Goldene Träume

Wie Gustav Klimt vom Angepassten zum Provokateur wurde – Zu seinem 100. Geburtstag. Von Maria Palmer

Eines der letzten Bilder Gustav Klimts: Dame mit Fächer (1917/18). Foto: IN
Eines der letzten Bilder Gustav Klimts: Dame mit Fächer (1917/18). Foto: IN

Nicht jeder wird als Provokateur geboren. Gustav Klimt jedenfalls war ein angepasster junger Mann, der dankbar die Möglichkeiten nutzte, die sich ihm durch das Stipendium boten, das ihm, dem armen Sohn eines Goldgraveurs, ein Studium an der Wiener Kunstgewerbeschule ermöglichte. Klimt, geboren am 6. Februar 1918, war das zweite von sieben Kindern. Widrige Umstände zu akzeptieren, sich anzupassen, scheint für ihn selbstverständlich gewesen zu sein. Er adaptierte die konservativen künstlerischen Ausdrucksformen, die man ihn lehrte und er hatte Erfolg damit. Gemeinsam mit seinem Bruder Ernst, der ihm an die Kunstschule gefolgt war, und ihrem Freund Ernst Matsch gründeten sie die Künstler-Compagnie, ein Atelier, in dem die Konzeptionen für die Werke des Trios entstanden. Die Deckengemälde, die die Compagnie für die Wiener Hermesvilla gestaltete, jenes „Schloss der Träume“, das Kaiser Franz Josef I. seiner Gemahlin Kaiserin Elisabeth schenkte, müssen dem Monarchen gefallen haben, denn er zeichnete Klimt 1888 mit dem goldenen Verdienstorden aus, mit dem er zugleich Klimts Wandgemälde für das Burgtheater in Wien würdigte. Ob im Kunsthistorischen Museum, in den Theatern von Reichenberg, Karlsbad und Fiume oder dem Schloss Peles in Rumänien – die Wand-, Decken- oder Vorhanggemälde Klimts zeigen traditionelle Sujets, wie die Bürger der österreichischen Monarchie sie liebten: Allegorien, Embleme und traumschöne Landschaften.

Der sichtbare Stilbruch in Klimts Werk, der Weg von der stilsicheren Wiedergabe des Tradierten in die künstlerische Selbstaussage eröffnet sich erst, nachdem 1892 sowohl sein Vater als auch sein Bruder Ernst sterben und er die Verantwortung für die Familie übernehmen muss. Ein Widerspruch. Denn gerade nun wäre es mehr als angeraten gewesen, auf dem einmal beschrittenen, finanziell ertragreichen und daher sicheren Weg weiterzugehen. Aber die Wunde, die der Tod dieser beiden so wichtigen Bezugspersonen riss, erwies sich als Öffnung für die Wahrnehmung dessen, was Klimt als die nackte Wahrheit bezeichnete. Er konnte und wollte nicht mehr malen, was „man“ sehen wollte, sondern ausdrücken, was er wahrnahm. Sein persönlicher Stil aber erwies sich, auch wenn er uns heute allenfalls als ästhetisch und wenig aufregend erscheint, als beträchtliche Provokation. Denn die nackten Wahrheiten, die Klimt in Form symbolischer Figuren seiner Werke wie „Die alten Griechen und Ägypter“ oder „Pallas Athene“ präsentierte, zeigten nicht nur unbekleidete Frauenkörper. Das allein hätte nicht ausgereicht, denn daran war man auch in einer Zeit, in der man in dieser Hinsicht eine wohltuende Zurückhaltung übte, im Bereich der Kunst durchaus gewohnt.

