Gebet und Arbeit auf dem Heiligen Berg

Der Dokumentarfilm „Athos – Im Jenseits dieser Welt“ bietet einen Einblick in das Leben der Mönche, und zeugt auch von ihrer Gottverbundenheit. Von José García

Osterfest auf dem Berg Athos. Der Film zeigt das Leben der Mönche auf dem Heiligen Berg abwechselnd in alltäglichen Verrichtungen und bei verschiedenen liturgischen Feiern. Foto: NFP
Osterfest auf dem Berg Athos. Der Film zeigt das Leben der Mönche auf dem Heiligen Berg abwechselnd in alltäglichen Verr... Foto: NFP

Eine von liturgischem Gesang untermalte Hubschrauberfahrt führt in eine schöne Insellandschaft, in die Welt des Berges Athos („Heiliger Berg“) ein. Eine Schrifttafel klärt dem Zuschauer auf: „Athos ist eine orthodoxe Mönchsrepublik. Als solche besitzt Athos einen autonomen Status unter griechischer Souveränität“. In Großklöstern, kleinen Gemeinschaften oder auch als Eremiten leben hier etwa 2 000 Mönche, die ein eigenes Parlament besitzen. Vom Nebel umgeben, befindet sich der Berggipfel auf 2 033 Metern Höhe. Die zum Weltkulturerbe zählenden 20 altehrwürdigen Großklöster der Mönchsrepublik gehen auf das Jahr 963 zurück, als das erste Kloster, die Große Lavra, vom byzantinischen Mönch Athanasios Athonites gegründet wurde. Zum Berg Athos haben weder Touristen noch Frauen Zutritt. Lediglich Pilger, die allerdings ein Visum brauchen und mit dem Schiff anreisen müssen, dürfen auf den Berg Athos gelangen. Dazu kommen die freiwilligen Helfer und Arbeiter, die während einigen Wochen die Mönche bei einigen Tätigkeiten unterstützen.

Die Regisseure Peter Bardehle und Andreas Martin konnten drei Jahre lang auf dem Heiligen Berg drehen. Allerdings war ihr Weg dorthin nicht einfach, wird auf dem Berg Athos doch grundsätzlich keine Filmgenehmigung erteilt. „Deswegen mussten wir uns vorsichtig an eine Dreherlaubnis heranarbeiten“ – so Peter Bardehle. „Als erstes habe ich versucht, Vertrauen zu wichtigen Mönchen und Äbten herzustellen. Wenn man ihr Vertrauen gewonnen hat, hat man die Möglichkeit, in einem Kloster zu filmen. Der Abt verfügt über eine große Entscheidungsgewalt: Wenn er sich dazu entscheidet, jemandem eine Erlaubnis zum Filmen zu erteilen, übernimmt er gleichzeitig die Verantwortung für das ganze Film-Team und für das Ergebnis, also den Film. Schritt für Schritt haben wir es geschafft, einen Zugang zu dem Heiligen Berg Athos und seinen Bewohnern zu finden. Wir brauchten allerdings ein paar Jahre dafür.“ Die Entstehungsgeschichte ihres Dokumentarfilmes „Athos – Im Jenseits dieser Welt“ erinnert deshalb an die Bedingungen, unter denen Philip Gröning in der Grande Chartreuse „Die Große Stille“ (2005) drehte.

Das deutsch-griechische Filmteam filmte allerdings nicht nur in den Großklöstern, sondern überwiegend in „Skiten“, den Siedlungs-Gemeinschaften, die vom Mutterkloster abhängen, oder bei Einsiedlern, die über den Berg verstreut leben, und nur hin und wieder zu einem der Klöster gehen. Einige dieser Mönchsgemeinschaften an der Südspitze sind bis heute nur auf Eselspfaden erreichbar – dies zeigt „Athos – im Jenseits dieser Welt“ eindrücklich. Gerade zu Beginn sieht der Zuschauer einen Mönch, der noch bei Dunkelheit neben einer Kerze eine Litanei betet. Bardehle und Martin haben es nicht eilig: Die Kamera bleibt minutenlang unbeweglich auf das Gesicht des Mönchs gerichtet. Dadurch verdeutlichen die Regisseure, dass auf dem Heiligen Berg die Uhren ganz anders gehen.

Der Lebensrhythmus der Mönche wird von Gebet und Arbeit vorgegeben. In seiner Mönchsklause schnitzt Vater Galaktion beispielsweise Kreuze und Heiligenreliefs. Galaktion lebte sechs Jahre auf dem Berg Sinai, ehe er vor wiederum sechs Jahren auf den Athos kam. Seitdem lebt er für sich allein an einem schwer zugänglichen Hang. Mit Hilfe einiger Freiwilliger kümmert sich Vater Epiphanios um die Weinlese – er ist der Koch des kleinen Klosters Mylopotamos. Dazu kommen hin und wieder Besucher, die bewirtet werden, etwa von Vater Phileimon im Kloster des Propheten Elias. Diese Alltagsverrichtungen wechseln sich im filmischen Tagebuch „Athos – Im Jenseits dieser Welt“ mit Prozessionen und anderen liturgischen Feiern ab. Einer der auch visuellen Höhepunkte im Film ist zweifelsohne eine Priesterweihe im Großkloster Pantokrator. Der Abt Vater Gabriel steht einer sechsstündigen Feier vor, bei der Vater Loukianos, der gerade erst auf den Athos gezogen ist, geweiht wird.

Durch die alltäglichen Verrichtungen und die Gottesdienste, bei denen die Kamera in ruhigem Rhythmus mehreren Mönchen folgt, wird deutlich, was den Lebensinhalt der Berg Athos-Mönche ausmacht, warum sie sich hierher zurückgezogen haben. Letztlich geht es ihnen nicht um Weltflucht, sondern um die Begegnung mit Gott. Der Dokumentarfilm „Die große Stille“ konzentrierte sich fast ausschließlich auf Innenräume. In „Athos – Im Jenseits dieser Welt“ wechseln die Regisseure Peter Bardehle und Andreas Martin immer wieder zwischen Innen- und Außenräumen. Die Aufeinanderfolge der Jahreszeiten erlaubt es ihnen darüber hinaus, die einzigartige Landschaft in gleißendem Licht oder auch in der klirrenden Kälte einzufangen. Der Aufstieg auf den hohen Berg wird ausdrücklich als eine Metapher für das Leben des (Christen-)Menschen angesprochen. „Athos – Im Jenseits dieser Welt“ wird dadurch zu einer filmischen Meditation über die Stille und den Sinn des Lebens. Vom selbstverständlichen Umgang mit dem Tod zeugt etwa auch ein traditioneller Brauch, der heutzutage fremd, ja sogar etwas verstörend wirken könnte: In jedem Mönchshaus werden die Gebeine der verstorbenen Mönche nach drei Jahren ausgegraben. Sie werden dann im „Beinhaus“ aufbewahrt, wo die Schädel und Knochen der „Entschlafenen“ fein säuberlich nebeneinanderliegen.

Ein Kommentar des Vater Epiphanios, der mit Unterbrechungen seit 40 Jahren auf dem Heiligen Berg lebt, könnte als Fazit von „Athos – Im Jenseits dieser Welt“ dienen: „Wenn ich mich heute wieder entscheiden müsste, würde ich wieder Mönch werden, obwohl ich oft Schwierigkeiten und negative Gedanken hatte.“