Grenzen der Gattungen

Was der Zwitter in der Biologie, ist in der Literatur (und im Journalismus) der Reiseschriftsteller – eine Mischform, jemand, der Gegensätze verbindet, die sich eigentlich nicht verbinden lassen. Fiktion und Nicht-Fiktion, Dichtung und Wahrheit. Bei den großen Reiseschriftstellern wusste man dies schon immer. Ob Cees Nooteboom, V.S. Naipaul, ob Mark Twain oder Christoph Ransmayr, Heinrich Heine oder Johann Wolfgang Goethe – das literarische Renommee dieser Namen wirkt bei aller Qualität auch als Schutzschild davor, die Berichte aus fernen und nahen Ländern allzu wörtlich zu nehmen. Denn: Wer einmal einen Roman oder eine Kurzgeschichte geschrieben hat, dem traut man zwar zu, dass er über eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe und Intuition verfügt, man hält ihn jedoch nicht unbedingt für einen Vertreter strenger Objektivität, detaillierter Wahrheitstreue.

Noch schwieriger verhält es sich allerdings, wenn der Reiseschriftsteller eigentlich gar kein Schriftsteller ist, sondern lediglich ein Starreporter, was – wie die Beispiele Egon Erwin Kisch und Matthias Matussek zeigen – natürlich auch kein unehrenwerter Beruf ist, allerdings ein Beruf, der ausdrücklich dem Journalismus, sprich der Wahrheitstreue zugerechnet werden muss. Beginnt der Starreporter zu schriftstellern, also zuviel Phantasie mit einfließen zu lassen, dann wird's mit der Vertrauenswürdigkeit schwierig und schmerzlich.

Diese Grenz- und Leidenserfahrung der Schreibgattungen kann man zurzeit in Polen machen, der Heimat des 2007 verstorbenen „Reporters des Jahrhunderts“ Ryszard Kapuscinski. Über Kapuscinski, neben Stanislaw Lem der meistgelesene polnische Buchautor im Ausland, ist soeben eine Biographie erschienen („Kapuscinski. Non-Fiction“), die ziemlich schonungslos enthüllt, dass manche von Kapuscinskis Reise-Büchern keine Berichte über Fakten gewesen seien, wie vermeintlich angenommen und von Kapuscinski selbst auch stets betont, sondern eher zur Literatur gehören. Wie überhaupt Kapuscinskis Vita, so der Autor von Non-Fiktion, der Journalist Artur Domoslawski, viele Dinge enthalte, die nicht ganz der Wahrheit entsprächen.

Kleine Kostprobe? Kapuscinski habe weder den Revolutionsführer Che Guevara noch den kongolesischen Rebellen Patrice Lumumba persönlich getroffen, auch wenn er dies stets behauptet habe. Auch sei er niemals in Gefahr gewesen, von belgischen Fallschirmjägern erschossen zu werden, wie an anderer Stelle von ihm niedergeschrieben. Sein Vater sei niemals, wie von Kapuscinski behauptet, in sowjetischer Gefangenschaft gewesen. Manchmal habe Kapuscinski exotische Dorfnamen erfunden. Manchmal sich als Gegner des Kommunismus inszeniert, obwohl er sogar als Informant des polnischen Geheimdienstes im Einsatz gewesen sei.

Daran, dass Domoslawski Recht hat, zweifelt in Polen niemand. Doch wie umgehen mit dem neuen Bild des Starreporters Kapuscinski? Ihn posthum zum Reiseschriftsteller erklären und alle journalistischen Preise aberkennen? Ihn zum größten polnischen Reiseschriftsteller küren, der unter der Tarnkappe des Journalisten großartige Literatur fabriziert habe? Oder einfach nur – de mortuis nihil nisi bene – die Biographie entsorgen und verbieten, was sich zum Beispiel Kapuscinskis Witwe zusammen mit Wladyslaw Bartoszewski und Erzbischof Jozef Zycinski wünscht? Die Antwort darauf ist nicht einfach. Bleibt also nur zur Schadensbegrenzung für zukünftige Generationen der Kodex: Jeder schreibe in einer Gattung – und darin so gut wie möglich. Der Schriftsteller schreibe Fiktion. Der Journalist schreibe Non-Fiktion. Ohne Vermischung. Und der Reiseschriftsteller? Dieser schreibe, wie der Name schon sagt, auf Reisen. Was immer er will. Ohne Grenzen.