Aber Klimt wies mit seiner neuen, strengen Darstellung, die auf die bis dahin stilprägende, auf Anmut und zarte Weiblichkeit setzende Form verzichtete, auch auf soziale Schieflagen hin. Seine „Nuda Veritas“ wirkt streng, fast harsch und wer diese Botschaft noch nicht verstanden hatte, wurde durch das über dem Bild in Gold eingravierte Wort Schillers „Mach es wenigen Recht, vielen gefallen ist schlimm“ eindeutig darüber aufgeklärt, welchen Weg Klimt ab jetzt einschlug. Was die Wiener an Klimt wirklich aufregte, war also weniger die Nacktheit der von ihm dargestellten Menschen. Seine Provokation bestand vielmehr darin, dass er, der die Armut seiner Familie immer klaglos hingenommen hatte, sich plötzlich weigerte, die ungerechte Verteilung der Güter in der Gesellschaft seiner Zeit unkommentiert hinzunehmen. Nun, da nicht mehr sein Vater, sondern er seiner Mutter und seinen Geschwistern gegenüber verantwortlich war, als er Nein sagen musste zu berechtigten Wünschen, und den Schmerz ihrer Entsagung stärker spürte als jemals den eigenen Verzicht, sah er die Verhältnisse seiner Zeit als das, was sie wirklich waren, eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Dass er Widerspruch von den Institutionen erfuhr, die ihn bislang unterstützt hatten, durfte Klimt nicht wundern. Wer der Gesellschaft so schonungslos den Spiegel vorhielt, wie er es tat, muss mit Gegenwind rechnen. Der Künstler handhabte das Repertoire der Symbolsprache virtuos und sprengte auch hier die Grenzen des bis dahin Erlaubten. Keinem Gebildeten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts entging, was Klimt meinte, wenn er zu Füßen der Figur auf seinem Bild „Nuda Veritas“ eine Schlange malte, deren Form einem Hirtenstab gleicht und die Bildunterschrift schroff durchtrennt.

Was ihm wichtig ist, drückt Klimt nicht nur in seinen Bildern aus. Er wird eines der Gründungsmitglieder der Wiener Secession, der Vereinigung der bildenden Künstler Österreichs. Überzeugt, dass Kunst Raum braucht, unterstützende Strukturen, Ausstellungsmöglichkeiten für neue junge Talente, setzt er sich als deren erster Präsident für Maler, Skulptoren und Architekten ein, deren Werke er nicht nur in Ausstellungen, sondern auch in dem periodisch erscheinenden Magazin Ver sacrum präsentiert. In dieser Zeitschrift kommen zu den Zeichnungen im Jugendstildesign Texte bedeutender Autoren und Poeten aus ganz Europa. Rainer Maria Rilke findet sich mit seinen Gedichten hier ebenso wie Hugo von Hofmannsthal mit seinen Erzählungen. Mit Ricarda Huch und Maria Auchentaller sind auch Frauen vertreten. Klimt, der für sein Werk „Philosophie“, das in Wien skandalisiert und von dem Publizisten Karl Kraus mit antisemitischen Einlassungen diskreditiert wurde, bei der Pariser Weltausstellung mit einer Goldmedaille ausgezeichnet worden war, macht die französischen Impressionisten in seiner Heimatstadt durch die Ausstellungen der Secession bekannt.

Wenn er seine persönliche Integrität angegriffen sieht, reagiert Klimt konsequent. Er betreibt Crowdfunding und kann mit Hilfe einiger Gönner die Gemälde „Philosophie“, „Medizin“ und „Jurisprudenz“ von der Wiener Universität zurückerwerben. Aus heutiger Sicht ist diese Gradlinigkeit, mit dem er das abgelehnte Eigene wieder zu sich nahm, bedauerlich, denn die Gemälde verbrannten 1945 in Niederösterreich.

Ob trotz oder gerade wegen der Kontroversen um seine Bilder – zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind Klimts Werke europaweit bei Ausstellungen in Prag, Dresden, München, Venedig, Rom, Budapest und Berlin präsent. Der Künstler erhält vor allem Aufträge aus dem Bereich des aufgeklärten Großbürgertums, das Grenzüberschreitungen nicht nur in Gedankenexperimenten erprobte. Mit den Familien, die seine Bilder kauften, stand er in engen Beziehungen, eine Intimität, die sich auch in den Porträts wie beispielsweise „Dame mit Fächer“ widerspiegelt.