Geheimnis Frau

Überall hört man vom Femininen, schnell wird es erklärt und bejubelt. Dabei bedarf es eigentlich einer Neuentdeckung – bei Männern und bei Frauen. Von Beile Ratut

Den Verstand übersteigend: Manchen Männern, wie dem Maler Fernand Khnopff, gelingt es, das weibliche Wesen zu entschlüsseln. Foto: IN
Den Verstand übersteigend: Manchen Männern, wie dem Maler Fernand Khnopff, gelingt es, das weibliche Wesen zu entschlüss... Foto: IN

Die Frau scheint in unserer Gesellschaft den Siegeszug angetreten zu haben. Überall ist sie zu finden, zunehmend auch dort, wo man die Welt erklärt, und an den Schaltstellen der Macht. Bedeutet dies, dass auch das Feminine den Siegeszug angetreten hat? Gibt es einen Wesenskern des Weiblichen, etwas Unveränderliches, das die Frau repräsentiert, ein Mann aber nicht? Und was mag das sein, das Feminine? Legen wir unser Denken nicht in Ketten, wenn wir an einer längst überholt geglaubten Metaphysik geschlechtlicher Polarität festhalten?

Es scheint eine Tatsache zu sein, dass beides, das Maskuline und das Feminine, in einem Menschen eingepasst sein müssen, damit sein Leben ungestört verlaufen kann. Auch scheint die Ausgestaltung des Weiblichen, wenn man verschiedene Kulturen betrachtet, veränderlich; die Konstellationen von Gefühl, Gesellschaft, Kultur und Mode, in denen sich eine Frau wiederfindet, wechseln unablässig. Was uns heute weiblich erscheint, hängt in vielschichtiger Weise von äußeren Umständen und vom persönlichen Wesen der einzelnen Frau ab. Doch scheint es, schaut man genauer in das Menschsein hinein, trotz all dieser Wandelbarkeit der äußeren Form ein Feminines zu geben, eines, das manchmal da ist, manchmal nicht. Doch wenn es fehlt, dann erscheint die Frau seltsam verfremdet, eine Karikatur des Mannes, patent in der Sache vielleicht, doch gesichtslos, hart und ohne Substanz. Man kann sie heute allerorten treffen, sie kabbelt sich in intellektuellen Grabenkämpfen, sie gibt nicht nach. Sie verdächtigt, was an anderen Frauen noch empfindsam ist. Sie geht ihre Mitmenschen harsch an. Sie gibt sich adrett, sie will sich verwirklichen, will gelten und nicht sein. Sie will begehren und nicht dulden, postulieren und nicht säen. Eine Frau kann unabhängig von ihrem Beruf, ihren Aufgaben oder ihrer Erscheinung feminin sein. Sie kann aber auch vom Femininen abgetrennt sein, selbst in Bereichen, in denen man das Feminine besonders erwartet, an der Wiege beispielsweise.

Dem Esoteriker geht es noch leicht von der Hand, das Feminine an einer Skala von Eigenschaftswörtern festzumachen. Doch vielleicht sind jene Wörter nur ein flüchtiger Eindruck dessen, was uns aufscheint und was wir vom Femininen erfassen können. Es leuchtet ein, dass das Feminine mehr ist als empfangend und sensibel, empathisch und fließend, zyklisch und kreativ, verbunden und intuitiv, weich und fühlend, entschleunigend und nährend, vielfältig und erfüllt. Aber was?

Für die Polarität der Geschlechter scheinen der Bau des menschlichen Körpers und die Funktionsweise seiner Organe grundlegende Faktoren zu sein. Der Rhythmus des weiblichen Körpers lässt sich nicht verändern und ist in die Natur eingebettet. Das ganze Wesen der Frau, angefangen von der Biologie, ist auf Verbindung und Erhaltung ausgerichtet, und der Mensch ist in der Polarität von Mann und Frau gezeugt, eingebettet, grundgelegt. Von dieser Polarität mag man heute kaum noch sprechen, geschweige denn in ihr leben.

Könnte der Grund hierfür sein, dass die Frau eine Jahrtausende währende Unterwerfung erlebt hat? Diese scheint eine Konstante zu sein. Schon die Bibel sagt, dass der Mann als Folge der Erbsünde über die Frau herrschen wird; die Frau ist von Anbeginn dem Männlichen ausgeliefert. Durch Unterjochung und Herabsetzungen, üble Nachrede, Vergewaltigung und Kompromittierung wird die Frau, die nicht nur körperlich auf Bund, Empfängnis und das Hegen des durch eigenes Dulden möglich gewordenen neuen Lebens ausgerichtet ist, in existenzieller, harscher Weise tief in ihrem Innersten verletzt. Mag hier eine Ursache dafür liegen, dass die Frau nicht feminin sein will?

