Grenzüberschreitende Kunsterfahrungen

Die Ruhrtriennale 2013: Die Verbindungen zwischen Schauspiel, Musik und Tanz, zwischen Innovation und Tradition. Von Anja Kordik

Die Aufhängung der „Instrumente“ für die Erstaufführung „Verblendung des Zorns“ des US-Amerikaners Harry Partch. Foto: Baumann
Die Aufhängung der „Instrumente“ für die Erstaufführung „Verblendung des Zorns“ des US-Amerikaners Harry Partch. Foto: Baumann

Eine Reihe von Ur- und Erstaufführungen und zum Teil grenzüberscheitende Kunsterlebnisse präsentiert die Ruhrtriennale 2013 in der zweiten Spielzeit unter Leitung des Frankfurter Komponisten und Regisseurs Heiner Goebbels. Das Musik- und Theaterfestival startet in diesem Jahr in der Bochumer Jahrhunderthalle mit der europäischen Erstaufführung von „Delusion of the Fury“ („Verblendung des Zorns“). Es ist die letzte große Schöpfung des US-Amerikaners Harry Partch (1901–1974). Partch war einer der Pioniere der mikrotonalen Musik. Für diese ist kennzeichnend, dass sie mit Tonintervallen arbeitet, die kleiner sind als ein Halbtonabstand, etwa mit Viertel- oder Sechsteltonintervallen.

Wurzel suchen in der europäischen Musiktradition

Ursprünge finden sich bereits in der Antike, in altgriechischen Tonsystemen. Sie wurden in der Gregorianik des Mittelalters, später in der Renaissance-Musik aufgegriffen. Ansätze der mikrotonalen Technik finden sich auch in der Klassik und nicht zuletzt im amerikanischen Jazz. Aber erst Vertreter der Neuen Musik wie der mexikanische Komponist, Dirigent und Geiger Julian Carrillo Trujillo (1875–1965), des weiteren der tschechische Komponist und Musiktheoretiker Alois Hába (1893–1973) und vor allem der Amerikaner Harry Partch entwickelten diese Kompositionsweise konsequent weiter.

Partch suchte einerseits nach neuen Wegen in der Kunst, nach Überwindung eines rein akademischen Kunstverständnisses, Dazu gehörte für ihn auch das Streben nach neuen musikalischen Ausdrucksmitteln, um zum Beispiel reine Naturtöne und unmittelbare Umwelteindrücke – Geräusche, die Melodik der menschlichen Rede – künstlerisch wiederzugeben. Andererseits strebte Partch auch nach Vergewisserung seiner kulturellen Wurzeln, suchte diese nicht zuletzt in der europäischen Musiktradition. Zu diesem Zweck hielt er sich einige Zeit in London auf, um dort die altgriechischen Tonsysteme zu studieren. Im Laufe seines Schaffens entwickelte Harry Partch sein eigenes, sehr komplexes, auf Zahlen beruhendes Tonsystem. Und in seinem Studio in einem alten Schuppen auf einer Ranch in Kalifornien schuf er ein eigenes Instrumentarium, so etwa ein umgebautes und speziell gestimmtes Harmonium, „Chromeledeon“ genannt, oder eine voluminöse „Bass Marimba“. „Delusion of the Fury“, entstanden in den Jahren 1965 und 1966, uraufgeführt 1969 an der Universität von Kalifornien in Los Angeles, ist Harry Partchs letztes großes Werk. Manchen Kritikern gilt es als Höhepunkt seines Schaffens. Ausgehend von Mythen der japanischen und afrikanischen Kultur entfaltete der Komponist ein eindrucksvolles Gewebe aus verschiedensten Sinneseindrücken, akustischen und visuellen Impulsen, Gesang und Bewegung, stets in der Schwebe zwischen Wirklichkeit und Wahn.

