Für alle vor Gott stehen

Hochkarätiges Grazer Symposion befasste sich mit Edith Steins innerem Weg – Eine neue gegründete Gesellschaft erschließt ihr geistiges Erbe. Von Stephan Baier

Porträt von Edith Stein in der Maximilian-Kolbe-Kirche in Auschwitz. Foto: KNA
Porträt von Edith Stein in der Maximilian-Kolbe-Kirche in Auschwitz. Foto: KNA

Mehr mit dem geistigen, inneren als dem äußerlich biografischen Lebensweg von Edith Stein befasste sich ein Symposion der Katholischen Hochschulgemeinde Graz unter dem Motto „Vom Unglauben über das Denken zum Glauben“ am Freitagabend. Pater Ulrich Dobhan, Provinzial der Karmeliten in Deutschland und Mitherausgeber der Werke Edith Steins, schilderte, wie die aus jüdischer Familie stammende und 1922 getaufte Philosophin ihren Weg in den Karmel fand. Im Jahre 1938 habe sie rückblickend auf ihren Klostereintritt 1933 geschrieben: „Ich war ein Fremdling in der Welt geworden.“ Ohne ein einziges Mitglied des Karmels persönlich zu kennen, habe Edith Stein bei ihrem Eintritt bereits ein bestimmtes Bild vom Karmel gehabt, das um das „absichtslose Beten“ kreiste. In einer Frankfurter Kirche hatte Edith Stein wochentags eine Marktfrau beobachtet, die sich niederkniete „wie zu einem vertrauten Gespräch“. Dies sei zu einem Schlüsselerlebnis geworden. Die Lektüre der Theresa von Avila, bei der das „Ruhen vor Gott“ zentral ist, hat nach Ansicht von Pater Ulrich Dobhan bei Edith Stein den Ausschlag gegeben, katholisch – und nicht, wie andere Husserl-Schüler, evangelisch – zu werden.

Der für ihr Denken bestimmend gewordene Sühne- und Stellvertretungsgedanke finde sich aber bei Theresa von Avila und Johannes vom Kreuz „so nicht“. Für jemanden zu beten bedeute bei Theresa von Avila, ihn in die eigene Freundschaftsbeziehung mit Gott einzubeziehen. Edith Stein verbinde ihr Sühneleid mit dem Kreuz Jesu. Gleichzeitig sei sie dankbar gewesen für die Gnade der Berufung: „Ich vermisse nichts von dem, was draußen war, und habe alles, was ich draußen vermisste.“ Sie habe es als ihren neuen Beruf gesehen, „für alle vor Gott zu stehen“. Theresa von Avila habe Edith Stein geholfen, in den Karmel zu gehen, ihn zu verstehen und sich vom ersten Tag darin geborgen zu fühlen, Johannes vom Kreuz aber habe Edith Stein geholfen, nach Auschwitz zu gehen, meinte Pater Ulrich Dobhan.

Die Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Mitbegründerin und Vizepräsidentin der Edith-Stein-Gesellschaft sowie Mitherausgeberin der Gesamtausgabe ihrer Werke, erklärte, warum so viele aus dem Schülerkreis des Philosophen Edmund Husserl konvertierten. „Husserl öffnet für eine ganze Generation einen Blick, der durch Skepsis verstellt war.“ Vielen Philosophiestudenten, die „mit einer neokantianischen Blickbeschränkung“ zu studieren begonnen hatten, habe Husserls Phänomenologie „die Scheuklappen geöffnet“, so dass schließlich auch „eine Blicköffnung ins Religiöse“ möglich wurde, was Husserl aber gar nicht beabsichtigt habe. Für Husserl sei Gott kein Gegenstand der Philosophie gewesen, doch habe er gelehrt, ernst zu nehmen, was sich zeigt – unter Ausklammerung der Frage, ob es existiert. So sei „ein ganzes Kaleidoskop von Phänomenen“ wieder zum Thema geworden, etwa das Heilige als Phänomen.

