Für Joachim Gauck war schon der 10. Oktober 1989 entscheidend

Schon am 20. Februar 1990 wurde die DDR de facto an die Bundesrepublik Deutschland übergeben. An diesem Tag erhielt die bundesdeutsche Finanzdelegation von ihrem ostdeutschen Pendant die Schlussbilanz eines sterbenden Staates. Sinnbild der Agonie waren zwei schlichte Bögen Papier. Doch die hatten es in sich. Auf dem einen waren die Inlandsverluste eingetragen und auf dem anderen die Verluste im Ausland. Unterm Strich also nur tiefrote Zahlen. Aber das war nicht das einst so stolze und siegestrunkene Fahnenrot jener, die sich selbstbewusst, doch offenbar etwas voreilig, zu Siegern der Geschichte erklärt hatten. Das war jenes Rot, dass in der wirklichen Wirklichkeit Pleite genannt wird. Mit der Übergabe von zwei Blättern Papier legten die Finanzbosse des „realen Sozialismus“ die DDR buchstäblich in die Hände des kapitalistischen Klassenfeindes.

Die DDR, sie war schon nicht mehr. Das eigene Staatsvolk hatte diese Chimäre aus Hybris und Wahn im Herbst 1989 hinweggefegt. Die friedliche Revolution hatte mit der nächtlichen Maueröffnung am 9. November 1989 endgültig gesiegt, und vom Morgen des nächsten Tages an wuchs nun zusammen, was nach den Worten von Willy Brandt auch zusammengehört.

Die Geschichte von der Papierübergabe an den „Insolvenzverwalter BRD“ wurde von Thilo Sarrazin mit der Lakonie eines selbstbewussten Bürokraten vorgetragen, der genau weiß, dass die Macht zu allen Zeiten und in jeder Staatsform stets denen gehört, die hinter dem Schreibtisch sitzen und nicht davor. Sarrazin war 1989/90 Leiter des Referats innerdeutsche Beziehungen im Bundesfinanzministerium. Sein Dienstherr war Horst Köhler, damals Leiter der Abteilung VII für Geld und Kredit, und ab 1990 Staatssekretär. Leider nahm Köhler nicht an der Podiumsdiskussion im Allianz-Stiftungsforum am vergangenen Donnerstag in Berlin teil. Der Weg vom Schloss Bellevue zum Pariser Platz ist zwar für einen schlichten Bürger nur kurz, aber für den Präsidenten unseres wiedervereinten Landes dann, protokollarisch gesehen, wohl doch zu weit.

Gleichwohl waren neben Sarrazin durchaus jene Menschen versammelt, die dem Motto der „Zeitgeschichtlichen Sommernacht“ (veranstaltet von der Stiftung Aufarbeitung und dem Deutschen Taschenbuch Verlag) genügend Gewicht und überdies eine Dimension zu geben vermochten, die dem selbstgestellten Thema gerecht wurde. Denn Christoph Bergner, Bärbel Bohley und Joachim Gauck sind in den Monaten der ersten erfolgreichen deutschen Revolution nicht nur Zaungäste der Geschichte gewesen, sondern, wen man mit Hegel so will, auch Hilfsfreiwillige des einst viel beschworenen Weltgeistes. Bärbel Bohley hat den bedeutsamen Aufruf der Bürgerbewegung Neues Forum initiiert und mitverfasst. Bergner und Gauck haben ihn unterschrieben und mitverbreitet und sorgten auf ihre Weise dafür, dass Thilo Sarrazin im Frühsommer 1990 die Kosten der deutschen Einheit ausrechnen und die schrecklichen nackten Zahlen seinem Staatssekretär Köhler übergeben konnte. Der das politisch unerwünschte Papier dann allerdings in einem bundesfinanzministerialen „Giftschrank“ einschloss, wo es vielleicht noch heute auf seine Wiederentdeckung wartet.