Auch erschiene es heute ungehörig, wenn jemand feststellte, dass es bestimmte Bereiche geben könnte, in denen der Mann aufgrund seines Geschlechts und seiner Befähigung der Frau grundsätzlich voraushechtet. Was spricht aber dagegen festzustellen, dass ein Mann hier mit viel größerer Wahrscheinlichkeit herausragend ist als eine Frau? Warum muss eine Frau mit ihm konkurrieren? Um Geltung, um Einfluss? Muss die Frau sein wie ein Mann? Was, wenn man feststellte, dass es wiederum Bereiche gibt, in denen die Frau dem Mann voraus ist? Auch dass das Feminine aufgrund seiner Merkmale gewisse Sphären nicht begeht, gewissen Konstellationen fernbleibt, sagt man das? Denkt man über das Feminine nach? Spricht man davon? Darf es denn sein? Und inwieweit repräsentiert die Frau heute das Feminine? Will sie es noch? Die heute vorherrschende und unsere Wahrnehmung vom Menschsein durchdringende Idee der Gleichheit ist das Gegenteil von Gerechtigkeit, weil sie nivelliert und Identitäten auslöscht, Wurzeln abschneidet und Quellen verleugnet. Es gibt dann keine Persönlichkeiten, nur noch Vereinzelte. Geschlecht ist dann eine Zusammenstellung von verschiedenen mehr oder weniger erogenen Bausteinen und hormonellen Unausweichlichkeiten, die aber durch Geistlosigkeit ausweichlich gemacht werden. Der moderne Mensch scheint den Bund, einen innerlichen Einschluss in die Schöpfung verloren zu haben. Ist das nicht gleichbedeutend damit, dass er die Berührung mit dem Femininen verloren hat? Das innerliche Erkennen der Welt entsteht in der Verbindung mit dem, was erscheint, wissenschaftliche Erkenntnis dagegen ist nur in der Abkopplung von der Welt möglich. Der moderne Mensch ist nicht eingebettet in etwas Universales, Absolutes, und alles, was wir heute wissen können, ist dadurch glanzlos, seelenlos geworden. Das Wissenschaftliche herrscht über die Schönheit und Poesie, über Dichtung und das Ästhetische; innerliche Einsicht dagegen ist wertlos, lächerlich, sie ist lediglich von subjektiver Relevanz, ein dekoratives Moment, ein gefühlsmäßiges Huschen. Verstandesmäßig ist sie bedeutungslos. Das Subjektive gilt als unwahr. Wahrheit und Schönheit sind damit zwei voneinander abgekoppelte Sphären. Wenn wir aber die Welt rein sachlich betrachten, nicht mehr auf der Grundlage des Verbundenseins, des Vertrauens, dann erscheint uns alles als ein Geratewohl. Das Sinnhafte ist ausgelöscht, fortgenommen, und auch alles Verbindende, der wahre Geist, die Schönheit. Alles können wir intellektuell durchdringen, alles logisch erkennen. Wo aber ist der Boden, in dem wir wurzeln? Woher? Wer? Warum? Mit wem? Wohin?

Das Kind ist, bevor sich sein Bewusstsein ausgestaltet, seine Vernunft entwickelt, in der Sphäre der Mutter geborgen. Es wird dort nicht bleiben, sich sanft von der Mutter lösen, Abschied nehmen, jeden Tag ein bisschen, um ein eigenständiger Mensch zu werden. In dieser vorbewussten Zeit des Menschen entwickelt sich seine Beziehung zum Femininen, die Urschrift jeder Beziehung, das Urbild des Bundes, das nur in der geschlechtlichen Vereinigung in der Ehe seinen Kehrreim, eine gleichwertige Variation findet.

Während der Mann die Welt immer als ein Über-sich-hinaus sieht und der Gedanke, die Idee, das Gefühl für ihn ein Außen sind, ist der Frau ihr Sein identisch mit Gedanke, Idee und Gefühl. Immanenz ist ein feminines Kennzeichen, und der Geist Gottes, der in der Welt weht, ist die uns feminin erscheinende Repräsentanz des Allerhöchsten. Man kann sich eine neue Welt nicht denken, nein, das Kreative eines Menschen ist ein Akt des Gebärens, des Hinwerfens, das schöpferische Werk gleicht einem Wurf. Das Höchste des Schöpferischen der Frau ist die Mutterschaft. Und nur auf den Scheitelpunkten schöpferischen Wirkens nähert sich der Mann dieser an. Geschieht dies in dem Augenblick, in dem das Feminine ihn innerlich flutet? Bricht dann etwas im Mann hervor, das über sein Mannsein hinausweist, genauso wie etwas in der Frau immer über die Vernunft, über die greifbare Welt und ihre Phänomene hinausweist?

