Geschäftsmann im Moralsumpf

Unaufgeregter Erzählrhythmus und herausragende Darsteller: „A Most Violent Year“ bietet eine gute Gesellschaftsstudie. Von José García

Im Winter 1981 versuchen Abel Morales (Oscar Isaac) und seine Frau Anna (Jessica Chastain) im Geschäftsleben integer zu bleiben.Foto: Square One/Universum
Im Winter 1981 versuchen Abel Morales (Oscar Isaac) und seine Frau Anna (Jessica Chastain) im Geschäftsleben integer zu ...

New York, 1981: In den Radionachrichten wird von einem Polizistenmord berichtet. Von der Welle schwerer Gewaltverbrechen, die in diesem Jahr die Stadt heimsuchen, wird der Zuschauer im Laufe von J.C. Chandors Spielfilm „A Most Violent Year“ immer wieder erfahren. Denn wegen seiner Kriminalitätsrate wird das Jahr 1981 als das gefährlichste in die Stadtgeschichte eingehen. Wie viele andere Einwanderer auch verfolgt Abel Morales (Oscar Isaac) mit seiner Frau Anna (Jessica Chastain) den „amerikanischen Traum“. Beim täglichen Joggen sieht Morales nicht nur den Verfall der Stadt, sondern auch seine ganz große Chance: Auf einem Industriegelände direkt am Hudson River könnten Anna und er die Heizölfirma, die sie gemeinsam aufgebaut haben, zu einer der bedeutendsten in der Stadt machen.

Die achtziger Jahre prägen den Film auch ästhetisch

Die eigentliche Handlung von „A Most Violent Year“ beginnt, als Abel Morales durch eine hohe Anzahlung eine Option auf den Kauf des Industriegeländes erwirbt. Innerhalb eines Monats muss er die Restzahlung in Millionenhöhe tätigen. Sonst verliert er alles: die Anzahlung, in die er seine gesamten Rücklagen gesteckt hat, sowie das Grundstück, für das sich ebenfalls die Konkurrenz interessiert. Für die Restzahlung rechnet er mit einem Kredit – was eigentlich kein Problem sein dürfte. Schließlich unterhält er gute Beziehungen zur Bank, und er gilt als zuverlässiger, die Kredite bedienender Geschäftsmann.

Doch die in New York grassierende Gewalt macht auch vor den Morales nicht Halt. Als einer der Lastfahrer von Abels Firma, der junge Julian (Elyes Gabel), bei der Auslieferung zusammengeschlagen und das Heizöl gestohlen wird, ist dies der Auftakt zu einer Reihe bewaffneter Überfälle auf die Heizöltransporte. Unabhängig vom Wert der jeweiligen Lieferung steht auch das Ansehen der Firma auf dem Spiel. Obwohl die Gewerkschaft eine Bewaffnung der Fahrer fordert, möchte Abel seine Geschäfte mit legalen Mitteln weiterhin führen. In diesem Augenblick meldet sich der stellvertretende Bezirksstaatsanwalt Lawrence (David Oyelowo): Er will Anklage gegen die Firma erheben. Zwar sieht Abel einer Überprüfung der Bücher gelassen entgegen. Aber der Firmenanwalt Andrew Walsh (Albert Brooks) zeigt sich besorgt. Da die Bank den Kredit verweigert, schaut sich der Unternehmer nach anderen Geldquellen um, was allerdings neue Abhängigkeiten schafft. Als auch seine Familie bedroht wird, muss sich Abel fragen, wer hinter den Vorfällen steckt und ob er seine Grundsätze überdenken sollte.

„A Most Violent Year“ ist nicht nur zu Beginn der achtziger Jahre angesiedelt. Auch die Bilder und insbesondere die Farbpalette mit ihren Sepiatönen und teils verwaschenen Tönungen spielen im Zusammenwirken mit dem kunstvollen Szenenbild und den ausgesuchten Kostümen sowie mit der klassischen Kameraführung auf die in New York angesiedelten Filme von Martin Scorsese, Francis Coppola und Sidney Lumet an. Die wenigen Actionszenen unterscheiden sich ebenfalls von den rasanten und meist schnellgeschnittenen Verfolgungsjagden zeitgenössischer Filme. So lässt Regisseur J.C. Chandor etwa auf die Verfolgung eines Lastwagens durch ödes Industriegebiet eine lange, realistisch wirkende Sequenz zu Fuß folgen.

Diese Actionszenen sind insgesamt jedoch eher selten in „A Most Violent Year“, der weitestgehend ein gemächliches Erzähltempo einsetzt. Spannung erzeugt Regisseur J.C. Chandor nicht durch äußere Elemente, sondern durch die Dramaturgie selbst, die sich eher klassisch als altmodisch ausnimmt. Dabei setzt er auf die starken moralischen, der Geschichte innewohnenden Fragen und deren Ambivalenzen, sowie auf die überzeugend spielenden Darsteller. Oscar Isaac, dessen Mutter aus Guatemala und dessen Vater aus Kuba stammt, wurde in Catherine Hardwickes „Es begab sich aber zu der Zeit“ („The Nativity Story“, 2006) international bekannt. Für seine erste Hauptrolle eines talentierten, aber erfolglosen Folksängers in „Inside Llewyn Davis“ (Ethan und Joel Coen, 2013) wurde Isaac für den Golden Globe nominiert. Er gestaltet Abel Morales als aufrechten, ethischen Grundsätzen verpflichteten Geschäftsmann – „Ich habe mein ganzes Leben lang versucht, kein Gangster zu sein“, sagt er beispielsweise einmal. Der prinzipientreue Unternehmer sieht sich allerdings mit einer mit harten Bandagen und moralisch fragwürdigen Methoden kämpfenden Branche konfrontiert. Jessica Chastain verkörpert dessen Ehefrau Anna, die als Tochter eines wohl mit Gangster-Methoden aufgestiegenen Geschäftsmanns eine ambivalentere Position einnimmt. Die kalifornische Schauspielerin, die seit Terrence Malicks „The Tree of Life“ (2011) immer wieder starke Charaktere – etwa auch in „Zero Dark Thirty“ (Kathryn Bigelow, 2012) – verkörpert hat, gestaltet Anna als härter als ihr Ehemann, der sich durch eine gewisse Verletzlichkeit auszeichnet.

J.C. Chandor bietet mit seinem neuen Film nicht nur ein Gesellschaftsporträt einer gewalttätigen, durch Korruption und sonstige unlautere Geschäftspraktiken gekennzeichneten Zeit. Wenn diese Studie bedeutend weniger bissig-desillusioniert ausfällt als die entsprechenden 70er Jahre-Spielfilme von Coppolas „Der Pate“ (1972) über Lumets „Serpico“ (1973) bis Scorseses „Taxi Driver“ (1976), dann insbesondere auch dank der Hauptfigur des Abel Morales, der bei allem Kampf um Marktanteile seinen Prinzipien treu zu bleiben versucht.