Geburt der Kulturkritik aus dem Geist des Stils

Der amerikanische Schriftsteller Tom Wolfe wird 80 Jahre alt Von Till Kinzel

Stets in weiß: Der amerikanische Schriftsteller Tom Wolfe. Foto: dpa
Stets in weiß: Der amerikanische Schriftsteller Tom Wolfe. Foto: dpa

Die Literatur des 20. Jahrhunderts war geprägt von modernen und postmodernen Erzählstrategien. Statt eines Bezuges zur Wirklichkeit, die nur noch als „konstruiert“ (sprachlich oder sonstwie) gedacht werden konnte, standen Sprachspiele im Vordergrund. Es gebe nichts außerhalb des Textes, all unsere Wirklichkeit sei immer schon „textlich“ verfasst, hieß es im Anschluss an die französischen Theoretiker des Poststrukturalismus. Da musste es Erstaunen hervorrufen, als der Amerikaner Tom Wolfe einen Schreibstil praktizierte und verteidigte, der gerade auf das zielte, was postmodernen Zeitgenossen höchst verdächtig sein musste – nämlich Welthaltigkeit. Es ist eben diese Welthaltigkeit, die den Texten Tom Wolfes ihre besondere Note gibt. Denn Wolfe verstand sich als Erbe und Fortsetzer des großen Gesellschaftsromans des 19. Jahrhunderts im Stile Honoré de Balzacs oder Émile Zolas. Er wollte – am eindrucksvollsten in seinem Roman „Fegefeuer der Eitelkeiten“ („Bonfire of the Vanities“) von 1987 die vielfältigen Dimensionen des sozialen Lebens im New York der 80er Jahre einfangen, was ihm hervorragend gelang. Die Spannungen zwischen den Rassen und die Widersprüche jener Jahre zwischen Arm und Reich, von Privatem und Öffentlichem, von Recht und Gerechtigkeit, spiegeln sich in Wolfes Roman in eindrucksvoller Weise.

Anders ist Wolfes bisher letzter Roman „Ich bin Charlotte Simmons“ (2004) aber ebenso auf genauen Beobachtungen und scharfsichtigen Analysen beruhend, diesmal aber der amerikanischen Bildungslandschaft der Gegenwart. Die Frage nach dem, was Bildung sein soll, worin ihr Wert liegt und gegen welche anderen Werte sie verteidigt werden muss, liegt diesem auf einen zentralen Charakter, die Studentin Charlotte, konzentrierten Roman zugrunde. Charlotte sucht nach Bildung und nach Liebe, wird aber in dieser Suche lange frustriert – statt Bildung gibt es an der Universität nur geistloses Mittelmaß und statt Liebe alkoholisierten Sex. Die alte Frage nach der Seele des Menschen stellt sich im Zeitalter der Hirnforschung und allerlei damit verbundenen Reduktionismen und Zynismen neu – Wolfe greift auch all dies auf und verhandelt es anschaulich im Medium der realistischen Fiktion.

Wolfes Schreiben ist geprägt von seinen Erfahrungen als Journalist, der sogenannte „New Journalism“, als dessen Hauptvertreter er gilt, fand aber bei Literaturkritikern nur begrenzt Anklang. Dennoch sind nicht zuletzt seine kunst- und kulturkritischen Essays, die seine Vertrautheit mit allerlei Pop- und Subkulturen zeigen, oft brillante Kabinettstücke erhellender Polemik, die zeigen, dass Wolfe seinen Finger am Puls der Zeit hat.

Im nächsten Jahr soll Wolfes neuester Roman, „Back to Blood“, erscheinen, an dem er mehrere Jahre geschrieben hat und für den er am Ort der Handlung, Miami in Florida, intensiv recherchiert hat. Wolfe bleibt sich bei der Auswahl seiner Themen treu, denn wieder geht es um ein Problem der wirklichen Welt – die Einwanderungsthematik. Man darf gespannt sein, wie der alte Meister des neuen Gesellschaftsromans auch dieses heiße Eisen anfassen wird. Morgen feiert Wolfe seinen 80. Geburtstag.