„Die Musen sind weiblich“, sagt der Dichter Karl Frenzel. „Sie lassen einen warten.“ Männliches Schöpfertum ist immer in irgendeiner Weise durchdrungen vom unergründlichen Scheinen des Femininen.

Doch damit dem Mann ein Wurf gelingt, muss das Feminine ihn erreichen, er muss davon berührt werden. Das ist unergründlich, denn es ist kein körperhafter Prozess wie die Empfängnis bei der Frau. Das Feminine inspiriert männliche Formen des Schöpfertums, es verhilft ihnen zum Leben. Die Frau ist dann mögliche oder auch wirkliche Mutter, sie bringt Dinge ins Werden. Ein Merkmal des femininen Seins ist dabei die wartende und geneigte Einstellung, das Gedulden und Erdulden – beides für den heutigen Menschen unannehmbar. Und doch: der Mensch, der sich geduldet und erduldet, bewahrt sein Werk vor der Übernahme durch Scheusale. Denn Geist gedeiht nur im Vertrauen, und dieses hat seinen Ursprung immer in der Beziehung zur Mutter. Wer die Welt aber ohne Vertrauen ausforschen und durchdringen will, den wird sie auffressen; das Forschen vertilgt dann die Person. Durch wissenschaftlichen Erkenntniswillen, der nicht vom Femininen illuminiert wird, beherrscht der Macher die Schöpfung und zerstört die Welt. Zuletzt wird auch der Mensch zum Material, das man beziffern und ausliefern kann. Doch auch das ist dem Femininen eine schmerzende Wunde.

Die Katastrophe des menschlichen Geistes, nämlich sein Herausfallen aus dem Bund, seine Abkopplung von den Phänomenen, die er innerlich nicht mehr erkennen kann, ist hier und jetzt, in diesem Augenblick, existenziell an das Wesen der Frau geknüpft. Hier mag auch der Grund dafür liegen, dass der Teufel die Frau so hasst, weil sie an die Möglichkeit erinnert, dass wir in jedem Augenblick umkehren, uns hingeben, das neue Leben im Bund mit der Schöpfung und ihrer Quelle ins Werden bringen können. Wer aber die Welt zerstören will, wer dem Menschen das Leben neidet, der muss die Empfänglichkeit der Frau hassen. Er macht das Feminine mürbe, mit Jahrtausende währender Unterjochung und Herabsetzungen, übler Nachrede, Vergewaltigung und Kompromittierung – dass sie sich endlich verschlösse, dass sie hart werde und ihr Eigentliches vergäße! Denn was gibt es Stärkeres als das vermeintlich machtlose Feminine, das sich anvertraut, sich schenkt? Was gibt es Bedrohlicheres als jenes Element im Menschen, das sich der Gnade öffnet? Der Glaube an Gott ist geheimnisvoll an jenes Urbild vom Femininen geknüpft, dem wir doch alle entstammen. Liebe lässt sich nicht kontrollieren, sie lässt sich nicht planen, organisieren. Man kann sie nur ausgießen und hegen. Auch als Nährboden der Liebe entzieht sich das Feminine dieser Welt und ihren Machtstrukturen, darum erscheint es unergründlich, irrational, verschleiert, befremdend, albern sogar. Die Frau, die das Feminine in besonderer Weise repräsentiert, kann man unterjochen, nicht aber das Feminine selbst.

Das Feminine ist dem Maskulinen nicht ebenbürtig. Es ist ungleich. So ungleich, dass es schmerzt. Die Frau denkt heute, sie könnte mit dem Mann feilschen. Über Macht und darüber, wer den Heimatort bestimmt, über Einfluss und darüber, wer den Boden kehrt. Doch indem sie das tut, hat sie bereits verloren, ihr Eigentliches verraten. Eine Frau kann den Mann erreichen, indem sie das Wagnis des Femininen eingeht. Sie begibt sich damit jedoch aus dem Gewebe der Macht heraus.

Wenn ein Mann das Feminine nicht annehmen kann, sondern sich der Frau nur unter dem Vorsatz der Verführung nähert, wenn er keinen innerlichen Bund zu einer Frau aufrechterhalten kann, dann ist er nicht frei für die Heterosexualität. Was ein Mann dagegen entdeckt, der mit dem Femininen einer Frau in Berührung kommt, das übersteigt seinen Verstand. Die feminine Frau ist unergründlich. So patent und gebildet, so klug und gewandt sie sein mag, in ihr ist immer etwas sich jeder Vernunft Entziehendes, über die Vernunft Hinausweisendes. Es will also scheinen, dass die Welt und die Dinge, der Mensch und auch Gott ohne das Feminine nicht gesucht und auch nicht empfangen und erfahren werden können. Lassen wir das Feminine zu, dann ist da eine große Hoffnung.