Bereits 1918 habe Edith Stein begonnen, die Ausklammerung der Frage nach der Existenz zu hinterfragen. Sie sei mit einem Erlebnis konfrontiert gewesen, „dem sie nicht gewachsen war“, so Gerl-Falkovitz. „Gibt es Erscheinungen, die alles überrollen, überfluten, außer Kraft setzen? Phänomene des Heiligen, gegen die wir nicht gewappnet sind?“ Edith Stein habe „Erlebnisströme, für die es keine Erklärung gibt“ erfahren, und beschlossen, „ein ganz offenes Auge zu sein“, keine Vorbehalte gegen die Wirklichkeit zu haben. Die Entscheidung, zuzulassen was sich zeigt, habe im Schülerkreis Husserls zu religiösen Erfahrungen und Bekehrungen geführt. Edith Stein nannte es „die selbstlose Hingabe an ein Erleben“. Gerl-Falkovitz meinte: „Nicht mehr ergreifen, sondern sich ergreifen lassen – das ist der eigentliche Umschwung.“ So entstehe Raum für einen Gnadenbegriff, in dem sich das Verhältnis von Wahrnehmung und Wirklichkeit umdreht: „Die Wirklichkeit setzt sich so gegen die Wahrnehmung durch.“

Im Gegensatz zur Psyche sei die Seele bei Edith Stein der Ort der Freiheit. Diese Freiheit aber sei nicht nur punktuelles Stehen, sondern führe in die Hingabe: „Wohin gebe ich meine Freiheit?“ Die Autonomie als reine Selbst-Habe bedeute noch nicht viel, auch sei der Gang ins Innere für Edith Stein nur der Gang in die Leere. Freiheit sei gegeben zur Hingabe: „Das freie Subjekt muss, um mit seiner Freiheit etwas anfangen zu können, Freiheit aufgeben.“ Es gehe darum, „dass der Mensch aus innerster Hingabe tut, was Gott von ihm will“. Gerl-Falkovitz wörtlich: „Hingabe ist ein responsorischer Akt: ein Spiel von jemandem, der zieht, und jemandem, der gibt.“

Gerl-Falkovitz ging auch auf die „Kreuzeswissenschaft“, das Spätwerk Edith Steins über Johannes vom Kreuz, ein. Es gehe um den Verlust des Gefühls der religiösen Wärme, um eine Prüfung, in der der Gläubige, der Herr seines religiösen Gefühls war, eben diese Herrschaft verliert, und in der die Gegenständlichkeit des Glaubens verschwindet. Edith Stein habe in diesem Zusammenhang von „Hilflosigkeit und Leere“ geschrieben, „aber im Inneren keimt etwas Neues, die Seele wird unterwürfig und gehorsam“. Diese Radikalität, die „keine Relation“ mehr zwischen dem eigenen Verstand und der göttlichen Wahrheit kenne, geht laut Gerl-Falkovitz „weiter als alle Religionskritik“. Dies seien „Sätze, zu denen sich die Religionskritik nie vorgewagt hat“. Hier komme Gott so nahe, „dass ich ihn überhaupt nicht mehr sehe“. Der Glaube werde „fassungslos“ und das Verlassen des eigenen Weges, „das Aufgeben der eigenen Art ist schon das Ziel“.

Vor dem Symposion in der Katholischen Hochschulgemeinde hatte Bischof Egon Kapellari in der Grazer Karmelitinnen-Kirche auch auf das Ende Edith Steins im KZ Auschwitz hingewiesen: Nach der Proklamation eines Hirtenbriefes der niederländischen Bischöfe, die mit klaren Worten die Maßnahmen der Nazis gegen die Juden verurteilten, sei „die Verfolgung auf alle Juden im Land ausgeweitet“ worden. „Das Wort der Bischöfe hatte also den Tod vieler weiterer Juden zur Folge. Dies wird von Kritikern Papst Pius XII., die behaupten, er habe durch Unterlassung einer flammenden Verurteilung des nationalsozialistischen Regimes Schuld am Holocaust auf sich geladen, beharrlich übersehen“, so Bischof Kapellari. Edith Stein aber sei „den Weg der Nachfolge Christi gegangen bis an sein Ende am Kreuz“.

Eine neu gegründete „Edith Stein Gesellschaft Österreich“ hat sich zum Ziel gesetzt, ihr philosophisches, pädagogisches und religiöses Erbe zu erschließen sowie ihre Verehrung als Heilige und Mitpatronin Europas anzuregen. Das geistliche Werk der heiligen Edith Stein soll einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.