Für den evangelischen Pastor Joachim Gauck war das Schicksal der DDR „intellektuell“, wie er sagte, am Morgen des 10. Oktober 1989 nach der nicht im Blut erstickten Leipziger Massendemonstration besiegelt und der für ihn emotional bedeutsame „point of no return“ – der Punkt, von dem es aus kein Zurück mehr gab – war der 19. Oktober, als auch die gegenüber den Sachsen immer etwas langsameren Mecklenburger in Rostock massenhaft auf die Straße gingen und wie die Leipziger ihre nur allzu menschliche Feigheit und Angst vor der SED-Staatssicherheitsdiktatur überwanden. In Gaucks Gottesdiensten standen Sonntag für Sonntag Mütter auf, die erzählten: „Vor ein paar Tagen ist mein Sohn in den Westen gegangen!“ „Und gestern meine Tochter!“. Aus der Trauer über diese Verluste erwuchs die Wut. Aus Wut wurde Zorn, und aus dem Zorn die Kraft zum Widerstand. So ist es zu allen revolutionären Zeiten gewesen. Man kann es auch das Gesetz der Straße nennen.

Eigener Reformweg der DDR: Bärbel Bohley wollte das

In den sechs bis acht Wochen vor dem Mauerfall ist das Neue Forum die Stimme des ostdeutschen Volkes gewesen. Aber als die Bürgerbewegung die auch für ihre Protagonisten unerwartete Grenzöffnung als „zu früh“, „zu unüberlegt“ beklagte (Bärbel Bohley hat nach eigenen, historisch belegten Selbstaussagen in der Nacht des 9. November Trübsal geblasen und ist ins Bett gegangen. Woran sie am vergangenen Donnerstag in Berlin von Joachim Gauck nicht gerne mehr erinnert werden mochte) – als sich das Neue Forum anschickte, „die Utopie“ retten zu wollen und nun das „Experiment eines wahren demokratischen Sozialismus“ auf ihre Agenda setzte, sich mithin als Volkserzieher gerierte, der den Menschen übelnahm, dass sie sich für die kapitalistische Warenwelt begeisterten, da nahmen die Volksmassen ungerührt auch weiterhin ihr Recht auf Selbstbestimmung wahr und zogen über das Neue Forum hinweg auf die deutsche Einheit zu. Aus „Wir sind das Volk“ wurde „Wir sind ein Volk“ und die Volkskammerwahlen vom März 1990 machten den Weg zur Wiedervereinigung endgültig frei.

Mit diesem Verlauf hat Bärbel Bohley, wie sie unmissverständlich deutlich machte, auch heute noch elementare Schwierigkeiten. „Das Volk hat Geld, Bananen und Kohl gewählt“, so ihr Urteil 1990, so ihr Urteil auch noch heute. Frau Bohley hätte sich „eine langsamere Annäherung“ und eine „selbstbewusstere Vereinigung“ gewünscht. So sprechen Leute, die sich – obwohl ohne legitimes Mandat – für die wahre Stimme des Volkes halten.

Joachim Gauck widersprach Bärbel Bohley denn auch vehement, und zwischen beiden entwickelte sich auf der Ostseite des Brandenburger Tors für einige lange Minuten so etwas wie ein wiederaufflammender Familienstreit mit auch für die Öffentlichkeit nicht uninteressanten Zügen. Christoph Bergner war es dann, der nüchtern klarstellte, dass das Neue Forum auf dem besten Wege gewesen sei, eine „neue Nationale Front“ aufzubauen, die – wie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – über die Köpfe der Menschen hinweg Schicksal spielen wollte. Für Bergner war die Bundesrepublik Deutschland kein kapitalistisches Schreckgespenst, sondern ein gefestigter demokratischer Staat, mit dem er sich gerne vereinen wollte. Als Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt 1993/94 und heutiger Parlamentarischer Geschäftsführer im Bundesinnenministerium trug und trägt Bergner das Seine zur Stärkung dieser Demokratie bei.