Das 1990 gegründete Ensemble MusikFabrik, das Landes-Ensemble in Nordrhein-Westfalen für zeitgenössische Musik, baute zu diesem Anlass das gesamte Instrumentarium des Amerikaners nach. Die europäische Erstaufführung zu Beginn der Triennale ist der Auftakt zu einer Reihe weiterer Aufführungen in Europa. Ergänzt wird die von Heiner Goebbels inszenierte Produktion durch eine Lektüre Performance unter dem Titel „Bitter Music“ mit Ausschnitten aus Partchs verschollen geglaubtem Tagesbuch.

Einen Kontrast bildet die „Missa Caput“ des flämischen Komponisten und Klerikers Johannes Ockeghem (geboren zwischen 1410 und 1420, verstorben 1497). Ockegham wurde schon zu Lebzeiten als Musiker und Mensch gleichermaßen hochverehrt. Von Königen wie Ludwig XI. und Karl VII. wurde er mit Ämtern und finanziellen Privilegien versehen, war unter anderem Kanoniker an Notré-Dame in Paris. Zeitweise stand Ockeghem in diplomatischen Diensten des französischen Königshofes. Trotz seines höfischen Umgangs blieb Ockeghem auch einfachen Menschen zugewandt. Sein beträchtliches Vermögen vereilte er schon zu Lebzeiten an Arme. Neben seinen geistlichen und politischen Aufgaben trat er als Sänger und als Komponist sakraler Werke hervor.

Die lateinische Titel der „Missa Caput“ meint den Kopf der Schlange, also des Böses, welches es zu vernichten gilt. In Ockeghems Werk mit seinen fein differenzierten Klangnuancen und einander überscheidenden Klangwellen spiegelt sich der Kampf des göttlichen Lichts gegen das Dunkel der Hölle, die grundsätzliche Polarisierung der Welt. Es ist eine musikalische Schöpfung von mystischer Tiefe, die den Zuschauer ergreift und in Bann zieht. Das belgische Vokalensemble „grandelavoix“ bringt die Musik des flämischen Künstlers in der besonderen Akustik der Turbinenhalle unter dem Dach der Bochumer Jahrhunderthalle zu Gehör.

Gebet und orthodoxe Liturgie vereint

Unter den Uraufführungen ragt eine Inszenierung der mehrfach ausgezeichneten belgischen Choreografin und Solotänzerin Anne Teresa De Keersmaeker hervor: Vortex Temproum (Wirbel der Zeiten), ein Spätwerk des 1998 verstorbenen französischen Komponisten Gerárd Grisey. Die Künstlerin lotet dabei die Möglichkeiten eines Dialogs zwischen Partitur und Raum aus. Sie strebt eine neue Dynamik des Ausdrucks an durch das Zusammenwirken ungewöhnlicher und ungewohnter Gesten und Bewegungen.

Weitere Produktionen runden die Triennale ab: unter anderem die Oper „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ nach Motiven von Hans Christian Andersen. In Hamburg 1997 uraufgeführt, ist das Werk die bisher einzige Oper des Komponisten Helmut Lachenmann (Jahrgang 1935). Zum Programm gehört auch eine Reihe von Konzerten mit klassischer Kammermusik. Und vor der Jugendstilkulisse und in der klangvollen Akustik der Maschinenhalle auf der ehemaligen Zeche Zollern in Dortmund präsentiert das Chorwerk Ruhr Beispiele neuer Sakralmusik: „Ikon of the light“ des britischen Komponisten Sir John Tavener, entstanden 1984, beruht auf einem Gebet aus dem 10. Jahrhundert und vereint Hymnen aus der orthodoxen Liturgie. Das Te Deum des Esten Arvo Pärt ist eine Neuvertonung des christlichen Lobgesangs aus dem 4. Jahrhundert. Das breite Spektrum der Ruhrtriennale zeigt die vielfältigen und engen Verbindungslinien zwischen Tradition und Moderne ebenso wie zwischen Weltlichem und Sakralen in der Kunst.

Ruhrtriennale vom 23. August bis 6. Oktober. Weitere Informationen unter www.ruhrtriennale.de