Gegen das EU-Europa

Abendland und Literatur: Warum sich der französische Schriftsteller Michel Houellebecq um die kulturelle und politische Transformation des Kontinents sorgt. Von David Engels

Buchmesse Frankfurt - Michel Houellebecq
An Gott glaubt Michel Houellebecq noch nicht so richtig, aber beim christlichen Erbe Europas sieht er Potenzial – anders als bei der Europäischen Union.dpa Foto: Foto:

Michel Houellebecq hat aus der Provokation ein Geschäftsmodell gemacht: Ob es nun die Omnipräsenz pornographischer Themen ist, der Zynismus seiner Protagonisten oder schließlich die Brutalität vieler seiner Aussagen – Houellebecq macht es seinen Kritikern gerne einfach und seinen Lesern gerne schwer. Oder vielleicht ist es ja auch andersherum: Macht er es womöglich eher seinen Kritikern schwer und seinen Lesern einfach, indem er letzteren gefahrlosen Voyeurismus bietet und erstere weitgehend im Unklaren lässt, ob die in seinen Büchern vertretenen Positionen nun seine eigenen sind oder vielmehr nur dichterische Freiheit, ja vielleicht sogar ironisch verkleidete Kritik?

Michel Houellebecq hätte mit seiner Revolutionierung des Romans durch einen hochartifiziellen minimalistischen Schreibstil (und auch mit seiner geschickten Selbststilisierung) eines Platzes in der französischen Literaturgeschichte sicher sein können. Doch scheint er in den letzten Jahren auch in einem Bereich hervortreten zu wollen, der bislang nur peripher in seinen Romanen erschien: der Politik, und hier im Besonderen der gegenwärtigen politischen und kulturellen Situation des europäischen Kontinents.

Verbunden mit der Analyse Europas ist die Islam-Kritik

Schon in Plateforme (2001) und La possibilité d'une île (2004) war Houellebecq mit arg pauschalisierenden Bemerkungen zum Islam hervorgetreten, welche er dann auch in einigen Interviews vertiefte, wie etwa 2001, als er sich einen Prozess wegen Rassismus einhandelte, weil er gegenüber der Zeitschrift Lire sagte: „[…] die bei weitem dümmste Religion ist der Islam. Wenn man den Koran liest, kann man es einfach nicht fassen!“ Doch erst mit Soumission (2015) stellte Houellebecq seine Islam-Kritik in den allgemeinen Kontext einer umfassenderen Analyse der Lage Europas und lieferte hierbei einen wahren Paukenschlag, der auch ohne den Zusammenfall zwischen der Veröffentlichung und den Pariser Attentaten für Aufsehen geregt hätte. Die Rahmenhandlung ist bekannt: Nachdem aus Angst vor dem Front National alle anderen politischen Gruppierungen eine Islampartei unterstützen, kommt es zur allmählichen Islamisierung Frankreichs, welche vom neuen muslimischen Präsidenten Ben Abbes unter Ausnutzung politisch korrekter Vokabeln geschickt bemäntelt wird. Höhepunkt des politischen Aufstiegs jenes „neuen Augustus“ ist dann die systematische Zentralisierung der EU, welche auch auf die südmittelmeerischen muslimischen Staaten ausgeweitet wird und sich nunmehr als (islamisierter) Nachfolgestaat des römischen Reiches begreift: „Sein ultimatives Vorbild ist eigentlich Kaiser Augustus – und das ist kein mittelmäßiges Vorbild“ (der Einfluss meines eigenen, 2013 veröffentlichten und thematisch ähnlich gelagerten Buchs Le déclin auf Houellebecq wurde in „Le Figaro“ bereits breiter diskutiert).

Houellebecq verbindet hier also die Sorge um eine tiefgreifende kulturelle Transformation Europas mit weiterreichenden geschichtsphilosophischen Spekulationen, bei denen zum einen die Angst vor dem unabwendbaren Ende der christlichen Zivilisation steht, wie sie sich auch in der Nebenhandlung um Karl-Joris Huysmans verdichtet, zum anderen die Erwartung eines endzeitlichen, imperialen Europas, welches wie das römische Reich von einer utilitaristischen Vernunftreligion dominiert würde, wie sie der Islam – Houellebecq zufolge – aufgrund seines Hedonismus und Pragmatismus letztlich darstelle. Dass jene gesellschaftliche Transformation ohne jeglichen Widerstand in die Form der europäischen Verträge gegossen werden kann und von den Intellektuellen sogar als Sieg von Demokratie, Emanzipation und Freiheit gefeiert wird, spricht natürlich Bände über Houellebecqs Bild der EU, wie es in der Folge seines Werks auch immer klarer hervortreten sollte. Die weitreichenden historischen Spekulationen von Soumission waren einer der Gründe, wieso Houellebecq 2018 zum Empfänger des Oswald Spengler-Preises wurde und sich in seiner Dankesrede breiter mit diesem Thema auseinandersetzte: „In der jüngsten Vergangenheit Frankreichs besteht etwas, das nicht einem Selbstmord entspricht, sondern wirklich viel eher einem Mord. Und der Schuldige an diesem Mord ist wohl kaum schwer auszumachen: Es ist die Europäische Union. […] Die westliche Welt in ihrer Gesamtheit bringt sich um […]. Aber innerhalb der westlichen Welt hat Europa eine ganz besondere Form des Selbstmords ausgewählt, welche beinhaltet, die Nationen, die sie ausmachen, zu ermorden.“

