Gewalttätige Tendenzen

„Höhepunkt einer Serie von Anschlägen“: Gedanken nach dem Mord an dem Priester Abbé Jacques Hamel. Von Dominik Kardinal Duka OP, Erzbischof von Prag und Primas von Böhmen

Besorgt: Dominik Kardinal Duka. Foto: dpa
Besorgt: Dominik Kardinal Duka. Foto: dpa

Nach den terroristischen Attacken vor allem in Frankreich und Deutschland haben wir nun auch einen Mordanschlag auf einen Priester erlebt, der gerade dabei war, die heilige Messe zu feiern. Diese Tatsache könnte ein Memento für jene sein, welche die vorhergegangenen Ereignisse zu verharmlosen suchten, indem sie diese ausschließlich psychisch kranken oder frustrierten Menschen zuschrieben.

Für uns Katholiken aber hat dieser furchtbare Mord noch eine tiefere Dimension, ist er doch in seiner Gänze ein echtes Sakrileg. Ich erhebe meine Stimme nicht nur deshalb, weil ich den Mord an dem greisen Priester Vater Jacques Hamel, dem die Kehle durchgeschnitten wurde, für eine große Gräueltat angesichts seines Priestertums halte, sondern auch, weil seine Ermordung der Höhepunkt einer Serie von Anschlägen darstellt, weil das Schweigen oder Lügen zu den tatsächlichen Ursachen, die zu diesen Ereignissen geführt haben, gleichbedeutend mit der Beteiligung am Selbstmord dieser unserer Zivilisation wäre.

Ich kenne die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils, ich weiß, um was es in „Nostra aetate“ geht, zu was es uns auffordert. Ich kenne die Verlautbarungen des Päpstlichen Rates der letzten Monate. Ich bin ein Verfechter des Dialogs zwischen den Religionen und ich stimme mit Papst Franziskus darin überein, dass man den Islam und den Terrorismus nicht gleichsetzen kann.

Ich erinnere mich aber auch an die Worte von Papst Franziskus in einem Interview mit der französischen Wochenzeitung „La Croix“, wie sie von Radio Vatikan wiedergegeben wurden: „Man kann die Tore nicht unvernünftig weit öffnen“, räumte Papst Franziskus ein, als die Rede auf die Flüchtlinge kam. Dabei stellte er jedoch auch fest, dass es notwendig ist, sich zuallererst die Frage zu stellen, warum es überhaupt so viele Flüchtlinge gebe, welches die Ursachen seien für den Ansturm von Millionen von Menschen.

Der Papst prangerte das globale Wirtschaftssystem an, welches auf der Anbetung des Götzen des Geldes gründe und forderte die Europäer auf, eine Ghettoisierung der Einwanderer zu vermeiden. „Ein Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen ist möglich“, fügte er hinzu. Ich denke nicht, dass dieser Tage in erster Linie Furcht vor dem Islam an sich besteht, sondern vielmehr vor dem Islamischen Staat und seinem Eroberungskrieg, welcher zum Teil aus dem Islam abgeleitet wird. „Es ist wahr“, fuhr Franziskus fort, dass der Gedanke der Eroberung zum Geist des Islams gehöre, aber ebenso wäre es möglich, den Aussendungsbefehl Jesu im Matthäusevangelium als den selben Gedanken von Eroberung zu verstehen. Auch forderte er zum Nachdenken darüber auf, wie das westliche Demokratiemodell in Länder wie Irak oder Libyen exportiert werden könne. Machen wir uns bewusst, dass es sich bei diesen Aussagen nicht um einen geschlossenen Text handelt, in welchem der Islam erörtert wird, sondern in der Hauptsache um eine Ad-Hoc-Äußerung zu den aktuellen Ereignissen.

Wenn wir also darüber sprechen wollen, dass „Eroberung zum Geist des Islam gehöre“, so ist es etwa nötig, den Schluss des Matthäusevangeliums zu betrachten, wenn Jesus zu den Aposteln sagt: „Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. (Mt 28, 19–20). Jesus hat seinen Jüngern nicht die Eroberung der Welt vorgeschrieben, sondern die Verkündigung der Frohen Botschaft des Heils, das der Sohn Gottes bringt, und der Botschaft des Liebesgebotes gegenüber Gott und unserem Nächsten. Ich kenne auch sehr gut besonders Kardinal Vingt-Trois und seine Ansicht.

