Solo weitermachen, George Harrison ebenfalls, die Goldenen Vier zerbrachen, verdammt, und sie waren doch nur als die Vier unbesiegbar, und sie schienen es zu ahnen und wollten es „mit diesem Album allen noch einmal zeigen“, wie sich ihr legendärer Producer George Martin erinnerte.

Prächtiger Schlusspunkt vier unsterblicher Götterjünglinge

Zurück zum „Money...“-Song. Er geht über in die vielstimmigen Harmonien des Songs „Sun King“, den George Harrison in Eric Claptons Garten komponierte, er war zu seinem Freund ausgebüchst, weil ihn die geschäftlichen Querelen zwischen John und Paul anwiderten. So saß er da auf der Wiese, tief in indischer Mystik versunken, sah der Juli-Sonne zu und improvisierte auf Claptons akustischer Gitarre. Seine Meditationen werden abgelöst durch Ringos vorwärtstreibendes Schlagzeug, mit der er die Preziose „Mean Mr. Mustard“ loshämmert, die wiederum überführt wird in das rockige „Polythene Pam“, die Erinnerung an einen verrückten weiblichen Fan, der in Polyster zu Konzerten erschien, und das wiederum – all diese Sachen sind wenig mehr als minutenlang – hinüber in eine andere Erinnerung an einen Fan, die in Pauls Badezimmer einstieg, „She came in through the bathroom window“.

Das alles wird abgerundet durch die orchestral feierliche Coda „The End“, die mit den Zeilen schließt „and in the end, the love you take, is equal tot he love you make“, (Die Liebe, die du empfängst, entspricht der Liebe, die du gibst) denn das war es, was die Beatles in die Welt brachten: eine Liebesgeschichte. Und die ist bis heute nicht vorbei, auch wenn John von einem Psychopathen dahingerafft wurde und der sanfte George Harrison durch Krebs, sie bleiben die vier unsterblichen Götterjünglinge des Pop und mit „Abbey Road“ haben sie den prächtigsten Schlusspunkt gesetzt.

Ach so, zurück in der Knutschhöhle, Lava-Lampen, Räucherstäbchen, „Something“ und Engelsharmonien im Song „Because“, bisschen Kiffen und so weiter, dort imponierte mir besonders Ralf, zweimal sitzen geblieben, also zwei Jahre älter als wir, der das rasend schnelle „Polythene Pam“ mitsingen konnte, weil er nichts rauchte, aber es hat ihm nicht viel geholfen, er flog kurz darauf von der Schule.