Diese Aussage, die vom Verfasser dieses Beitrags ja auch schon in der „Tagespost“ besprochen wurde, wirkt im Rückblick wie ein Dammbruch in Houellebecqs Oeuvre, und wer sich bis 2018 noch der Illusion hingeben mochte, dass man zwischen Mensch und Werk trennen müsse und Houellebecq in seinen politischen Äußerungen lediglich rechte Stereotype ironisiere, wurde spätestens dann eines Besseren belehrt, als er bei einem Interview mit „Valeurs actuelles“ anlässlich seiner Spengler-Rede erklärte: „Ich bin bereit, für egal wen zu stimmen; Hauptsache, man schlägt mir den Austritt aus der EU und der NATO vor.“

Ganz ähnlich äußerte er sich dann auch einige Tage später in einem Interview mit „Harper?s“, wo er auch Donald Trump als einen der besten US-Präsidenten bezeichnete: „Die Europäer haben weder gemeinsame Werte, noch gemeinsame Interessen. Europa existiert nicht; es war eine dumme Idee, aus der ein Alptraum geworden ist“ (wobei zu präzisieren ist, dass Houellebecq hier offensichtlich zwischen dem gegenwärtigen EU-Europa und dem christlichen Abendland, dessen vergangene Größe er trotz seines Atheismus überaus schätzt, zu trennen scheint).

Eine vorläufige Kulmination dieser stark gegen die EU gerichteten Sichtweise findet sich dann in Houellebecqs neuem Roman Sérotonine (2019). Dieser mag zwar zunächst wie eine inhaltlich nur marginal veränderte Variation auf seine bereits sattsam bekannten Hauptthemen wirken (sexuelle Frustration, Depression, Altern, Abhängigkeit, Alkoholismus, Werteverlust, et cetera), zeichnet sich aber sowohl durch eine hoffnungsvollere Haltung der Liebe gegenüber aus als auch durch eine stärkere Politisierung, welche ganz in der Kontinuität der oben getroffenen Aussagen steht. Houellebecq lässt hier seiner Frustration gegenüber der EU wie auch der gegenwärtigen politischen Elite freien Lauf, indem er die katastrophale Situation der französischen Landwirte beschreibt. Es sind zwar nur Randbemerkungen, aber diese haben es meistens in sich: Die EU ist „eine fette Schlampe“ („une grosse salope“), welche die vollständige Industrialisierung der Landwirtschaft und Ausrottung der Bauern betreibt und mit ihren endlosen Regelungen jeglichen Initiativgeist erstickt; der Westen ist am Ende, und zwar nicht durch äußeren Einfluss, sondern nur durch Selbstekel („une civilisation meurt juste par lassitude, par dégout d'elle-meme“); und auch die jüdisch-christliche Kultur ist im Sterben begriffen („Das dritte Jahrtausend […] ist für den vorher als jüdisch-christlich bezeichneten Westen vielleicht das Jahrtausend zuviel“). Auch die französischen Eliten, darunter die meisten führenden Politiker, entkommen Houellebecqs Hohn nicht, wobei er die Allgegenwart der „pensée unique“, des „Gutmenschentums“, bezeichnenderweise als typisch europäische Erscheinung betrachtet: „Der extreme Konformismus der Redner […] war solcherart, dass ich ihre Beiträge bald […] bis auf‘s Wort vorhersagen konnte; die Redakteure und die Gesprächspartner rauschten vorüber wie unnütze europäische Marionetten, Kretin folgte auf Kretin […].“

Es wird Zeit, Houellebecq ernst zu nehmen. Allzulange hat vor allem das deutsche Publikum, vielleicht auch in flagranter Verkennung der französischen Mentalität, feine Ironie oder gar gut kaschiertes gesellschaftliches Engagement gewittert, wo es sich um nichts anderes handelte als Zynismus und Galgenhumor. Doch wenn Houellebecqs Werk sich bislang durch eines kennzeichnete, dann die völlige Gnadenlosigkeit seiner Analyse.

Mit seiner zunehmend offen vorgebrachten EU-Kritik hat sich der französische Romancier nunmehr auf das dünne Eis politischer Meinungsbildung begeben und gezeigt, in welchem geistigen Umfeld seine Zeitkritik (oder eher: Zeitdarstellung) zu verankern ist, nämlich nicht, wie oftmals gedacht, im Bereich einer linken Kapitalismuskritik, sondern eher im konservativen Spektrum, was übrigens auch seine schon von Anfang an durch Sympathie und Nostalgie geprägte Auseinandersetzung mit dem katholischen Erbe erklärt. Vielleicht birgt sein gegenwärtiges Engagement in politischen Fragen daher sogar gewissermaßen eine positive Note, welche zeigt, dass Houellebecq sein bisheriges Niedergangsdenken zu überwinden sucht und somit trotz aller Kritik an der EU zumindest eine Wiederbelebung des Abendlandes durch den christlichen Geist nicht für unmöglich hält, oder, um erneut seine Worte anlässlich der Verleihung des Spengler-Preises zu zitieren: „Ein echter Katholik würde etwas sehr Irrationelles sagen. Er würde sagen: ,Gott wird vorsehen. Die Mediokrität des gegenwärtigen Papstes hat keinerlei Bedeutung. Im letzten Moment wird Gott Heilige für uns hervorbringen.‘ Ein optimistischer Katholik würde hinzufügen, dass er vielleicht schon in der gegenwärtigen Stunde ganz diskret welche hervorbringt.“

Der Autor ist Professor an der Freien Universität Brüssel und beim Institut für westliche Angelegenheiten in Posen.

Buchmesse Frankfurt - Michel Houellebecq
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