Der Islam birgt in sich tatsächlich gewalttätige Tendenzen und es ist vonnöten, diejenigen zu unterstützen, die auf der Gegenseite dieser Tendenz als gläubige Muslime stehen. Manchmal verstehen wir nur ungenügend die Art und Weise der Anschauungen dieser Menschen, die ihr Leben inmitten einer religiösen Gesellschaft verbracht haben, geschweige denn, dass sie ihren Glauben konsequent praktizieren. Als ich die Predigt von Erzbischof Lebruns anlässlich der Beerdigung von Vater Hamel hörte, wie konnte ich da nicht einverstanden sein mit dem Aufruf zur Feindesliebe, wie ihn Jesus formuliert hat. Nein, wir sind nicht rachsüchtig, wir wollen nicht Böses mit Bösem vergelten, Gewalt mit Gewalt. Die Liebe muss doch aus den Bitten um die Gaben des Heiligen Geistes folgen, vor allem um die Gaben der Vernunft und des Rates. In diesem Licht betrachtet warnte Kardinal Vingt-Trois, der Erzbischof von Paris, in seiner Würdigung für den am 26. Juli dieses Jahres ermordeten Vater Hamel vor „denen, die sich in das Gewand des Glaubens hüllen, um ihre mörderischen Absichten zu maskieren, vor denen, die uns den Gott des Todes predigen wollen, den Moloch, der über den Tod des Menschen jubelt und das Paradies denjenigen verspricht, die morden“. Diejenigen dürften jedoch nicht erwarten, dass die Menschheit ihren Wahn nicht durchschaut. Der Kardinal sagte auch, dass der katholische Glaube nach dem Evangelium handeln muss, um diese trostlose Botschaft aus dem Islam zu überwinden. Ebenfalls sprach der Kardinal kritisch über den mangelnden Mut der französischen Gesellschaft, wenn es darum gehe, sich mit der Bedrohung durch den „Islamischen Staat“ auseinanderzusetzen.

Ich stelle mir vor allem die Frage, wie wir einen Dialog mit dem Islam oder den Ungläubigen führen wollen, wenn wir nicht einmal imstande sind, miteinander inmitten der Kirche einen Dialog zu führen. Anstelle eines Dialoges, einer ehrlichen Suche nach der Wahrheit, stellen wir unsere Gegner als Narren hin, schließen sie aus der Gemeinschaft der anständigen Menschen aus und greifen ihre Ehre mithilfe von übler Nachrede an. Wenn wir jemandes Anschauung widerlegen wollen, zerstören wir denjenigen, der sie innehat, ähnlich wie das die Nationalsozialisten und Kommunisten in ihren Regimes taten. Nein, zwar rollen heute keine Köpfe, noch wird eine langjährige Haftstrafe verhängt, aber die Wirkung ist ähnlich: die zerstörerische Wirkung auf das Leben unseres Nächsten. Erinnern wir uns nur an eine öffentlich bekannte Beschuldigung, die sich im Laufe der Zeit als falsch oder nicht nachweisbar herausstellte, dass trotz Freisprüchen und Entschuldigungen derjenige, den man beschuldigt hatte, einen Teil seines Lebens verloren hatte.

Ich will in diesem Moment alle Menschen guten Willens dazu aufrufen, dass sie mehr für die Opfer des Terrors beten mögen und weniger nach Entschuldigungen oder Ausflüchten für die Täter suchen. Es wäre besser, wenn wir nicht diejenigen skandalisierten, die in gutem Glauben von ihren Befürchtungen zu künftigen Entwicklungen, welche Europa betreffen, oder über deren Ursachen, sprechen. Es könnte sonst leicht passieren, dass wir auf unserem Hinterhof Tauziehen spielen, während an seinem Zaun Dinge geschehen, auf die wir am Ende nicht mehr ausreichend reagieren können. Wir haben nämlich die Pflicht, unsere Brüder und Schwestern zu schützen, ihr Land und ihren Glauben.

Aus dem Tschechischen exklusiv für „Die Tagespost“ übersetzt von Barbara Wenz.

Zwischen dem Prager Kardinal Dominik Duka und der Redaktion der von der Tschechischen Bischofskonferenz herausgegebenen Wochenzeitung „Katolicky tydenik“ ist es zum Streit über einen Artikel Dukas gekommen. In dem Beitrag, den „Die Tagespost“ hiermit dokumentiert, hatte der Kardinal nach der Ermordung des französischen Priesters Jacques Hamel durch Islamisten zu mehr Vorsicht vor Muslimen gewarnt. Die Wochenzeitung lehnte es ab, Dukas Text zu drucken. Der Kardinal veröffentlichte den Artikel daraufhin auf seinem Blog.

Während die Chefredaktion der katholischen Wochenzeitung die Diskussion um die Ablehnung des Artikels als einen „Sturm im Wasserglas“ bezeichnet, sprechen andere von einem offenen Zerwürfnis zwischen einem Teil der tschechischen Katholiken und ihrem Primas. Immerhin gehöre die Wochenzeitung der Bischofskonferenz, der Duka vorstehe. Der Historiker Jaroslav Sebek sagte der Zeitung „Pravo“ (Dienstag), der Kardinal stoße schon deshalb einen Teil der Katholiken vor den Kopf, weil er in einer Reihe von Fragen andere Ansichten vertrete als Papst Franziskus. Zudem störten sich viele daran, dass Duka zu den Überzeugungen von Staatspräsident Milos Zeman neige. Zeman ist ein entschiedener Gegner der Aufnahme muslimischer Flüchtlinge in Tschechien. DT/KNA

Muslime gedenken vor der Kirche von Saint-Etienne-du-Rouvray des Priesters Jacques Hamel, der dort Ende Juli von Islamis... Foto: dpa