Der fünfte auf dem Podium war Klaus-Dietmar Henke. Zwar hat er als Historiker am Institut für Zeitgeschichte in München die deutsche Revolution nur als mehr oder weniger ferner Beobachter erlebt. Aber weil Henke der Herausgeber des gerade bei DTV erschienenen Sammelbandes „Revolution und Vereinigung 1989/90. Als in Deutschland die Realität die Fantasie überholte“ ist, ging seine Teilnahme in Ordnung. In Ordnung auch deshalb, weil das von Henke publizierte Buch vermutlich schon in naher Zukunft zu einer unerlässlichen Quelle für alle diejenigen werden wird, die sich aus beruflichen oder privaten Gründen dafür interessieren, wie es denn bitteschön „damals wirklich gewesen ist“. Zwischen einem Anfangsessay von Richard Schröder – „Vor dem Sturm. Die unnormale Normalität der DDR“ – und einer Schlussbetrachtung von Charles S. Maier – „Die ostdeutsche Revolution“ – stehen die beiden Kapitel „Krise und Aufbruch in der Deutschen Demokratischen Republik“ und „Die Reaktionen des Bundesrepublik Deutschland und der Mächte“, und soweit sich das aus der Warte eines nichtwissenschaftlichen Zeitzeugen sagen lässt (der allerdings am Morgen des 10. November 1989 zusammen mit Tausenden die Mauer vor dem Brandenburger Tor erklomm und in den Wochen und Monaten danach als Fernsehkulturjournalist die Ereignisse in Berlin hautnah erlebt und kommentiert hat), deckt der DTV-Band auf mehr als siebenhundert Seiten alle Aspekte ab, die für den Verlauf von Revolution und Vereinigung von zeithistorischer Relevanz sind. „Wie konnte die DDR untergehen?“ Auf diese Frage des insgesamt gut präparierten Moderators Ulrich Mählert hat Joachim Gauck eine ebenso schlichte, wie richtige Antwort gegeben: „Weil die Menschen auf der Straße das Geschehen diktiert und so das System zum Einsturz gebracht haben.“ Natürlich hat es günstige Rahmenbedingungen geben. Papst Johannes Paul II., Gorbatschow, Polen, Ungarn. Man könnte noch andere Stichworte nennen. Aber wie Klaus-Dieter Henke völlig korrekt anmerkte: „Für erfolgreiche Revolutionen hat es immer und zu allen Zeiten erfolgreiche Rahmenbedingungen gegeben. Sonst wären sie gescheitert.“

Kulturstaatsminister Neumann wird bei DDR-Thema emotional

In einem erstaunlich emotionalen Grußwort des ansonsten eher norddeutsch-spröden Kulturstaatsministers Bernd Neumann kündigte dieser die Erhöhung des aus seinem Hause stammenden Etats für die Aufarbeitung der DDR von bisher 23 auf nunmehr 35 Millionen Euro an. Neumann macht damit deutlich, dass er die Zeichen der Zeit erkannt hat. Wenn es nämlich nur 20 Jahre nach dem Mauerfall in Deutschland möglich ist, eine Debatte darüber loszutreten, ob die DDR ein Unrechtsstaat war oder nicht, wenn den Urhebern solcher Debatten, die mit allerlei sophistischen Winkelzügen aus der Diktatur des Proletariats ohne rechtsstaatliche Instanzen, ohne Verfassungsgericht, ohne Verwaltungsgerichte, ohne Menschen- und Bürgerrechte und ohne freie Wahlen, dafür aber mit einer allgegenwärtigen brutalen Staatssicherheit, mit Gefängnissen für politische Gefangene und mit einer verminten, schwer bewachten und mit Selbstschussanlagen versehenen tödlichen Grenze, nicht sofort und ohne zu zögern Hohn und Spott entgegenschlägt – oder solche Volksverdummer besser noch aus dem politischen Verkehr gezogen werden –, dann ist in der Tat etwas faul im deutschen Staat und Aufklärung über die menschenverachtende Diktatur der SED ist mehr als nur wünschenswert. Denn sie ist lebensnotwendig für den Fortbestand unserer deutschen Demokratie.